Siegel informiert Verbraucher

Transparenz und Tierwohl im Stall: Eine Bestandsaufnahme

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Freier Blick: Landwirt Werner Schwarz installierte 2013 eine Kamera in seinem Ferkelstall und übertrug die Bilder live im Internet. Viele Zuschauer waren geschockt.

Hannover - Nun hat der Handel die Initiative ergriffen: sein Tierwohl-Label soll seit Anfang April für „tiergerechtere und nachhaltigere Fleischerzeugung“ sorgen und Verbraucher darüber aufklären, unter welchen Bedingungen Schwein, Hühnchen oder Pute gelebt haben und geschlachtet wurden. Ein Siegel in Rot, Orange, Gelb oder Grün, einfacher kann man die Auswahl nicht machen. Aber ist das freiwillige Label eine Lösung in der Debatte um mehr Transparenz und Tierwohl in Ställen?

Das Hauptproblem der aktuellen Situation: Sie ist unübersichtlich. Landwirte versuchen, den Überblick in den immer größer werdenden Betrieben zu behalten. Tierrechtsaktivisten dringen illegal in Ställe ein, um dort nach Missständen zu suchen. Und Politiker müssen – etwa bei der Etablierung eines Gütesiegels – zwischen bestehenden gesetzlichen Standards, Kosten für Verbesserungen und den Forderungen der Verbraucher nach mehr Tierwohl abwägen.

Die Betriebe werden laut Zahlen des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums immer weniger und zugleich größer: Gab es 1999 noch rund 62.600 davon, sind es 2016 nur noch 35.700. Dabei hat die Größe der landwirtschaftlich genutzten Fläche kaum abgenommen – seit 2007 gibt es Betriebe mit einer Ausdehnung von mehr als 100 Hektar.

Hinzu kommt die große Zahl der Tiere: In Niedersachsen werden mehr als 61 Millionen Masthühner und -hähne gehalten, dazu 2,6 Millionen Rinder (etwa die Hälfte davon Milchkühe) sowie 8,5 Millionen Schweine. Die meisten von ihnen sehen die Verbraucher an der Fleischtheke zum ersten Mal: Bei Schweinen ist Freilandhaltung eine absolute Ausnahme, bei Masthühnern „herrscht Bodenhaltung in großen Beständen vor“, heißt es auf der Internetseite des Bundesministeriums für Landwirtschaft (BMEL).

60 Kilo Fleisch pro Person und Jahr

Die Mehrheit der Verbraucher also, die seit mehr als zehn Jahren unverändert viel Fleisch konsumieren – knapp 60 Kilogramm pro Person im Jahr – betritt nie einen Stall. Viele wünschen sich aber eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für tierische Produkte, aus der hervorgeht, wie die Tiere gehalten werden, zeigt eine BMEL-Studie. Strittig ist allerdings, ob Konsumenten dafür wirklich mehr zahlen würden.

Anfang Februar hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ein neues staatliches Tierwohl-Label vorgestellt, das ab 2020 für Schweinefleischprodukte genutzt werden soll. Wie bei dem Siegel des Handels sollen Verbraucher schnell erkennen können, wo mehr Tierwohl drinsteckt und Halter für ihre Mehrinvestitionen honoriert werden. Das Logo ist freiwillig, weil die Anforderungen die gesetzlichen Vorgaben übersteigen. So sind 0,75 Quadratmeter Platz pro Schwein vorgeschrieben, für das Tierwohl-Label müssen es mindestens 0,9 Quadratmeter sein. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil forderte, Klöckner solle die Pläne für ein „weiteres überflüssiges Tierwohl-Label begraben“. Er will stattdessen ein verbindliches, gemeinsames Gütesiegel von Politik und Handel.

Tierwohl für Tierrechtler ein zynischer Begriff

Für Tierrechtler ist Tierwohl ein zynischer Begriff. Konkrete Beispiele führt etwa die Organisation „Animal Rights Watch“ (Ariwa) auf ihrer Internetseite an. Sie arbeitet mit illegal beschafftem Bildmaterial aus Ställen, um ihr Anliegen öffentlich zu machen. Über die Situation von Masthühnern schreibt Ariwa: „Die Tiere wurden auf ein rasantes Wachstum und die Ausprägung einer überdimensionalen Brust gezüchtet. Die Folgen der schnellen Gewichtszunahme sind Herz-Kreislauferkrankungen und Erkrankungen des ganzen Bewegungsapparates.“ Demzufolge stürben während der Mast etwa fünf Prozent der Tiere – jährlich 30 Millionen Masthühner bundesweit.

Ein Gutachten des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik beim BMEL bestätigt dies: „Bei bis zu zwei Dritteln der Masthühner haben sich die Fußballen verändert, ebenso viele leiden unter Kahlstellen wegen Federpickens. Brustbeinschäden weisen 40 Prozent auf, Knochenbrüche 53 Prozent.“ Illegal sind diese Zuchtbedingungen nicht.

„Mit gutem Gewissen in Ställe einladen“

Aktivisten skandalisieren diese aber immer wieder öffentlich. Die Reaktionen darauf sind kontrovers. Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, griff die Debatte im November zur Nutztiermesse Eurotier auf. Das Ziel sollte nicht sein, Tierrechtler von landwirtschaftlichen Betrieben fern zu halten, sagte Paetow der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ im Interview: „Wir sollten sie mit gutem Gewissen in Ställe einladen können, weil wir wissen, dass sie keine Missstände finden werden.“

Unmissverständlich äußert sich hingegen Klöckner: Sie sei zwar dafür, dass „die wenigen, die ihre Tiere nicht ordentlich halten, entsprechend bestraft werden“, sagte sie im Juni beim Deutschen Bauerntag. Aber die Kontrolle darüber obliege allein dem Staat: „In einem Rechtsstaat braucht es keine selbsternannte Stallpolizei!“

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