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Ein Streit über Glauben, Religion und Schule

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Niedersachsens Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) gestikuliert während der Debatte zu gesetzlichen Regelungen bei der Neugründung von Gesamtschulen im Landtag in Hannover. © dpa

Hannover - von Marco Hadem - Im Grunde ist es einfach: Kinder und Jugendliche sollen die bestmögliche Schulbildung erhalten. Das wollen alle - Eltern, Lehrer und Politiker. Doch Schule ist nicht gleich Schule.

Sollen die Kinder in eine öffentliche oder besser in eine private oder kirchliche Einrichtung gehen? Seit Jahren garantiert das Thema jede Menge Zündstoff. Und zwar soviel, dass sich die Abgeordneten im Landtag in Hannover regelmäßig lautstark darüber streiten - auch heute war es wieder einmal soweit.

Gerade in den ländlichen Gegenden Niedersachsens drohen in den kommenden Jahren vielerorts Probleme wegen sinkender Schülerzahlen. Gesamtschulen sind nach wie vor beliebt, doch die Kommunen können die Auflagen der Regierung zur Gründung von neuen Gesamtschulen oft nicht erfüllen. Neugründungen werden nur genehmigt, wenn 14 Jahre lang genügend Schüler da sind, um mindestens fünf Klassen pro Jahrgang einrichten zu können. Allerdings gilt auch: Private Träger sind dieser Auflage nicht unterworfen. Daher bieten nun viele Kommunen den Kirchen aus Geldnot die Trägerschaft für ihre Schulen an.

In Twistringen im Landkreis Diepholz soll künftig das städtische Gymnasium in katholische Trägerschaft wechseln. Sehr zur Freude von Schulleiter Martin Lütjen und Bürgermeister Karl Meyer, denn beide sehen viele Vorteile. „Ich gehe davon aus, dass die Schulstiftung des Bistums Osnabrück künftig Dinge finanzieren kann, die mit dem bisherigen Schulbudget nicht bezahlbar wären“, sagt Meyer.

Die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Ina Korter, sieht die Sache grundsätzlicher. „Die Landesregierung hat die Absicht, öffentliche Schulen in katholische und evangelische Trägerschaft zu überführen.“ Es dürfe jedoch nicht dazu kommen, dass immer mehr Schülern nur noch schulgeldpflichtige Angebote zur Verfügung stehen. Korter befürchtet aber nicht nur, dass Eltern im direkten Umfeld um ihren Wohnort tief ins Portmonee greifen müssen, um ihren Sprösslingen eine gute Bildung zu ermöglichen. Sie stellt bei kirchlichen Trägern auch die weltanschauliche Neutralität infrage.

Denn die Kirchen haben nach Ansicht der Grünen-Politikerin neben dem Bildungsauftrag noch weitere Interessen: Mit der Ausweitung der Trägerschaften soll dem Mitgliederschwund entgegengewirkt werden. In einem Strategiepapier der evangelischen Kirche ist die Rede von 10 bis 15 neuen evangelischen Schulen in Niedersachsen. „Es ist richtig, dass wir überlegen, bis 2020 mehrere Schulen in landeskirchliche Trägerschaft zu übernehmen“, sagt Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track.

In den vergangenen Jahren habe in der Tat die Zahl der Anfragen für eine Übernahme von kommunalen Trägerschaften stark zugenommen. „Kleine Kommunen wollen so verhindern, dass ihre Schulen geschlossen oder mit Schulen in anderen Orten zusammengelegt würden“, sagt Gäfgen-Track. Es werde aber immer geprüft, keiner anderen Schule Konkurrenz zu machen. „Außerdem haben wir kein Bestreben, die Regelungen bezüglich der fünfzügigen Schulen zu unterlaufen."

Rund 3100 allgemeinbildende Schulen gibt es derzeit in Niedersachsen, davon sind nur 157 Schulen in freier Trägerschaft. In den vergangenen Jahren wurden im Schnitt fünf Genehmigungen für private Neugründungen erteilt. Aus Sicht von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) ist die Gefahr somit unbegründet, dass öffentliche Schulen verdrängt werden: „Ich bin überzeugt, dass die öffentlichen Schulen gut aufgestellt sind“, sagt sie.

Schulneugründungen in kirchlicher Trägerschaft sind auch für die Grünen zunächst kein Problem. „So lange es in Maßen bleibt, ist es in Ordnung.“ Es dürfe aber nicht sein, dass Eltern und Schüler dadurch Nachteile erlitten, weil sie sich die Schulen nicht leisten könnten oder öffentliche Schulen unzumutbar weit vom Wohnort entfernt und schlechter ausgestattet seien. „Daher richtet sich meine Kritik nicht gegen die Kirchen, sondern gegen die Regierung“, betont Korter.

Schulgeld soll es in Twistringen übrigens nicht geben. Zudem soll ein Gremium aus Elternschaft, Stadt- und Kirchenvertretern der Stadt ein Mitspracherecht gewährleisten. „Bei uns wird es auch zukünftig weltanschaulich offenen Religionsunterricht für alle Konfessionen geben“, sagt Schulleiter Lütjen, der selbst evangelisch ist. „Ich bin selbst ein Gegner des alten Bibelunterrichts.“

dpa

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