Tierpfleger springt ein

Von Mama aufgegeben und noch so klein - Gibbonbaby Lui kämpft

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Das Gibbonbaby Lui wird von Tierpfleger Ralf Haidenkummer per Hand aufgezogen, da das Muttertier keine Milch mehr hatte.

Friesoythe - Von Elmar Stephan. Was tun, wenn eine Gibbon-Mama sich nicht mehr um sein neugeborenes Junges kümmern will? Im Tierpark Thüle bei Friesoythe kümmert sich der Obertierpfleger um das drei Monate alte Menschenaffenkind, als Ersatzmama.

Wenn Tierparkchefin Alexandra Grothaus sich morgens mit ihrem Obertierpfleger zur Dienstbesprechung trifft, sind die Kinder mit dabei. Grothaus' sechs Monate alte Tochter Viktoria sitzt auf dem Schoß von Mama. Und Tierpfleger Ralf Haidenkummer hält Lui in seinem Arm - ein drei Monate altes Gibbon-Baby. Die Mutter von Lui konnte das kleine Affenmännchen nicht aufziehen. Haidenkummer sprang ein - und hat seitdem den Anfang März geborenen Lui Tag und Nacht bei sich. „Er hatte die meiste Erfahrung mit der Handaufzucht“, sagt Grothaus.

Lui sei nach drei bis vier Wochen von seiner Mutter aufgegeben worden, erzählt Grothaus. „Wir haben festgestellt, dass sie zu wenig Milch hatte.“ Das Tierpark-Team habe versucht, den jungen Affen wieder zur Mutter zu geben. „Es hat auf dem Boden gelegen, dann kam es zum Aufwärmen in den Inkubator, und da kam dann wieder ein bisschen mehr Leben rein“, sagt die Geschäftsführerin des Tier- und Freizeitparks Thüle bei Friesoythe im Kreis Cloppenburg. Letztlich habe die Mutter ihr Junges aber immer wieder fallen lassen. Da stellte sich die Frage: Was tun? Der Natur ihren Lauf zu lassen, hätte den Tod des kleinen Lui bedeutet. Das wollte keiner - so sprang Haidenkummer ein.

Interessant seien die Parallelen in der Entwicklung zwischen dem Menschenkind Viktoria und dem Menschenaffenkind Lui, erzählt Grothaus. „Die Morgenbesprechungen nutzen wir häufig, dass wir Fläschchen geben.“ Beide bekommen übrigens dieselbe Milch, wenn auch aus verschiedenen Fläschchen.

Affenbaby Lui im Freizeitpark Thüle mit neuer Familie

Dabei werde beispielsweise auch darüber geredet, wie die Kinder geschlafen hätten. Der kleine Gibbon entwickele sich zwar etwas schneller. Aber die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier seien verblüffend. Eine Parallele? „Beide werden immer mobiler“, hat Grothaus festgestellt. Lui mache inzwischen die ersten Gehversuche - auch Gibbons können auf zwei Beinen laufen. „Es sieht zwar im Moment eher so aus, dass er mehr hüpft als dass er geht, aber er versucht schon ein bisschen was.“ Auch bei ihrer Tochter merke sie schon, dass sie versuche, sich aufzusetzen.

Beide Kinder fänden auch immer mehr Interesse aneinander. „Anfangs waren sie sehr zurückhaltend. Jetzt fassen sie dem anderen ins Gesicht, genauso, wie das Kinder auch machen würden.“ Lui und Viktoria würden forscher, fallen den Erwachsenen auch schon mal ins Wort, wenn beide miteinander reden. „Das macht der Affe genauso wie das Kind“, hat Grothaus beobachtet.

Haidenkummer kann natürlich nicht den ganzen Tag Lui mit sich herumtragen, auch wenn seine natürliche Mutter das tun würde. Ab und zu schmiegt sich das kleine Gibbon-Baby an eine Stoffpuppe. Haidenkummer geht mit Lui auch regelmäßig ins Affen-Gehege, damit er nicht den Kontakt zu seinen Artgenossen verliert.

Wichtig sei, dass Menschen, Affen und alle Säugetiere in ihren ersten Lebensmonaten Bindungsfähigkeit aufbauen können, sagt der Direktor des Osnabrücker Zoos, Michael Böer. „Es muss von einem Lebewesen betreut werden, es muss Wärme spüren, den Herzschlag spüren, das ist ganz wichtig“, sagt er. Ebenso wichtig sei es für die weitere Entwicklung, dass das Sozialverhalten von seinen Artgenossen gelernt werde. „Es ist wichtig, dass in dieser Prägungsphase andere Affen zur Verfügung stehen“, sagt der Zoodirektor. Auch später in der Pubertät sei die Prägung durch Artgenossen wichtig für die Sexualentwicklung.

Falle die leibliche Mutter aus, sei die Handaufzucht zu befürworten, sagt Böer. „Man beschützt das Leben des Jungtieres, und auch Artenschutzaspekte muss man berücksichtigen.“ Alle Menschenaffen seien heutzutage vom Aussterben bedroht. „Da geht es um jedes Individuum, was man erhalten muss.“

Dass sich ihr Mitarbeiter Haidenkummer nun Tag und Nacht sieben Tage die Woche um Lui kümmern muss, werde auch von seiner Familie akzeptiert, sagt Grothaus. „Seine Frau ist sehr verständnisvoll.“ Tierpfleger sei kein normaler Büroberuf. „Dafür entscheidet man sich schon bewusst.“ dpa

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