Auswirkungen auf Landkreis und Arbeit

Corona-Ausbruch im Schlachtbetrieb: Ein Jahr nach der Tönnies-Quarantäne

Vor einem Jahr gab es im Schlachtbetrieb Tönnies einen Corona-Massenausbruch mit weitreichenden Folgen für den Landkreis, aber auch die Arbeitsbedingungen. Was seitdem passiert ist.

Rheda-Wiedenbrück - 7000 Menschen in Quarantäne, geschlossene Kitas und Schulen und eine Inzidenz die in Richtung 300 steigt: Vor rund einem Jahr ist es im Schlachtbetrieb Tönnies zu einem Corona-Massenausbruch gekommen. Der Betrieb wurde vorübergehend geschlossen, aber auch für den Kreis Gütersloh hatte die Masseninfektion weitreichende Folgen.

Kreis:Gütersloh
Bundesland:Nordrhein-Westfalen
Regierungsbezirk:Detmold
Landschaftsverband:Westfalen-Lippe

Nicht nur der Schlachtbetrieb wurde durch Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) vorübergehend geschlossen. Auch die Kitas und Schulen bliebe bis zu den Sommerferien zu. Urlaubsregionen machten dicht und Menschen aus dem Kreis mit der Inzidenz, die sich in Richtung 300 bewegte, waren andernorts nicht mehr willkommen. Seitdem ist einiges passiert. Unter anderem kam es in einem Tönnies Betrieb in Weißenfels ebenfalls zu einem größeren Corona-Ausbruch.

Ausbruch bei Tönnies als Ausblick auf die zweite und dritte Coronawelle deutschlandweit

Bereits vor dem großen Ausbruch Mitte Juni gab es ab Mitte Mai 2020 beim Marktführer Tönnies die ersten Corona-Fälle. Anfang Juni stiegen die Zahlen dann steil an. „Der Ausbruch in unserem Werk war einfach zu früh. Im Juni haben doch alle geglaubt, Corona sei unter Kontrolle. So haben wir dann haben ein paar Monate vor allen anderen erlebt, was in der zweiten und dritten Welle überall in Deutschland passiert ist“, sagt Gereon Althoff, der bei Tönnies das Qualitätsmanagement und Veterinärwesen leitet.

Vor dem Eingang zum Werksgelände der Firma Tönnies werden am Tag der Wiederaufnahme des Schlachtbetriebes Mitte Juli in einem Testzentrum den ankommenden Mitarbeitern Abstriche entnommen, um Tests auf Covid-19 durchzuführen.

„Wir konnten uns bei den Infektionszahlen im Unternehmen in der zweiten und dritten Welle dann von denen in der Allgemeinbevölkerung entkoppeln“, sagt er. Das Konzept sieht zwei Tests pro Woche pro Mitarbeiter per PCR vor. „Wer positiv ist, wird erkannt, bevor er überhaupt Symptome hat. So können wir Infektionsketten durchbrechen und haben bei uns keine Dunkelziffer“, sagt Althoff der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Mängel sieht das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium allerdings noch bei der Umsetzung des Abstandsgebotes in den Unternehmen sowie beim Tragen des Mund-Nase-Schutzes. Hier seien bei Kontrollen wiederholt Verstöße entdeckt worden. Nach dem Massenausbruch konnte, nach der Schließung Mitte Juni, rund einen Monat später der Betrieb langsam wieder hochgefahren werden.

Der Ausbruch in unserem Werk war einfach zu früh. Im Juni haben doch alle geglaubt, Corona sei unter Kontrolle. So haben wir dann haben ein paar Monate vor allen anderen erlebt, was in der zweiten und dritten Welle überall in Deutschland passiert ist

Gereon Althoff, Leiter Qualitätsmanagement und Veterinärwesen bei Tönnies

Im Mai konnte eine neue Erkenntnis gewonnen werden, nämlich das Aerosole das Problem sind, erklärt Althoff. „Dieses Phänomen der Übertragung über die Lüftung war bis dato keinem Experten bekannt – uns leider auch nicht.“ Dieses Wissen hatte zur FOlge, dass in den Produktionsräumen heute alle zehn Minuten die komplette Luft durchgefiltert wird. Für diese Luftfilter seien Althoff zufolge Millionen ausgegeben worden. Erste Hinweise auf die Problematik hatte Tönnies nach eigenen Angaben bei einem begrenzten Infektionsgeschehen in der Rinderzerlegung im Mai. „Wie in einem Laborversuch konnte man letztendlich nachvollziehen was da passiert war.“

Gesundheitsministerium in NRW sieht keine zu heftige Reaktion auf Ausbruch

Was vor rund einem Jahr für Aufregung bundesweit sorgte, nämlich eine hohe Sieben-Tage-Inzidenz mit Spitzenwerten weit über 200 in der Region um den Schlachtbetrieb von Tönnies, folgte in der zweiten und dritten Wellein ganz Deutschland. Damit kommt die Frage auf, ob im Kreis Gütersloh zu heftig regiert worden sei, als es Mitte Juni 2020 zu den 7000 Quarantänefällen kam.

Das NRW-Gesundheitsministerium von Karl-Josef Laumann (CDU) weist das auf Nachfrage zurück. Die Verbreitung der Krankheit musste in Deutschland und weltweit so gut wie möglich verlangsamt werden. „Im Kreis Gütersloh lag der Wert am 22. Juni 2020 bei 315. Im Vergleich lag die Sieben-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohnern im Kreis Bielefeld an diesem Tag bei 5,4 und in ganz NRW bei 12,6“, teilte eine Sprecherin mit. Durch die Reduzierung von unter anderem touristischem Reiseverkehr sollte die Verbreitung in andere Landkreise oder Bundesländer mit deutlich geringeren Infektionszahlen verhindert werden.

Juristische Auswirkungen in verschiedene Richtungen

Der Vorfall hatte auch juristische Folgen in verschiedenen Richtungen. Nach etwa 50 Anzeigen gegen die Tönnies-Geschäftsführung - darunter auch Clemens Tönnies - ermittelt die Staatsanwaltschaft Bielefeld. Dabei geht es um fahrlässige Körperverletzung und Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz. Nach Angaben von Sprecher Moritz Kutkuhn sind die Ermittlungen - so der Stand Mitte Juni 2021 - noch nicht abgeschlossen. Aber auch der Konzern selbst ist tätig geworden.

Wegen der Schließungsverfügung für das Werk in Rheda-Wiedenbrück war der Tönnies-Konzern vor das Verwaltungsgericht Minden gezogen. Nach Angaben einer Gerichtssprecherin liegt derzeit - Stand Juni 2021 - noch keine Klagebegründung vor. Um diese einzureichen, hatte Tönnies weitere Akteneinsicht in die Verwaltungsvorgänge des Kreises beantragt.

Wegen des Corona-Ausbruchs beim Fleischproduzenten Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wurden die Schulen und auch Kitas geschlossen. In den Urlaub konnten viele Menschen aus dem Kreis Gütersloh auch nicht so leicht entfliehen: In mehreren beliebten Regionen im In- und Ausland werden negative Tests von ihnen gefordert.

Zwischen der Fleischindustrie und dem Land hatte sich ein Streit um die Erstattung von Verdienstausfall entwickelt. Das Gesundheitsministerium hatte den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) angewiesen, entsprechende Anträge abzulehnen. Laut Infektionsschutzgesetz können Betriebe Entschädigungen beantragen, wenn die Unternehmen durch die Behörden geschlossen wurden. Der Jahresumsatz von Tönnies sei im vergangenen Jahr um drei Prozent gesunken, wie das Unternehmen im April mitteilte.

Daraufhin erreichte die Verwaltungsgerichte eine Klagewelle. In Minden und Münster sind es den Angaben nach jeweils mehrere Hundert Fälle. Um der Masse der Verfahren Herr zu werden, einigten sich die Beteiligten in Minden auf ein Musterverfahren. In Münster wird derzeit sondiert und in Absprache mit den Unternehmen nach vergleichbaren Fällen gebündelt.

Bundesregierung verbietet in der Folge Werksverträge in Kernbereichen der Branche

Außerdem kam es dazu, dass die Bundesregierung mit Beginn des Jahres 2021 Werksverträge in Kernbereichen der Branche verboten hat. Bis Ende 2020 stockten daher die großen Firmen Tönnies, Vion und Westfleisch ihre Stammbelegschaft um insgesamt rund 12.300 Mitarbeiter auf. Anfang Juni vermeldeten Gewerkschaft und Fleischindustrie die Einigung auf einen Mindestlohn. Die Lohnuntergrenze liegt bei 10,80 Euro und soll bis 1. Dezember 2023 auf 12,30 Euro angehoben werden. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 9,50 Euro und steigt bis zum 1. Juli 2022 auf 10,45 Euro.

Zuvor hatte die Tarifkommission der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Streit über einen flächendeckenden Tarifvertrag in der Fleischindustrie entschieden, die Verhandlungen vorerst zu beenden. „Tönnies, Wiesenhof, Vion, Westfleisch und Co. wollen weitermachen wie bisher – mit Billiglöhnen und massivem Druck auf die Menschen, die in ihren Schlachthöfen und Wurstfabriken arbeiten. Die Verhandlungen sind vorbei, aber die Beschäftigten noch wütender als zuvor“, sagte damals Freddy Adjan, stellvertretender Vorsitzender der NGG der Deutschen Presse-Agentur.

Mit einer Aktion vor dem Werk von Tönnies wurde erst im April für höhere Löhne protestiert. Die Aktion der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten ging über vier Stunden vor Deutschlands größtem Schlachtbetrieb.

Hintergrund des Streits waren unterbrochene Gespräche mit den Arbeitgebern über flächendeckende Tarifvereinbarungen. Ende März waren die Gespräche für rund 160.000 Beschäftigte ohne neuen Gesprächstermin vorerst gestoppt worden. Während die Gewerkschaft einen dreistufigen Mindestlohntarifvertrag mit einem Einstieg bei 12,50 Euro je Stunde fordert, hatten die Arbeitgeber in der dritten Verhandlungsrunde ab sofort 10,50 Euro angeboten und eine stufenweise Erhöhung bis zum 1. Dezember 2023 auf 12 Euro.

Die Gewerkschaft NGG macht auch weiter Missstände aus. „Viele Probleme sind nicht vom Tisch“, sagte NGG-Vertreter Thorsten Kleile dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Einige alte Probleme bestehen fort, und die Übernahme tausender Beschäftigter von Subunternehmern bringt neue Probleme mit sich.“ Mit Material der dpa.

(Transparenzhinweis: Dieser Artikel wurde am 15. Juni 2021 um 09:41 Uhr aktualisiert.)

Rubriklistenbild: ©  Guido Kirchner / picture alliance / dpa

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