Neueste Untersuchungsergebnisse

Staatsanwaltschaft: Krankenpfleger Niels H. für 106 Tote verantwortlich

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Patientenmörder Niels H. soll für 106 Todesfälle verantwortlich sein

Oldenburg - Der bereits verurteilte Patientenmörder Niels H. ist nach Abschluss aller toxikologischen Untersuchungen für rund 100 Todesopfer an den Kliniken Delmenhorst und Oldenburg verantwortlich. Dies teilte die Staatsanwaltschaft Oldenburg am Donnerstag mit.

Den Untersuchungen zufolge können ihm 62 Sterbefälle in Delmenhorst und 38 Fälle in Oldenburg zugerechnet werden. In fünf der Oldenburger Fälle müssten allerdings noch weitere Untersuchungen erfolgen.

Niels H. ist bereits wegen sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilt worden, unter anderem wegen zwei Morden. Die Staatsanwaltschaft will wegen der neuen Fälle voraussichtlich Anfang kommenden Jahres Anklage erheben.

130 frührere Patienten wurden exhumiert

Niels H. hatte gestanden, Patienten eine Überdosis von Medikamenten gespritzt zu haben, um sie anschließend wiederbeleben zu können. Damit wollte er sich vor Kollegen als heldenhafter Retter beweisen.

Mehr als 130 frühere Patienten der beiden Kliniken ließ die eigens dafür eingerichtete Sonderkommission der Polizei in den vergangenen drei Jahren ausgraben und auf Rückstände von Medikamenten testen.

Ermittler: Morde hätten verhindert werden können

Fest steht nach Ansicht der Ermittler, dass ein großer Teil der Morde hätte verhindert werden können. Schon am Klinikum Oldenburg gab es eine Statistik, die zeigte, dass während der Schicht von Niels H. die Sterberate und die Zahl der Reanimationen stieg. 

Das Klinikum Oldenburg trennte sich von dem verdächtigen Pfleger und stellte ihm sogar ein gutes Arbeitszeugnis aus. Eine Warnung an das Klinikum Delmenhorst blieb aus. Auch dort gab es bald Gerüchte, weil auffällig viele Patienten während der Schicht von Niels H. starben.

Handfeste Beweise überführen Niels H. 

Später lagen auch handfeste Beweise vor: Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht stehen. 

Von einem großen Versagen hatte die Deutsche Stiftung Patientenschutz gesprochen. Tätern werde es in Krankenhäusern und Pflegeheimen immer noch zu leicht gemacht. In vielen der bundesweit 2000 Krankenhäusern seien die Kontrollmechanismen nicht verschärft worden.

Eine Chronologie der Krankenhaus-Mordserie

1999-2002: Niels H. arbeitet im Klinikum Oldenburg. 

2003-2005: Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst. 

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst, als er einem Patienten ein Mittel verabreichen will, das dieser gar nicht bekommen soll. 

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil. 

Juni 2008: Im Revisionsprozess verurteilt das Landgericht Oldenburg den Mann zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs. 

Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann, der Prozess beginnt im September. 

November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei ermittelt. Sie geht inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen nach. 

Januar 2015: Niels H. gesteht vor Gericht etwa 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein. 

Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft

Juni 2016: Die Ermittler geben bekannt, dass Niels H. für weitere Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich ist. Niels H. habe gestanden, auch in Oldenburg Patienten getötet zu haben. 

August 2017: Ermittler gehen im Fall von Niels H. mittlerweile von der größten Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte aus: Er habe mindestens 84 weitere Menschen auf dem Gewissen. 

November 2017: Toxikologische Untersuchungen bestätigen, dass H. für rund 100 Todesopfer in Delmenhorst und Oldenburg verantwortlich ist.

Serienmörder und ihre Opfer

Bis Serienmörder entlarvt und verurteilt werden, vergehen wie im Fall Niels H. oft Jahre. Aufsehenerregende Fälle von Prozessen in Deutschland, ausgenommen die NS-Verbrechen: 

- Ein Fernfahrer gestand, zwischen 2001 und 2006 drei Prostituierte in Spanien und zwei in Frankreich ermordet zu haben. Zudem bekannte er sich zum Mord an einer Mitschülerin in Plauen 1974. 2007 wird der Mann vor Prozessbeginn erhängt in seiner Bayreuther U-Haft-Zelle gefunden. 

- Ein als „Todespfleger von Sonthofen“ bekannt gewordener Mann tötete 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Klinikpatienten. Wegen vielfachen Mordes und Totschlags wurde er 2006 zu lebenslanger Haft verurteilt. 

- Anfang der 1990er Jahre brachte ein Obstpflücker aus Brandenburg sechs Menschen um, darunter ein drei Monate altes Baby. „Bestie von Beelitz“ tauften Medien den Mann. Ein Gericht weist den Mann zur psychiatrischen Behandlung in den Maßregelvollzug ein und verurteilt ihn zu anschließenden 15 Jahren Haft. 

- Mit einer Säge zerstückelte Fritz Honka in Hamburg Anfang der 1970er Jahre mehrere Prostituierte. Die Leichenteile versteckte er auf dem Dachboden. 1976 wurde er zu 15 Jahren Haft und Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt, wo er 1998 starb. 

- Von 1918 bis 1924 ermordete Fritz Haarmann in Hannover etwa zwei Dutzend junge Männer. Um sie zu töten, biss er ihnen in den Hals, daher sein Beiname "der Vampir". 1925 wurde Haarmann enthauptet.

dpa

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