Der Wald und das Wild

Zur Jagd bei den Landesforsten

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Jagd in den Landesforsten.

Göhrde - Über die vielen Rehe und Hirsche sind Waldbesitzer wenig erfreut. Auch das Bundesamt für Naturschutz fordert mancherorts eine deutliche Reduktion. So geht es bei der Jagd in den Landesforsten auch um die Zukunft des Waldes - und ein hochwertiges Lebensmittel als Beute.

Dauerregen, grauer Himmel, ein Grad - immerhin ist es schon hell. Trotz des Wetters sind an diesem unwirtlichen Morgen knapp 50 Jäger gekommen, rund ein Drittel sind Förster, die anderen Freizeitjäger. Eingeladen hat sie das niedersächsische Forstamt Göhrde am Ostrand der Heide.

Forstamtsleiter Uwe Barge

"Herzlich willkommen zu dieser kleinen Arbeitsjagd", begrüßt Forstamtsleiter Uwe Barge die versammelten Weidmänner, es folgt die Sicherheitseinweisung. Rotwild und Damwild soll geschossen werden, vor allem weiblich und jung. Hirsche heißen bei den Jägern nur die männlichen Tiere. Auch Wildschweinen und Rehen beiderlei Geschlechts soll es an den Kragen gehen. Bei der Drückjagd heute soll das Wild von Treibern und Hunden langsam an den Schützen vorbei durch den Wald "gedrückt" werden.

Das erste Reh ist schnell gesichtet 

Kaum ist der Hochsitz erreicht, springt schon ein Reh durch den verschneiten Wald davon. "Eine Ricke", sagt Barge nur, während er mit Gewehr und Rucksack die Leiter hochklettert. Von oben geht der Blick über die hügelig-verschneite Waldlandschaft vor der Kanzel. "Das ist ein Fichten-Reinbestand, wie wir ihn heute nicht mehr anlegen würden", erklärt der promovierte Forstwissenschaftler, während immer wieder nasser Schnee in dicken Placken von den Bäumen fällt.

"Der Buchenanteil soll in den Landesforsten auf 35 Prozent erhöht werden", hat Sprecher Reiner Baumgart zuvor mit auf den Weg gegeben. Neben gepflanzten Bäumen solle das auch im Zuge der natürlichen Verjüngung mit den Samen alter Bäume geschehen. Besonders in Heide und Harz würde eine natürliche Mischwaldbildung sonst noch viele Jahrhunderte auf sich warten lassen. Auch Eichen sollen profitieren.

Wild schädigt Wald

"Vor allem das Rotwild sorgt für Schäden, aber auch die Rehe verhindern in vielen Gebieten eine Verjüngung", erklärt Barge. Rehe finden junge Laubbäume besonders schmackhaft und die Hirsche ziehen die Rinde von den Bäumen, sie "schälen". Pilze können dann eindringen, manchmal stirbt der betroffene Baum auch.

Jagd in den Landesforsten.

Vor allem Rehe und Hirsche richten mancherorts erhebliche Schäden in den Wäldern an. "Überhöhte Schalenwildbestände führen in weiten Teilen der deutschen Wälder zu massiven Problemen", bestätigt Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. "Eine deutliche Reduktion, insbesondere der Rehwildbestände, ist in den betroffenen Regionen dringend erforderlich." Der Deutsche Jagdverband verweist dagegen etwa auf die Beunruhigung durch Waldbesucher und das jahreszeitlich extrem schwankende Äsungsangebot in der modernen Agrarlandschaft.

"Wir wollen soviel Wild wie möglich - aber was möglich ist, darf uns einzig und allein der Wald sagen", meint Barge. "Die Parole "Wald vor Wild" wollen wir uns nicht auf die Fahne schreiben, weil wir den guten Kontakt zur Jägerschaft nicht verlieren wollen", betont er. "Ohne die zivilen Jäger können wir unsere Ziele nicht erreichen."

Wolf ist keine Bedrohung

Außer Jägern und Autos haben die Rehe nicht viel zu fürchten, auch wenn der Wolf in die Göhrde zurückgekehrt ist. "Der Wolf hat sich sehr, sehr stark auf das Damwild und das Muffelwild ausgewirkt", sagt Barge. "Fast 90 Prozent des Muffelwildes ist in den vergangenen beiden Jahren aus der Göhrde verschwunden." Die Wildschafe wurden vor mehr als 100 Jahren aus Sardinien und Korsika nach Deutschland gebracht, in der Göhrde lebt das bundesweit älteste Mufflonvorkommen.

In Niedersachsen haben sich 2012 die damalige Landesregierung, Forstbesitzer und Jäger darauf geeinigt, die Wildbestände in den Wäldern zu reduzieren, eine Kommission wurde eingerichtet. "Diese Wald-Wild-Erklärung beginnt mit dem zentralen Satz: Wald und Wild gehören untrennbar zusammen", betont Florian Rölfing, Sprecher der Landesjägerschaft. Und so ist der Wald-Wild-Konflikt in Niedersachsen ein weniger umstrittenes Thema als etwa in Bayern. Dort ist der Grundsatz Wald vor Wild seit 2005 auch im Waldgesetz verankert.

"Die Jägerschaft hat andere Interessen, aber das ist durchaus legitim", meint Barge. Da stünden die Freude an Jagd und Natur im Vordergrund. "Manche Jäger haben Hemmungen, weibliches Wild zu schießen. Das ist eine alte, aber falsche Tradition", bedauert er.

Jäger haben strengere Auflagen

Jagd in den Landesforsten.

In den vergangenen Jahren hat sich einiges getan. So haben die Jäger am Morgen nicht nur ihren Jagdschein vorlegen müssen. Auch mussten sie unter anderem einen Übungsnachweis mit der Waffe zeigen. In den Landesforsten darf zudem nur noch mit bleifreier Munition geschossen werden, Rückstände in Wild und Natur sollen so vermieden werden. "Wildfleisch ist ein extrem hochwertiges Lebensmittel", sagt Barge. "Mehr Bio geht nicht - und fettarm ist es auch." Rund 172 Millionen Euro waren allein die bundesweit im Jagdjahr 2014/2015 erlegten Hirsche, Rehe und Wildschweine wert, das entsprach mehr als 24 000 Tonnen reinem Wildbret. Dazu kamen Hunderttausende Hasen und Kaninchen sowie Federwild wie Tauben, Gänse und Enten.

"Jagd ist nicht nur eine waldbauliche Aufgabe", betont Barge. "Bei der Jagd geht es auch darum, sich zu seiner eigenen Freude am Beutemachen zu bekennen." Ein Reh zieht schnell durch die Bäume, Barge legt an, doch das Tier bleibt nur für einen kurzen Moment stehen - zu kurz für einen sicheren Treffer, Barge schießt nicht.

Jagd in den Landesforsten.

Vereinzelt fallen noch Schüsse, dann verlassen die Schützen ihre Sitze. Treffpunkt ist eine Wiese nicht weit vom Forstamt. Die geschossenen Tiere liegen auf einem mit Fichtenzweigen ausgelegten Rechteck, acht Rehe und zwei Wildschweine. Barge ist nicht recht zufrieden, er hatte sich mehr erhofft. "Das Rotwild hat wohl den Braten gerochen", sagt er nur. Jäger und Treiber treten an, mit Jagdhörnern wird die Strecke verblasen. Im Wald ist nur noch der fallende Schnee zu hören, die Jagd ist vorbei.

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