An der Grenzen der Kapazität

Das Lager Friedland ächzt unter extremer Belegung

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 Die Flüchtlingsunterkunft im Kreis Göttingen platzt wegen der ständig steigenden Flüchtlingszahlen aus allen Nähten.

Friedland - Von Matthias Brunnert. Menschenschlangen sind derzeit typisch für Friedland. Denn die Zahl der Flüchtlinge wächst. Das überfüllte Aufnahmelager gerät an die Grenzen seiner Kapazität.

Die Luft ist verbraucht. Dutzende Flüchtlinge drängen sich auf dem engen Flur. Einige sind so müde, dass sie sich auf den steinernen Boden gesetzt haben. Mancher Kopf sinkt schwer zur Seite. Die Menschen warten darauf, im Erstaufnahmelager Friedland registriert zu werden. Vor einigen Stunden, mitten in der Nacht, sind sie in der Einrichtung südlich von Göttingen angekommen.

„Diesmal waren es nur 65“, sagt Heinrich Hörnschemeyer, der das Lager Friedland leitet. In den Nächten davor seien viel mehr Flüchtlinge gekommen. Mal 115, mal 95, mal 122. Das Problem: Das Aufnahmelager kann nicht so viele Flüchtlinge an die Kommunen abgeben wie in Friedland eintreffen. Die Folge: Das Lager wird immer voller. Platz ist eigentlich nur für 700 Menschen. Fast 1500 mussten am Mittwoch untergebracht werden.

Zimmer, die für vier oder sechs Bewohner vorgesehen sind, müssen jetzt mit acht, zehn oder gar zwölf Menschen belegt werden. Das Lager hat zusätzlich Wohncontainer und Zelte aufgebaut. „Selbst in der Gepäckhalle müssen Menschen schlafen“, sagt Hörnschemeyer. Jeder freie Quadratmeter müsse genutzt werden.

Er könne sich trotzdem nicht beklagen, sagt Yussuf. Drei Wochen ist der 18-Jährige schon in Friedland. Er ist zusammen mit einem Freund aus dem kurdischen Teil des Irak geflüchtet. Schlepper hätten sie für viel Geld im Auto Richtung Westen gebracht, sagt der Schüler. Sein Vater und seine Brüder kämpften im Irak gegen die IS-Terrormiliz. Für ihn komme Kampf aber nicht infrage. Er wolle in Deutschland die Schule beenden und dann studieren. Dass er in Friedland ein Zimmer mit neun anderen jungen Männern teilen muss, mache ihm nichts aus.

Hassan ist mit seiner jungen Frau aus Afghanistan geflohen. Für Frauen sei dort kein gutes Leben möglich, sagt der 28-Jährige. In Friedland ist das Paar seit drei Tagen. Jetzt warten sie geduldig in einer Menschenschlange vor der Taschengeldausgabe.

Schlangestehen sei in diesen Tagen typisch in Friedland, sagt Lagerleiter Hörnschemeyer. Von der Essensausgabe zum Beispiel reiche die Schlange der Hungrigen manchmal bis zur Friedland-Glocke - wohl an die 100 Meter. „Die Menschen machen das sehr geduldig und diszipliniert“, sagt Hörnschemeyer. Allerdings gebe es bei so vielen Personen auf engstem Raum auch schon mal Reibereien. Kräftige Männer vom Sicherheitsdienst stehen bereit, um möglichen Streit jederzeit zu schlichten.

Rund 100 reguläre Mitarbeiter kümmern sich im Lager um die Flüchtlinge. „Dazu haben wir derzeit noch Zeitarbeitskräfte“, sagt Hörnschemeyer. „Und wir warten auf weiteres Personal.“ Denn mittlerweile arbeiteten alle am Limit. „Der Überstundenberg wächst und wächst.“ Und die Infrastruktur der Einrichtung stoße an ihre Grenzen.

Dass im Lager mehr los ist als sonst, bekommen auch Dinamira Bär und ihre Kolleginnen von der Kleiderstube der Inneren Mission zu spüren. Vor allem die vielen jungen Männer brauchen neue Sachen, sagt Bär. „Wenn sie monatelang auf der Flucht waren, haben die meisten nicht mehr viel heile Kleidung bei sich.“ In der Kleiderkammer können sie Gutscheine eintauschen. Für 35 Euro gibt es eine Jeans, ein T-Shirt, Unterhosen und Socken.

Nicht weit von der Kleiderkammer haben sich fünf junge Männer aus Eritrea auf einer Bank niedergelassen. Sie seien mit einem Boot von Libyen nach Italien und dann weiter nach Deutschland gekommen, berichten sie. Dass sie jetzt im übervollen Lager zu Zehnt in einem Raum schlafen müssen, macht ihnen nicht viel aus. Seit einem Monat warten sie darauf, dass es für sie irgendwie weitergeht.

An das Warten hat sich auch Samir gewöhnen müssen. Der Dolmetscher aus der syrischen Hauptstadt Damaskus, der mit zwei Weggefährten vor dem allgegenwärtigen Krieg in seiner Heimat geflohen ist, wartet seit 24 Tagen in Friedland. Wohin es für ihn geht, weiß er noch nicht. Wenn er irgendwo in Deutschland eine neue Heimat gefunden hat, will er seine Frau und die Kinder nachholen. „Ich mache das alles für die Kinder“, sagt der 35-Jährige.

Niedersachsenweit befinden sich nach Angaben des Innenministeriums derzeit gut 6000 Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen. Weil diese Zahl voraussichtlich in den kommenden Monaten weiter wachsen wird, will das Land zusätzliche Einrichtungen schaffen. Derzeit laufe die Suche nach Standorten, sagte ein Sprecher.

dpa

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