Rohstoffknappheit in der Corona-Pandemie

Salzgitter AG und Thyssen verzeichnen dank Stahlboom hohe Gewinne

Stahl ist knapp, das treibt Preise nach oben. In der deutschen Stahlbranche kehrt auch wieder Zuversicht für Standorte in Niedersachsen. Wie lange hält der Boom?

Essen/Salzgitter – Nicht alle sind Verlieren in der Corona-Pandemie. Jahrelang herrschte in der deutschen Stahlindustrie Krisenstimmung: Die Preise fielen, die Verluste türmten sich in schwindelerregende Höhen. Allein der deutsche Branchenführer Thyssenkrupp Steel machte im vergangenen Geschäftsjahr ein Minus von fast einer Milliarde Euro. Auch in Niedersachsen hat das Unternehmen einen Standort*.

Seit der Erholung der Weltwirtschaft vom Corona-Schock hat sich das Blatt aber gewendet: Die Nachfrage ist sprunghaft gestiegen – die Preise sind es ebenso. Stahl ist in vielen Bereichen zur Mangelware geworden, und das schlägt sich im Geschäft nieder.

Wichtige Rohstoffe wie Stahl, Kautschuk oder Halbleiter bleiben knapp. Das besorgt Industrie und Handwerk. Auch Verbraucher müssen sich auf steigende Preise* einstellen.

Höhere Preise für Stahl: Der Boom sorgt bei Salzgitter für höchsten Gewinn seit 13 Jahren

Thyssenkrupp meldete am Mittwoch nach langer Durststrecke wieder schwarze Zahlen bei seinem Traditionsprodukt. Deutschlands zweitgrößter Anbieter Salzgitter * berichtete bei der Vorlage der Halbjahreszahlen sogar vom höchsten Vorsteuergewinn seit 13 Jahren. Der neue Stahlboom ist keine deutsche Besonderheit. Für Europas größten Stahlkonzern Arcelormittal war das zweite Quartal nach eigenen Angaben „das beste seit 2008“.

Die Produzenten konnten in den vergangenen Monaten oft höhere Preise bei Abnehmern etwa aus der Autoindustrie oder dem Maschinenbau erzielen. In der Baubranche wurden Komponenten mit den wichtigen Metall-Legierungen mancherorts knapp. VW-Konzernchef Herbert Diess sprach kürzlich von einem „starken Rohstoffpreis-Anstieg“ – und die Steigerungen der Rohstoffpreise, die sich durch alle Sparten ziehen und sich selbst bei den Preisen für Eigenheime niederschlägt, könnten sich bald teils auch in den Fahrzeugpreisen wiederfinden, sie ließen sich wahrscheinlich nicht ganz auffangen.

Stahl ist durch die Corona-Pandemie in vielen Bereichen zur Mangelware geworden, und das schlägt sich im Geschäft nieder.

Bei Thyssenkrupp profitierte laut Finanzvorstand Klaus Keysberg zunächst vor allem der Werkstoffhandel mit einem Rekordergebnis von den „enorm gestiegenen Stahlpreisen“.

Stahlhersteller Thyssenkrupp und Salzgitter AG streiche aufgrund des Stahlboom wieder Gewinne ein

Thyssenkrupp Steel, die Stahlsparte des Revierkonzerns, schaffte nach drei Vierteln des am 30. September endenden Geschäftsjahres beim operativen Ergebnis ein Plus von 87 Millionen Euro. Im Vorjahr hatte hier noch ein Minus von 617 Millionen Euro gestanden. Auf die Stahlsparte entfällt ein gutes Viertel des Gesamtumsatzes des Konzerns.

Noch besser lief es beim kleineren Konkurrenten Salzgitter. Die Niedersachsen konnten im laufenden Geschäft das Minus von rund 128 Millionen Euro aus der ersten Hälfte des Vorjahres in ein Plus von knapp 306 Millionen Euro drehen. Nach Steuern blieben etwa 231 Millionen Euro, nach einem Fehlbetrag von 145 Millionen Euro 2020.

Thyssenkrupp: Auch erhebliche Personalkürzungen tragen zu Gewinn bei

Bei Thyssenkrupp Steel komme der Preisanstieg wegen langfristiger Lieferverträge erst zeitverzögert an, sagte Keysberg. „Der positive Ergebniseffekt wird kommen. Wir werden ihn bei uns nur später sehen als beim Wettbewerb.“ Die gestiegenen Preise würden jetzt in die neuen Verträge mit der Autoindustrie umgesetzt. Stahlmarkt-Analyst David Varga von der Frankfurter Privatbank Metzler erwartet deshalb, dass das nächste Geschäftsjahr 2021/22 für Thyssenkrupp Steel „zumindest das beste der vergangenen 13 Jahre werden“ könnte.

Der Essener Stahl- und Industriekonzern konnte seine Erholung im dritten Geschäftsquartal fortsetzen. Unterm Strich blieb insgesamt ein Gewinn von 125 Millionen Euro hängen, nach einem Verlust von 678 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Dazu tragen aber auch erhebliche Personalkürzungen bei: Von den 12 000 Stellen, die Thyssenkrupp streichen will, seien bereits 6900 abgebaut, sagte Keysberg.

UnternehmenThyssenkrupp
Gründung1999
SitzEssen
Zahl der Mitarbeitenden103.598 (2019/20)
Umsatz28,889 Mrd. Euro (2019/20)

Wie lange wird der Boom im zyklischen Stahlgeschäft anhalten? Das Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI weist auf Risiken hin. Die aktuell günstigen Faktoren dürften „nur temporär wirken“, heißt es im jüngsten RWI-Konjunkturbericht.
Die großen Herausforderungen für die deutsche Stahlindustrie blieben bestehen.

Die Autoindustrie, der wichtigste Stahlverwender, sei in einem Umstrukturierungsprozess. Die Gewichte im globalen Stahlmarkt verschöben sich weiter in Richtung China. Und die Umstellung auf eine „grüne“ Stahlproduktion erfordere Milliardeninvestitionen, die die Unternehmen aus eigener Kraft wohl kaum stemmen könnten.

Steuererleichterungen für Stahlexporte

Doch ausgerechnet vom großen Rivalen China, dem die europäischen Hersteller in den vergangenen Jahren unfaire Praktiken vorgeworfen hatten, kommt Entlastung. Die Regierung in Peking hatte unter anderem Steuererleichterungen für Stahlexporte gestrichen.

Zusammen mit den Schutzmaßnahmen der EU könne das dafür sorgen, dass die heimischen Hersteller „die Marktanteile zurückgewinnen, die sie in der Vergangenheit an Importeure verloren haben“, schätzt Stahl-Analyst Varga. Die Stahlpreise blieben zwar wohl nicht dauerhaft auf dem jetzigen Niveau. „Wir werden in den 2020er Jahren aber deutlich höhere Preise haben als im vergangenen Jahrzehnt.“ * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Bernd Thissen/ dpa

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