„System genauso auch in Niedersachsen“

Thiermann: Undercover-Reporter erhebt schwere Vorwürfe gegen Spargel-König

Nach einem Corona-Ausbruch war der Spargelhof von Thiermann bei Diepholz in der Kritik. Ein Journalist hat auf einem gepachteten Feld des Spargelkönigs in Brandenburg gearbeitet.

Potsdam/Kirchdorf– Eigentlich ist Lukasz Grajewski Journalist und schreibt unter anderem für das Portal buzzfeed.de im Netzwerk der Ippen Digital Zentralredaktion. Für eine Recherche hat er sich undercover als polnische Saisonarbeitskraft für eine Woche auf dem Spargelhof von Heinrich Thiermann in Brandenburg umgesehen*. kreiszeitung.de sprach mit ihm über seine Erlebnisse, die Parallelen zu Niedersachsen und darüber, was an den Vorwürfen über niedrige Löhne und Ausbeutung dran ist.

Undercover Reporter Lukasz Grajewski hat sich als polnische Saisonarbeitskraft auf dem Spargelhof von Heinrich Thiermann in Brandenburg umgesehen. (kreiszeitung.de-Montage)
Lukasz, Du warst eine Woche lang als polnische Saisonarbeitskraft undercover auf dem Spargelhof von Heinrich Thiermann in Brandenburg im Einsatz. Wie ist es Dir dort ergangen?
Untergebracht ist man auf dem Hof von Heinrich Thiermann in Brandenburg sehr isoliert in Häusern in der Nähe der Felder. Das ist so eine Art Minisiedlung fast mitten im Wald. Dort wohnt man pro Etage mit zehn weiteren Mitarbeitern zusammen, es gibt eine Küche und ein Badezimmer mit zwei Duschen und zwei Toiletten. Das ist natürlich gerade am Morgen problematisch, wenn alle aufstehen und zur Arbeit müssen. Untergebracht ist man zu zweit in einem sehr kleinen Zimmer, das keine zehn Quadratmeter groß ist. Das war vor Corona noch anders. Da war man zu dritt auf solch einem Zimmer. Aber das soll auch nach Corona so bleiben.
Wie hat Deine Arbeit auf dem Hof konkret ausgesehen?
Die ersten drei Tage war ich noch gar nicht zum Spargelstechen eingeteilt, sondern habe in einer Art Halle gearbeitet. Wir mussten die Spargelkisten, die frisch vom Feld kamen, annehmen, scannen, in die Wasser-Bottiche stellen, nach ein paar Stunden wieder herausnehmen und in die Halle bringen. Dort sortieren Arbeiterinnen und Arbeiter am Fließband die weißen Stangen. Jede Wanne fasst 18 Kisten Spargel, jede Kiste wiegt 20 bis 25 Kilo. Abgerechnet wird dies als Akkordarbeit, klar geregelt war die Bezahlung dabei aber nicht. Es wurden zu Beginn 100 Euro netto pro Tag versprochen, aber manchmal waren es nur 90 oder 70 Euro. Manchmal haben wir 13 oder 15 Stunden am Tag gearbeitet. Am vierten Tag bin ich schließlich aufs Feld zum Spargelstechen gekommen. Hier ist die Arbeitszeit von 7:00 bis 18:00 schon klarer geregelt und das Geld, was man pro Kilo gestochenen Spargel bekommt, wird klar kommuniziert. Aber auch hier waren es manchmal nur 40 Euro am Tag, die ich verdient habe.
Kannst Du einen typischen Tagesablauf schildern?
Bei den Wannen musste ich so um 5:00 Uhr aufstehen, da um 6:00 Uhr der Bus zum Betrieb fährt. Da arbeitet man dann ohne feste Pause, was ich als sehr schwierig empfunden habe. Man arbeitet ein bis zwei Stunden am Stück und kann dann eine kurze Zigarettenpause machen, bis schon wieder neue Bullis vom Feld mit Spargel kommen. Diese müssen sofort abgearbeitet werden. Eine feste Mittagspause etwa gab es hier nicht. Die wurde auf Zuruf eingelegt, wenn etwas Luft bis zur nächsten Spargellieferung war. So sieht das den ganzen Tag aus bis 20:00 oder 21:00 Uhr.
Auf dem Feld ist es ein bisschen strukturierter. Man muss so gegen 5:30 Uhr aufstehen, um zu duschen und sein Messer für das Stechen zu schärfen. Um 6:30 Uhr kommt der Bus, der die Arbeiter zum Feld bringt. Gegen 12:00 Uhr gibt es eine Mittagspause und polnisches Essen für die Arbeiter. Feierabend ist auf dem Feld zwischen 17:00 und 18:00 Uhr. Die Leute, die auf dem Feld gut arbeiten, sollten keine Probleme haben, den Mindestlohn zu erreichen.
Was wurde Dir an Verdienstmöglichkeiten im Vorfeld versprochen?
Geld ist ein ständiges Thema. Auch unter den Arbeitern. Das Geld, was pro Kilo Spargel gezahlt wird, wenn man auf dem Feld steht, wird mit 43 bis 50 Cent klar kommuniziert. Das war vor ein paar Jahren mit 60 Cent pro Kilo wohl noch besser. Mehr als das weiß man aber auch nicht. Man weiß nie genau, wie viel man verdient. Die Arbeitszeiten ändern sich jeden Tag. Es ist sehr chaotisch. Man könnte das transparenter halten für die Mitarbeiter.
Wie hast Du das System Thiermann persönlich erlebt?
Ich hab das selber vielmals als „polnische Wirtschaft“ (gemeint ist ein Stereotyp, um etwas abzuwerten, Anm. d. Red.) bezeichnet. Es fehlt eine echte Unternehmenskultur, die Vorarbeiter beispielsweise haben früher auch auf dem Feld gestanden und erteilen nun Befehle an die neueren Mitarbeiter. Wenn jemand ein Problem hat, dann wird darüber nicht gesprochen. Thiermann könnte als Firma darüber nachdenken, hier etwas für die Mitarbeiter zu machen, damit sich die Arbeitskultur ändert. Abends nach der harten Arbeit hat man gerade noch ein bisschen Kraft für ein paar Bier und Schnaps, um etwa mit den anderen Mitarbeitern auf die Vorarbeiter und ähnliches zu schimpfen. 
Ein heißes Thema bei Thiermann soll ja auch der Umgang mit Arbeitsverträgen sein. Was steht denn in Deinem Arbeitsvertrag drin?
Keine Ahnung, weil ich ihn nicht wirklich lesen konnte. Er war zwar auf Polnisch und Deutsch, aber bei der Unterschrift ging alles sehr schnell und eine Kopie erhält man nicht. Man bekommt lediglich das letzte Blatt ausgehändigt. Darauf steht aber auch nur, dass alles korrekt im Vertrag geregelt ist. Man bekommt nichts Konkretes. Auch drei Wochen nach der Arbeit habe ich nichts erhalten.
Ein Vorwurf lautet darauf, dass die Arbeitszeiten nicht korrekt erfasst werden. Was hat es damit auf sich?
Die Arbeitszeiten auf den Erfassungsbögen werden häufig nicht korrekt erfasst. Die Zettel bekommt man aber höchstens nur ganz kurz zu sehen. Auch sein Geld erhält man erst kurz vor der Abreise, sodass man nicht überprüfen kann, ob die Summe überhaupt stimmt. Es läuft auch alles sehr hektisch ab, weil alle ihr Geld gleichzeitig bekommen. Als ich mein Geld bekommen habe, konnte ich in der Eile lediglich feststellen, dass ein Tag nicht abgerechnet wurde. Auf meine Beanstandung hin wurde das geändert. Das war auch bei anderen Mitarbeitern so. Viele bemängeln es aber nicht. Viele sehen die Sache so: Hauptsache sie bekommen ihr Geld und können dann schnell nach Hause fahren. Die Stimmung dahingehend ist schon sehr krass und man hat ein bisschen Angst. Man ist dort als Saisonarbeiter in einer sehr niedrigen Position.
Der Vorwurf des Arbeitslagers steht im Raum und das auch noch ausgerchnet durch eine polnische Gastarbeiterin gegenüber einem deutschen Unternehmen. Was ist da dran?
Die Vorwürfe wurden von Frauen erhoben, die in Quarantäne mussten. Sie durften nur im Zimmer sein und konnten nicht raus. Ich glaube, diese Isolation hat die Vorwürfe bekräftigt. In Brandenburg wurde nicht von Arbeitslager gesprochen.
Du warst für deine Recherche auf einem Hof von Heinrich Thiermann in Brandenburg. Sind die Arbeitsbedingungen am Stammsitz in Kirchdorf die gleichen?
Ja, das System ist genauso auch in Niedersachsen etabliert. Wir haben viele Gespräche geführt und konnten herausfinden, dass dort mit den gleichen Methoden gearbeitet wird. Da bin ich sehr sicher. 
Wie könnten Deiner Meinung nach die offensichtlichen Probleme behoben werden?
Das ist ein strukturelles Problem. Der Spargel wird beispielsweise viel zu billig verkauft. Das ist ein riesiges Problem, was nicht nur Thiermann betrifft, sondern die gesamte Branche. Aber die Landwirtschaft bekommt viel Druck von Supermärkten.
Wie sieht es mit dem Hygienekonzept aus, über das Thiermann nach eigenen Angaben verfügen will? Hattest Du das Gefühl, dass Du gut vor Corona geschützt wurdest?
Ich war da ein bisschen entspannter, weil ich bereits meine erste Impfung hinter mir hatte, als ich auf den Hof in Brandenburg gekommen bin. Aber das sollte keine Rolle spielen. Es gibt zwar Hygieneregeln und ein Konzept, aber das funktioniert überhaupt nicht. Im Büro wurde mir beispielsweise am Anfang gesagt, dass ich in Gruppenquarantäne arbeiten werde. Noch am selben Tag wurde ich aber in eine andere Gruppe gesteckt. Laut Thiermann war das ein Einzelfall. Auch das scheint nach unseren Recherchen nicht zu stimmen. Auch die Maskenpflicht wurde zum größten Teil nicht eingehalten, aber das kann man als Betrieb nicht dauerhaft überprüfen.
Vor meiner Ankunft hat es angeblich einen Coronafall in meinem Zimmer gegeben. Da wurden offenbar nur mein Mitbewohner und der eine Arbeiter in Quarantäne geschickt. Es wurden angeblich keine Tests an den anderen Mitarbeitern durchgeführt.
Wie war das am Anfang geregelt?
Man muss mit einem Coronatest ankommen und ihn vorzeigen. Aber die Abreise erfolgt in der Regel ohne Test, was aber auch daran liegen kann, dass das eventuell nicht rechtlich geregelt ist. Da sollte man vorher nochmal testen, bevor die Mitarbeiter nach Rumänien oder Polen reisen. Viele Busunternehmen nehmen die Leute so nicht mit. Ein Kollege ist mit krassen Symptomen einfach nach Hause gefahren. In großen deutschen Betrieben ist das organisiert. Bei Thiermann hab ich sowas überhaupt nicht gesehen.

*kreiszeitung.de und buzzfeed.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Christian Charisius/dpa & Lukasz Grajewski

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