Kampf den Mythen

Traumjob: Europa-Abgeordneter Tiemo Wölken über seine Arbeit im EU-Parlament

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Tiemo Wölken bemüht sich, die Europäische Union verständlich zu machen. 

Der Ruf der Europäischen Union ist angeschlagen. Mit dem erstarkenden Rechtspopulismus werden mit großer Regelmäßigkeit Klagen gegen die Institution laut. Den Europa-Abgeordneten Tiemo Wölken stört das. Für den 33-Jährigen ist die Arbeit in Brüssel ein Traumjob. Seit er ins Parlament nachgerückt ist, kämpft er gegen Mythen, die die EU in ein schlechtes Licht rücken.

Brüssel – Von Nicolas Tréboute. Brüssel, Europaparlament, viele Menschen, eine große Betriebsamkeit: Dass an diesem Ort wichtige Entscheidungen getroffen werden, lässt sich allein schon an der adretten Kleidung der Beteiligten erkennen. Im ersten Moment entsteht ein Gefühl der Verlorenheit, jeder scheint ein konkretes Ziel anzusteuern und der Eindruck bleibt, dass man als Außenstehender hier unterzugehen droht: ein Verschwimmen in der Masse, der insgesamt 7 698 Mitarbeiter, die dieser Komplex beherbergt. Doch es sind gefühlt deutlich mehr Personen an diesem Dienstag im Januar im Irrgarten in der Rue Wirtz.

Hier arbeitet auch Tiemo Wölken von der SPD als Teil der Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten. Er ist gerade einmal 33 Jahre alt, und damit einer der jüngsten Abgeordneten des Europaparlaments. „Es ist mein absoluter Traumjob“, sagt er, und wirkt dabei wie ein Kind, das gerade endlich ein lang ersehntes Geschenk in den Händen hält. Seine Liebe für Europa hat der Niedersachse entwickelt, als er ein Praktikum in Brüssel absolvierte. Ausgerechnet bei seinem direkten Vorgänger Matthias Groote, den er 2016 (mit 30 Jahren!) beerbte und seitdem den Bezirk Weser-Ems in Brüssel vertritt. „Die dritte Ebene hat mich fasziniert. Hier trifft in Brüssel alles zusammen: Politiker, Lobbyisten, Mitarbeiter, Touristen“, sagt er, und wieder schimmert eine kindliche Begeisterung durch.

Tiemo Wölken: kein typischer Politiker

Auf den ersten Blick ist Wölken kein typischer Politiker. Dafür ist er wahrscheinlich einfach zu jung. Als er neu im Parlament war, täuschte sich selbst seine Parteigenossin und Vizepräsidentin des europäischen Parlaments, Evelyne Gebhardt, mit ihrer Einschätzung. „Sie dachte, ich sei ein Mitarbeiter, und kein Abgeordneter“, erzählt Wölken und gerät dabei ins Schmunzeln. Allgemein musste er in seiner Anfangszeit im harten Politik-Geschäft durchaus Lehrgeld bezahlen. Er setzte sich dafür ein, dass nationale Online-Mediatheken auch im europäischen Ausland abrufbar sein sollten. Bei der Abstimmung darüber erhielt seine Initiative nicht die benötigte Mehrheit. „Da hieß es in der Presse natürlich, dass der Wölken noch zu grün hinter den Ohren ist“, erzählt er. Auch an Gespräche mit Lobbyisten unterschiedlicher Herkunft musste sich Wölken erst gewöhnen und gesteht, dass der Druck aus manchen Bereichen enorm ist. „Das ist wirklich nicht vergnügungssteuerpflichtig“, sagt er, während er in seinem Büro in der zwölften Etage sitzt. Ein Ort, der einiges über ihn und seine Arbeit verrät. Das Vorzimmer, in dem seine beide Assistenten Tara Hadviger und Charly Heberer sowie eine Praktikantin sitzen und Wölkens Alltag koordinieren, wirkt fast ein bisschen wie ein Kontrast zu der nach außen oftmals perfekt scheinenden Welt in Belgiens Hauptstadt.

Die Kaffeemaschine arbeitet gemächlich vor sich hin, hier und da liegt ein Ordner auf dem Schreibtisch, die Stimmung ist entspannt und dennoch fokussiert, trotz des prall gefüllten Terminplans, den der junge Politiker in dieser – und fast jeder – Woche abzuarbeiten hat. Plenarsitzungen, Ausschüsse, ein Vortrag des Medienunternehmens Burda über Datenschutz und ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Ständigen Vertretung sind nur einige von zahlreichen Verpflichtungen in dieser Januarwoche.

Wölken findet Zugang zu jüngeren Generationen

In Wölkens Büro hängt ein Poster der Stadt Osnabrück an der Wand, dazu die passende Kaffeetasse. Schließlich hat er, in Ottersberg geboren, dort den Großteil seiner Studienzeit verbracht und sein Studium der Rechtswissenschaften abgeschlossen. Da ist es naheliegend, dass er in Brüssel neben seiner Tätigkeit im Ausschuss für Umweltfragen auch im Rechtsauschuss sitzt. Doch Wölkens Talente sind vielseitig. „Ich hätte auch Lehrer werden können“, erzählt er – und liegt mit dieser Einschätzung absolut richtig.

Denn während er einer deutschen Besuchergruppe von etwa 40 Oberstufenschülern von seiner Arbeit erzählt, wird deutlich, dass seine vermeintliche Schwäche gleichzeitig eine seiner größten Stärken ist. Wölken kommt an bei den jungen Erwachsenen, sie hängen an seinen Lippen, eben weil der Altersunterschied noch nicht zu groß ist. Er nutzt Beispiele wie Cristiano Ronaldo oder Beyoncé, um Sachverhalte zu erklären, beweist eine gewisse Selbstironie, versucht auf Augenhöhe zu agieren und gibt zu, wenn er auf eine Frage keine zufriedenstellende Antwort hat. Wölkens Antworten sind verständlich, aber keineswegs profan. Doch nach knapp zweieinhalb Jahren im europäischen Geschäft ist auch er nicht davor gefeit, in den bekannten Politiker-Jargon zu verfallen. „Vor Kurzem wurde zu mir gesagt: Du drehst dir die Fragen auch so, wie du sie gerne gestellt haben möchtest. Das hat mich geärgert, weil ich so eigentlich nicht sein möchte.“

Europa-Abgeordnete und die Arbeit mit Social-Media

Es ist ein schmaler Grat zwischen der nötigen Anpassung und dem Willen, eigene Akzente in der politischen Arbeit zu setzen. Doch diese setzt er zweifelsohne. Denn der 33-Jährige hat erkannt, wie er vor allem jüngere Wähler erreichen und von deren Interessen und Erwartungen erfahren kann. Die Arbeit mit Social-Media-Kanälen wie Twitter (mehr als 50.000 Follower), Facebook, Youtube (37.000 Abonnenten) und Instagram (12.000 Abonnenten) zählt für den Niedersachsen zum Pflichtprogramm. „Ich bin ein überzeugter Europäer und möchte vor allem die jungen Menschen für Europa begeistern“, bekräftigt er, fast unmerklich wird seine Stimme dabei ein bisschen kräftiger, ernster. Die Gefahren und Gegner, die dieses Vorhaben zu unterwandern drohen kennt er und gesteht ein: „Der Brexit ist der größte Erfolg, den Populisten in der jüngeren Vergangenheit erringen konnten.“

Tiemo Wölken stellt sich für Fernsehen und soziale Netzwerke vor die Kamera.

Wölken versucht dem entgegenzuwirken, viel über die sozialen Netzwerke, wo er ein eigenes Format entwickelt hat, um „Fake News“ zu entkräften: den Mythen-Mittwoch. Dabei greift er Themen und Gerüchte auf, die über die Europäische Union kursieren und versucht diese durch Belege (zum Beispiel Formulierungen in Gesetzestexten) zu korrigieren oder zu erklären. Zu den bisherigen Themen zählten unter anderem: „Alles Gurke – oder was?“, „Was verdient ein Abgeordneter?“ (Wölken legt seine Einnahmen auf seiner Homepage übrigens offen), oder auch „Ist Deutschland der Zahlmeister Europas?“.

Wölken setzt sich gegen Artikel 13 ein

Generell sind das Internet und die Erhaltung dessen Freiheit die Themen, die dem jungen Sozialdemokraten ungemein am Herzen liegen. In der jüngsten Vergangenheit setzte er sich vehement gegen die umstrittene Urheberrechtsreform ein, insbesondere für die Streichung des Artikels 13 (inzwischen Artikel 17). Dieser besagt, dass die Haftung für hochgeladene Inhalte in Zukunft den Plattformbetreibern obliegt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass diese dadurch beginnen mit sogenannten Upload-Filtern zu arbeiten, die aber fehlerbehaftet sind, sodass auch legale Inhalte blockiert werden könnten. Wölken verlor diesen Kampf, auch wenn er betont: „Ich bin froh, dass viele Leute die Abstimmung durch unsere Arbeit überhaupt ernst genommen haben und es am Ende ziemlich knapp war.“

Auch wenn sich erst in Zukunft zeigen wird, inwieweit die nationale Gesetzgebung in Deutschland genau damit umgehen wird, ist für den SPD-Mann eines klar: „Das Modell des Mitmachens und der Teilhabe ist dadurch enorm gefährdet. Die Tendenz geht zu einem Internet, dass viel kontrollierter ist. Die Idee dahinter war ja, dass Urheber davon profitieren sollen. Ich glaube aber, dass dies bis auf wenige Ausnahmen nicht der Fall sein wird.“

Dass auch Niederlagen zum politischen Geschehen gehören, weiß Wölken. Doch sein Ehrgeiz, sich für ein „sozialeres, digitaleres und solidarischeres Europa“ einzusetzen, ist ungebrochen.

Zur Person 

2003 hat der heute 33-jährige Tiemo Wölken in Osnabrück, wo er noch heute wohnt, einen Ortsverband der Jungsozialisten (Jusos) gegründet. Im darauffolgenden Jahr wurde er SPD-Mitglied, 2006 wählten ihn die Jusos dann zum niedersächsischen Landesvorsitzenden. Diese Position hatte er bis 2010 inne. Nach dem Abschluss seines Jurastudiums hat Wölken 2016 einen Lehrauftrag an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer angetreten. Im selben Jahr ist er als Nachrücker Abgeordneter im Europäischen Parlament geworden. ml

Tiemo Wölken über ...

…eine mögliche Zusammenarbeit mit der AfD:

Diese Frage stellt sich gar nicht, weil die Abgeordneten der AfD eigentlich nie da sind.

… die Erfolge der AfD bei zahlreichen Wahlen:

Ich kann die Leute sogar irgendwie verstehen, die diese Partei wählen, aber ich werde es niemals akzeptieren können. Man kann nur hoffen, dass die Menschen irgendwann erkennen, dass man mit Populismus auf Dauer keine Politik machen kann.

... die oftmals herrschende Vorstellung, dass die EU Gesetze einfach vorgibt und sich Deutschland dem beugen muss:

Das ärgert mich wirklich. Bei jedem Gesetz redet zu 50 Prozent der europäische Rat mit – und das sind Regierungsvertreter.

... den Brexit:

Das britische Unterhaus ist nicht handlungsfähig. Aus meiner Sicht muss ein zweites Referendum durchgeführt werden. Beim letzten Referendum wurde zuvor ja darüber diskutiert, ob die 16-jährigen Briten auch mit abstimmen dürfen. Diese sind jetzt wahlberechtigt. Ob das so kommen wird, kann ich aber nicht sagen. Es ist nur eine von vielen Optionen.

... das Thema Asyl:

Ich habe Gespräche mit einigen Integrationslotsen geführt. Die Rückmeldung, die ich dort bekommen haben, lässt mich zu dem Schluss kommen, dass wir momentan genau die falschen Leute abschieben.

... die Möglichkeit, als Politiker auch einmal neutral zu sein:

Sicherlich gibt es auch einige Themen, zu denen ich nicht auf Anhieb eine Einstellung habe. Aber als Politiker werden wir am Ende auch dafür bezahlt, eine Meinung zu haben.

... seine Erwartungen bevor er nach Brüssel kam:

Es ist so, wie ich es mir vorgestellt habe. Nur die Reisezeit und den logistischen Aufwand habe ich im Nachhinein etwas unterschätzt.

Weitere Beiträge zum EU-Projekt können unter diesem  Sammelbeitrag gefunden werden.

Lesen Sie auch: Der Live-Ticker zu allen aktuellen Ereignissen der Bremen Wahl informiert sie bis spät in die Nacht.

Europawahl 2019: Hochrechnungen und Ergebnisse in der Übersicht

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