Forscher in Niedersachsen untersuchen Veränderungen

Corona: Immune-Escape-Varianten - wenn das Virus von Antikörpern nicht mehr erkannt wird

Das Coronavirus verändert sich. Forscher untersuchen auch in Niedersachsen, was passiert, wenn das Impfen aufgrund sogenannter Immune-Escape-Varianten nicht mehr wirken sollte.

Berlin/Braunschweig - Das Impfen geht voran, immer mehr Menschen erhalten bereits die zweite Dosis, und die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität steigt. In diese Hoffnung mischt sich jedoch die Sorge um Virusmutationen, die immun sind gegen die Impfstoffe und die sich auch nicht von einer bereits überstandenen Infektion abschrecken lassen. Kanzleramtschef Helge Braun hatte im Gespräch mit der „Bild am Sonntag“ vor der Gefahr gewarnt, dass mit den parallel steigenden Infektionszahlen laufenden Impfungen die Möglichkeit bestehe, dass die nächste Virusmutation den Impfstoff unwirksam werden lasse.

Bundesland:Niedersachsen
Landeshauptstadt:Hannover
Regierungschef:Ministerpräsident Stephan Weil (SPD)
Regierende Parteien:SPD und CDU

Mit dieser Sorge steht der CDU-Politiker und Mediziner nicht alleine da. Wissenschaftler in Niedersachsen befassen sich schon länger mit dem Thema. Es klingt mal mehr alarmierend, mal weniger. Eine theoretische Gefahr. Dass sich Sars-CoV-2 grundsätzlich gut anpassen kann, leiten Experten des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Auftreten von Virusvarianten ab, die teilweise oder komplett resistent beispielsweise gegen neutralisierende Antikörper sind.

Immune-Escape-Varianten: Wenn das Virus von Antikörpern nicht mehr erkannt wird

Der in Südafrika zuerst nachgewiesene Typ B.1.351 könnte nach Einschätzung der Experten „eine Grundlage für die Entstehung sogenannter Immune-Escape-Varianten darstellen“. Solche Escape-Varianten, also Flucht-Varianten, haben sich genetisch verändert in einem Umfang, der es den Antikörpern, die gegen das ursprüngliche Virus gebildet wurden, nicht mehr möglich macht, das Virus zu erkennen. „Tarnung“ nennt Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig das. „Viren werden aber nicht vollständig unsichtbar“, sagt Cicin-Sain.

Die DNA-Analyse zeigt Forschern, dass sich das Coronavirus verändert hat. Die Stelle der Veränderung im Viruserbgut wird durch die Striche markiert.

Wenn der sogenannte Selektionsdruck steige – etwa durch einen wachsenden Anteil an Geimpften in der Bevölkerung - hätten es die Viren zunehmend schwerer, erklärt Cicin-Sain. Nur die Stärksten können sich dann noch durchsetzen. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mutanten ausbreiten, die vom Immunsystem nicht oder nicht gut erkannt werden. Die zweifache Impfdosis biete aber einen guten Schutz auch gegen bisher bekannte Corona-Mutanten, sagt der Forscher. Zumal der Anteil an Antikörpern im Blut nach einer Impfung in der Regel deutlich höher sei als nach einer Corona-Infektion.

Superglue-Klebstoff statt Uhu, wenn Sie so wollen.

Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig über B.1.1.7.

Gesundheitsbehörden wie das RKI oder die Weltgesundheitsorganisation analysieren schon seit geraumer Zeit die Virustypen, um sogenannte „besorgniserregende Varianten“ gut im Blick zu behalten. Als solche gelten derzeit B.1.351 (Südafrika), P.1 (Brasilien) und die aus Großbritannien bekannte Mutante B.1.1.7. Dass Letztere sich mittlerweile auch in Deutschland weit verbreitet hat, liegt laut Cicin-Sain aber nicht daran, dass sie eine Escape-Variante sei – sondern sie binde besser an Zellen. „Superglue-Klebstoff statt Uhu, wenn Sie so wollen.“

Unwirksamkeit ist ein extremes, aber mögliches Szenario

Eine Gruppe von Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam veröffentlichte jüngst eine Umfrage unter Epidemiologen und Virologen aus 28 Ländern, zu deren Einschätzung, was passiere, wenn sich eine solche Flucht-Variante doch durchsetzt. Dem Ergebnis zufolge könnten diese Art von Mutationen die aktuellen Impfstoffe gegen Covid-19 in einem Jahr oder weniger unwirksam machen. So fanden Forscher des Leibniz-Instituts für Primatenforschung in Göttingen und des Universitätsklinikums Ulm heraus, dass ein Antikörper, der für die Covid-19-Therapie eingesetzt wird, bei den Varianten B.1.351 und P.1 bereits komplett wirkungslos gewesen sei.

Forscher untersuchen, wie sich Veränderungen im Erbgut des Coronavirus auf die Wirksamkeit der Impfung auswirken können.

Stefan Pöhlmann und Markus Hoffmann vom Deutschen Primatenzentrum stufen die beiden daher als Escape-Varianten ein. Es sei aber davon auszugehen, dass B.1.351 und P.1 immer noch durch die verfügbaren Impfstoffe gehemmt würden. „Allerdings ist der Impfschutz möglicherweise reduziert und von kürzerer Dauer.“ Dass Varianten entstehen, die nicht mehr durch jetzt verfügbare Impfstoffe gehemmt werden, ist den Forschern zufolge „ein extremes Szenario, aber nicht auszuschließen“.

Allerdings ist der Impfschutz möglicherweise reduziert und von kürzerer Dauer.

Stefan Pöhlmann und Markus Hoffmann vom Deutschen Primatenzentrum

Geht es dann zurück auf Los? Ganz so dramatisch ist es wohl nicht. Zwar würden Lockerungspläne bei den Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung wohl um Wochen oder gar Monate zurückgeworfen, wie Modelliererin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen vor kurzem sagte. Aber schon die bisherigen Impfstoffe bieten zumindest einen gewissen Schutz, wie etwa Cicin-Sain sagt.

Impfstoffe könnten so verändert werden, dass sie auch gegen die Mutanten wirken

Die aktuellen Impfstoffe können nach Angaben der Präsidentin des Österreichischen Verbands der Impfstoffhersteller, Renée Gallo-Daniel, auch binnen sechs bis acht Wochen so verändert werden, dass sie ebenfalls gegen Mutanten wirken. Weil sie dann als neuer Impfstoff gelten, müssten sie aber gleichermaßen zugelassen werden.

Nach der Zulassung muss dann die Produktion umgerüstet werden.

Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Österreichischen Verbands der Impfstoffhersteller

Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat für diesen Fall schon ein Prozedere geplant, das eine rasche Zulassung für diese adaptierten Impfstoffe ermöglicht, wie auch der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, vor kurzem versicherte. „Nach der Zulassung muss dann die Produktion umgerüstet werden“, erklärt Gallo-Daniel weiter. Auch das koste Zeit. Zu klären sei dabei, ob die gesamte Produktion oder nur ein Teil umgestellt werden muss.

Es ist nicht die einzige Frage, die Politiker und Behörden im Falle des Falles - möglichst schnell - beantworten müssen, wie die Verbandschefin deutlich macht: Wer entscheidet, ab wann auf einen veränderten Impfstoff umgestiegen wird? Müssen beide Impfstoffe verwendet werden? Ist es möglich, dass ein Impfstoff entwickelt wird, der mehrere Corona-Stämme enthält und regelmäßig angepasst wird – ähnlich wie bei der Grippe? Nicht zu guter Letzt kann heute noch niemand wirklich sagen, wie lange der Impfschutz eigentlich hält. Mit Material der dpa.

Rubriklistenbild: © Jens Büttner / picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild

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