Unsinnig oder hilfreich?

Streit über ersten Wolfs-Rettungswagen

+
Wolfsberater Helge Stummeyer neben einem Transportwagen für Wildtiere.

Hannover - Von Christina Sticht. Der Jahrhunderte lang verteufelte Wolf ist nach Deutschland zurückgekehrt. Immer häufiger werden die streng geschützten Tiere Opfer von Verkehrsunfällen. In Niedersachsen soll ein speziell angefertigter Rettungswagen verletzte Wölfe transportieren.

Das Gefährt wurde von einer Firma in Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Wolfsberater der Region Hannover, Helge Stummeyer, entwickelt. Im Umkreis der Landeshauptstadt lebt noch kein Rudel, nur einzelne Tiere wurden gesichtet. "Aber man kauft ja auch nicht erst das Feuerwehrauto, wenn es brennt" sagt der Jäger, der zu den landesweit etwa 130 ehrenamtlichen Wolfsberatern zählt.

Ende Januar verkündete die Region Hannover stolz die Inbetriebnahme des 10.000 Euro teuren Spezialanhängers. Die Kommunalpolitiker von CDU, SPD und Grüne hatten sich einstimmig für die Anschaffung ausgesprochen. Wo genau der Rettungswagen stationiert ist, verrät Stummeyer nicht. Es ist ein sensibles Thema. "Der Wolf kriegt's nur aufs Fell", sagt er. Viehhalter haben Angst vor Schafs- oder Kälberrissen, die Landes-CDU fordert angesichts der wachsenden Zahl der Rudel eine von Jägern geregelte Obergrenze für Wölfe.

Doch zurzeit ist der Abschuss der geschützten Raubtiere verboten. Anders als bei Rehen oder Wildschweinen darf kein Jäger oder Polizist ein angefahrenes Tier töten. Zur Unfallstelle muss laut Gesetz erst ein Amtstierarzt kommen, der den Wolf untersucht und entscheidet, ob er schmerzlos erlöst oder gesund gepflegt werden soll.

Wagen auch für Entnahmen

Vor diesem Hintergrund kam Stummeyer die Idee mit dem Rettungswagen. Der Anhänger aus Aluminium hat Scheinwerfer und eine gelbe Signalleuchte. Das Tier könne damit vom Unfallort in Sicherheit gebracht werden, um über das weitere Vorgehen in Ruhe zu entscheiden, meint der Wolfsberater. Der Wagen könne auch bei Entnahmen, also behördlich angeordneten Tötungen, zum Einsatz kommen - vor einem Jahr wurde ein von Tierschützern Kurti getaufter Rüde auf Anordnung des Umweltministeriums erschossen, weil er zu wenig Scheu vor Menschen zeigte.

Derzeit wartet der neue Wagen noch auf seinen ersten Einsatz. Dabei kann er auch von den Nachbarkreisen Celle, Nienburg und Heidekreis angefordert werden, in denen bereits Rudel leben. Die Zahl der in Niedersachsen verunglückten Tiere ist noch überschaubar. Seit Januar 2015 wurden 14 Wölfe im Straßenverkehr getötet, davon allerdings 4 seit November 2016, zuletzt bei Visbek im Landkreis Vechta.

Dem Leiter des Wolfcenters Dörverden, Frank Faß, ist ein Fall aus Sachsen bekannt, in dem ein angefahrener Wolf gesund gepflegt wurde. "Es soll auch einen zweiten Fall in Deutschland gegeben haben", sagt der Experte. Über den womöglich sogar weltweit ersten Wolfsanhänger will er sich kein Urteil erlauben. "Ich habe ihn noch nicht gesehen."

Jäger finden Anhänger unsinnig

Der Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen, Helmut Dammann-Tamke, hält dagegen das als Krankenwagen für Wölfe verspottete Gefährt für Unsinn. Zum einen seien die Anfahrtswege zu lang, zum anderen werde er bald schon nicht mehr notwendig sein. 

"Der strenge artenschutzrechtliche Schutz des Wolfes wird in den nächsten Jahren erheblich relativiert", vermutet der CDU-Landtagsabgeordnete. "Die Wolfspopulation ist nicht mehr darauf angewiesen, dass wir um jedes einzelne Tier kämpfen." Außerdem sei Tierschutz nicht teilbar, meint Dammann-Tamke. Für angefahrene Feldhasen oder Rehe gebe es schließlich auch keine Rettungswagen.

Der für die Wölfe zuständige Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) findet die Initiative von Wolfsberater Stummeyer dagegen nicht schlecht. "Werden Tiere nicht jagdbarer Arten hilflos und fluchtunfähig aufgefunden, besteht eine aus dem Tierschutzrecht abgeleitete Verpflichtung, deren Leiden zu mildern oder zu beenden", sagt Behördensprecher Achim Stolz. "Dabei kann die Vorhaltung einer Transportmöglichkeit für verletzte Wölfe hilfreich sein."

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Wie werde ich Notfallsanitäter/in?

Wie werde ich Notfallsanitäter/in?

Hartes Ringen bei Jamaika-Sondierungen

Hartes Ringen bei Jamaika-Sondierungen

Mugabe räumt Probleme ein - Aber kein Rücktritt

Mugabe räumt Probleme ein - Aber kein Rücktritt

Einzelkritik: Kruse überragend, Bartels endlich wieder in Form

Einzelkritik: Kruse überragend, Bartels endlich wieder in Form

Meistgelesene Artikel

Brennende Lastwagen in Emstek: LKA übernimmt Ermittlungen

Brennende Lastwagen in Emstek: LKA übernimmt Ermittlungen

Aidshilfe kämpft für angstfreien Umgang mit HIV-Positiven

Aidshilfe kämpft für angstfreien Umgang mit HIV-Positiven

Computermodernisierung macht 135 Polizisten für Fahndungsarbeit frei

Computermodernisierung macht 135 Polizisten für Fahndungsarbeit frei

Steinbruch-Arbeiter möglicherweise bei Sprengung schwer verletzt

Steinbruch-Arbeiter möglicherweise bei Sprengung schwer verletzt

Kommentare