Klimawandel deutlich spürbar

Überschwemmungen in Niedersachsen möglich – was es zu beachten gilt

Unwetter-Katastrophe in Deutschland sorgt für „surreale, gespenstische“ Lage. Kann das in Niedersachsen auch passieren? Das sagen Experten.

Hildesheim – Dass der Norden für Regen bekannt ist, das ist keine Neuheit. Doch Bilder wie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz dürften nahezu jeden Menschen schockieren. Doch unerwartet kommt so eine Katastrophe nicht, bereits im vergangenen Jahrtausend warnten Wetterexperten vor dem Klimawandel und deren Folgen, wie wir sie nun auch in Deutschland erleben. Auch in Niedersachsen geht das Wetter immer weiter in die Extremen.

LandNiedersachsen
Fläche47.614 km²
Bevölkerung7,982 Millionen
HauptstadtHannover

Experten gehen davon aus, dass Starkregenereignisse wegen des Klimawandels auch in Niedersachsen künftig zunehmen werden. Ein Überblick, welche Regionen betroffen sein könnten und wie sich Land und Kommunen wappnen. Wenn Starkregen einen Ort trifft, bleibt meist nur wenig Zeit: Keller laufen voll, Sturzfluten reißen Autos und Straßen weg - und im schlimmsten Fall wie nun in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz auch Menschenleben. Schnell werden Bilder von der Sturmflut 1962 in Hamburg wach.

Sind solche extremen Niederschläge wie in NRW und Rheinland-Pfalz auch in Niedersachsen möglich? 

„Starkregen kann überall und jederzeit auftreten“, sagt Uwe Petry von der Hochwasservorhersagezentrale des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Hildesheim. Der NLWKN beschäftigt sich bereits lange mit dem Klimawandel und den Folgen für die Wasserwirtschaft im Land. Auch in der Vergangenheit habe es schon extreme Niederschlagsereignisse gegeben. „Unsere Analysen zeigen aber, dass wahrscheinlich im Zuge des sich wandelnden Klimas die extremen Ereignisse, wie etwa Hochwasser aber auch Trockenheit, intensiver und auch häufiger auftreten können“, berichtet Petry.

Hochwasser im Norden ist keine Seltenheit. Doch wie schlimm kann es bei uns werden?

Wie wahrscheinlich und wo genau es dazu komme, sei abhängig von der Wetterlage und auch von der Topographie, also von dem Gelände. Denn feuchte Luftmassen würden an Höhenzügen wie etwa in Südniedersachsen aufsteigen, sich abkühlen und dann abregnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich solche Starkregenereignisse über lange Zeit bei uns abregnen, ist laut Petry in Niedersachsen mit Ausnahme des Südostens vielleicht etwas geringer. Denn das Gelände in Niedersachsen sei flacher als in NRW und Rheinland-Pfalz mit ihren Mittelgebirgen.

Welche Regionen in Niedersachsen könnten besonders betroffen sein? 

Die NLWKN-Experten konnten feststellen, dass es bereits im langjährigen Mittel zwischen 1971 und 2000 sowohl im Sommer als auch im Winter Starkregenereignisse mit hohen Niederschlagsmengen gab. Betroffen waren demnach vor allem Regionen entlang der Küste, der äußerste Westen und die Ausläufer der Mittelgebirge im südlichen Niedersachsen. „Das zentrale und östliche Niedersachsen wiesen dagegen etwas geringere Niederschlagsmengen bei Extremereignissen in der Vergangenheit auf“, sagt Hochwasser-Experte Petry. Zudem geht der NLWKN davon aus, dass die Abflussmengen bei Hochwasser künftig an den mittleren und großen Flüssen wie Aller, Leine, Oker, Hase und Hunte insbesondere im Sommerhalbjahr zunehmen werden.

Wann kann es zu Überschwemmungen und Schäden kommen? 

Problematisch wird es, wenn viel Wasser innerhalb kurzer Zeit etwa in dichte Siedlungen oder enge Flusstäler ströme, in denen die Fluten nur schwer versickern können und sich daher stauen. Solche Abflüsse könnten dann im Schnitt auch deutlich stärkere Schäden anrichten als etwa auf unbesiedelten, ebenen Flächen, sagt Petry. Wie aus einer im April dieses Jahres veröffentlichten Analyse des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hervorgeht, ist jedes zehnte Wohnhaus in Niedersachsen durch Starkregen gefährdet - weil es in einem Tal oder nahe eines kleinen Gewässers liegt.

Die Bilder aus NRW zeigen, wie groß das Ausmaß der Überflutung ist.

Welche Schäden gab es durch größeren Starkregen in der Vergangenheit? 

Im Juli 2017 wurde nach tagelangem Dauerregen in Teilen Niedersachsens Katastrophenalarm ausgerufen. Tief „Alfred“ suchte vor allem den Harz heim. Braune Fluten strömten durch die Straßen von Goslar, auch Wolfenbüttel und die Region südlich von Hannover waren schwer betroffen. Laut Deutschem Wetterdienst fiel an wenigen Tagen so viel Regen wie sonst im ganzen Monat Juli. Allein im Raum Goslar entstanden Schäden in zweistelliger Millionenhöhe. Bereits im Mai 2013 traten wegen anhaltender Regenfälle Bäche und Flüsse im südlichen Niedersachsen über die Ufer. Betroffen war da das Flusseinzugsgebiet von Aller, Leine und Oker. Erst im vergangenen August gab es nach heftigen Regengüssen Überschwemmungen am Deister.

Wie könnte ein besserer Schutz gegen Starkregen aussehen?

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) forderte am Freitag angesichts der verheerenden Bilder aus den Katastrophenregionen mehr Tempo bei den Verfahren zum Hochwasserschutz. Das Land baue etwa die Hochwasservorhersagesysteme weiter aus. „Durch die Aufnahme neuer, auch kleinerer Flussgebiete wird eine Prognose so immer detaillierter möglich“, sagte Lies. Der regionale und lokale Hochwasserschutz ist Aufgabe der Kommunen. In Bad Salzdetfurth (Kreis Hildesheim) etwa läuft derzeit ein Modellprojekt zur Starkregenvorsorge. Dort sollen Risikokarten dabei helfen, Maßnahmen gegen Starkregen abzuleiten. Einige Wasserverbände, wie etwa der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband, bieten solche Starregengefahrenkarten bereits an. 

„Wir müssen lernen, mit dem Wasser umzugehen“

Uwe Petry

Welche Rolle spielt die Versiegelung von Oberflächen?

NLWKN-Experte Petry rät, künftig genau zu überlegen, wo weitere Siedlungsgebiete oder Gewerbeflächen ausgewiesen werden sollen. Bei solch heftigem Starkregen, wie etwa nun im Westen Deutschlands sei es gar nicht mehr möglich, das Wasser aus den Siedlungen herauszuhalten. „Wir müssen lernen, mit dem Wasser umzugehen“, sagt er. In der Stadtplanung sollte daher darauf geachtet werden, gezielt Überschwemmungsflächen für Starkregenereignisse frei zu halten. Kommunen könnten die Starkregengefahr entschärfen, indem sie das Wasser in bestimmte Bereiche leiten, wo Schäden geringer ausfallen.* kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/Jens Büttner

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