Große Sorgen trotz Corona-Lockerungen

Niedersachsen: Tourismusbranche fordert Ausstiegsstrategie aus dem Lockdown

Der Tourismus nimmt langsam wieder Fahrt auf. Während Urlauber optimistisch in die Zukunft schauen, sehen Tourismus-Vertreter Handlungsbedarf. Eine Forderung: Ein klarer Fahrplan mit festen Terminen.

Hannover - Nach monatelanger Schließung soll der Tourismus in Niedersachsen nach dem Willen von Kommunen und dem Land gestärkt aus der Corona-Pandemie hervorgehen. Städte und Gemeinden berieten mit Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) bei einem virtuellen Tourismusdialog über einen Fahrplan, wie ein nachhaltiger Neustart für die Branche aussehen könnte. Denn eines ist in den vergangenen Wochen klar geworden: Schließungen gehen schnell, das Öffnen braucht Vorlaufzeit.

Doch so einfach ist das Vorhaben nicht. Auf der einen Seite plädierten Land und Kommunen dafür, mittelfristig Potenziale bei Nachhaltigkeit und Digitalisierung bei der Vermarktung der niedersächsischen Tourismus-Regionen stärker zu nutzen. Auf der anderen Seite drängten Kommunen, die stark touristisch geprägt sind, auch auf mehr Planbarkeit bei kurzfristigen Maßnahmen und auf finanzielle Hilfen.

Urlaub in Niedersachsen: Corona-Testpflicht als Streitpunkt

Streitpunkte waren die Wiederbelegungssperre und die Testpflicht. Laut dem Präsidenten des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes (NSGB), Marco Trips, bereiten diese beiden Punkte der Hotellerie und Gastronomie Sorge. „Wir merken, dass die Testpflicht den Leuten nicht gefällt“, sagte Trips. „Ob es notwendig ist, alle zwei Tage einen Test zu machen, da sind wir, glaube ich bald darüber hinweg“, sagte der NSGB-Präsident mit Blick auf sinkende Inzidenzen im Land. Ebenfalls sinkt die Inzidenz in Mecklenburg-Vorpommern.

Minister Althusmann sah dies anders. Testungen schafften auch ein Stück Sicherheit und könnten dazu beitragen, die Inzidenz im Sommer unter zehn zu drücken - dann sei es möglich, einen weitgehend „normalen“ Sommer zu erleben. „Ich halte es nach wie vor für sinnvoll, dass wir das Testen nicht aus dem Blick verlieren“, sagte Althusmann.

Der Niedersächsische Städte- und Gemeindebundes sieht die zweitägige Testpflicht kritisch. Angeblich gefällt sie den Gästen nicht.

Die Vertreter von den Kommunen berichteten während des Tourismusdialogs über die Lage der Tourismusbetriebe vor Ort. „Der Inlandstourismus boomt, aber unsere Touristiker stehen vor dem Zusammenbrechen, weil sie die Leute gar nicht aufnehmen dürfen“, erklärte die Samtgemeindebürgermeisterin von Amelinghausen, Claudia Kalisch (Grüne). Die Branche brauche Hilfe, bevor sie zusammenbreche. Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piszczan (CDU) sagte: „Ich hoffe mal, dass wir mit einem kleinen blauen Auge durchkommen. Aber ich denke, dass viele in den nächsten Monaten das Segel streichen müssen, weil uns schlicht und ergreifend die finanziellen Mittel ausgehen.“

Urlaub in Niedersachsen: Branchen fordert konkrete Ausstiegsstrategie aus dem Lockdown

In die gleiche Richtung geht auch das Ergebnis einer Branchenumfrage der niedersächsischen Industrie- und Handelskammer (IHK). Zwischen Anfang April und Anfang Mai wurden knapp 800 Betrieben befragt. Darin berichteten viele der Betriebe von extrem schwachen Monaten und äußerten ihre Sorgen auch beim Blick nach vorn. Weit über 90 Prozent nannten eine schlechte Geschäftslage, die künftige Entwicklung schätzen - je nach Teilbranche - um die 60 Prozent als ungünstiger ein. 38 Prozent erwarten einen Job-Rückgang.

Die IHK Niedersachsen mahnte daher, mit der nächsten Corona-Verordnung möglichst einen belastbaren Öffnungsplan mit konkreten Zieldaten vorzulegen - vorausgesetzt die Pandemie-Situation entspannt sich weiter. „Wir brauchen eine mit Terminen unterlegte Ausstiegsstrategie aus dem Lockdown und weitere Schritte“, sagte Arno Ulrichs von der IHK Niedersachsen. Das sei wichtig, um etwa die Innengastronomie vorbereiten und den Bedarf an knappen Saisonarbeitskräften abschätzen zu können.

Corona-Lockerungen: Althusmann für qualitativen, nachhaltigen Tourismus

Wirtschaftsminister Althusmann sagte, Tourismus und Gastronomie seien „am stärksten“ von den staatlichen Pandemie-Maßnahmen getroffen worden. Er warb aber auch um Verständnis, dass das Land eine Abwägung zwischen Gesundheits- und Wirtschaftsschutz treffen müsse. Insgesamt sei Niedersachsen „vernünftig“ durch die Krise gekommen. Geholfen hätten der Branche 120 Millionen Euro aus Bundes- und Landeshilfen. Nach Angaben des Städte- und Gemeindebundes hängen 300.000 Arbeitsplätze am Tourismus.

Althusmann plädierte dafür, künftig nicht nur auf die Übernachtungszahlen zu schauen, die „atemberaubend“ eingebrochen seien. „Das entscheidende Element wird aber sein, ob wir den qualitativen, nachhaltigen Tourismus in den nächsten Jahren gezielt unterstützen.“

Der Präsident des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes schlug vor, den Tourismus in Niedersachsen grundsätzlich zu stärken. Dazu soll eine Gesamtstrategie entwickelt werden, und zwar unabhängig von der Corona-Pandemie. Nachhaltigkeit und Digitalisierung seien als „Megatrends“ schon jetzt identifizierbar. Das Land könne etwa bei der Vermarktung helfen, sagte Trips. „Die Pandemie zeigt, dass wir jetzt die Chance nutzen können, zusammen mit nachhaltigem Tourismus die Menschen im Inland zu binden, in unseren Tourismuszielen attraktive Angebote zu machen - und ich glaube, wir müssen das auch nach vorne stellen.“

Rubriklistenbild: © Swen Pförtner/dpa

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