Boostern: ja oder nein

Wie lange hält der Corona-Impfschutz an? Bei einer Gruppe schwindet er schneller

In Niedersachsen sind zweidrittel der Einwohner vollständig geimpft (Stand 1.10.). Um diesen Status zu erhalten, könnte eine weitere Impfung nötig sein.

Berlin - Zweimal Impfen? Dreimal oder noch häufiger eine Spritze abholen? Wie lange hält der Impfschutz, ist eine der am häufigsten diskutierten Fragen. Auf diese einfache Frage gibt es keine einfache Antwort. Klar ist, die Impfzentren sind geschlossen. Mobile Teams und Hausärzte würde eine mögliche Auffrischung übernehmen.

Vollständig geimpft Niedersachsen 66,7 Prozent (Stand 1.10.)
Bremen75,1
Hamburg68,5
Schleswig-Holstein69,6

Um eine Antwort zu finden, muss man zunächst definieren, was ein Impfschutz überhaupt ist. In den Zulassungsstudien für die Impfstoffe wurde vorrangig erfasst, wie gut sie vor einer Erkrankung schützten - also vor einer Infektion mit Symptomen wie etwa Husten, Fieber und Schnupfen. Dieser Wert bestimmt die angegebene Impfeffektivität. Es lohnt sich auch einen weiteren Wert zu beleuchten: Der Schutz vor einer schweren Erkrankung.

Corona: Wie lange hält der Impfschutz?

„Bei den mRNA-Vakzinen lag diese (vor einer Erkrankung schützen, Anm. d. Red.) bei 94 bis 95 Prozent, bei dem Impfstoff von AstraZeneca je nach Impfabstand bei 60 bis 80 Prozent und bei Johnson & Johnson wurden 66 bis 67 Prozent festgestellt“, sagt Carsten Watzl, Immunologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der Technischen Universität Dortmund. „Der Schutz vor schwerer Erkrankung war noch besser, konnte in den Studien aber nie so genau angegeben werden, weil man damals zum Glück nur eine Handvoll schwere Fälle hatte“, betont Watzl.

Ein Corona-Impfstoff ist eine Erfolgsgarant gegen die Pandemie.

Inzwischen gibt es - dank der Impfkampagne - weitere Daten jenseits der Zulassungsstudien. So sind differenziertere Aussagen zum Impfschutz nun möglich. Leif Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, sagte: „Wie zu erwarten war, stellen wir fest, dass der Schutz gegen Infektion, auch gegen eine symptomatische Infektion, über die Zeit etwas nachlässt, wenn man die Gesamtbevölkerung betrachtet.“ Heißt: Je länger die Impfung her ist, desto geringer der Schutz.

Manche Untersuchungen legten nahe, dass schon sieben bis acht Wochen nach einer vollständigen Impfung ein abnehmender Schutzeffekt zu beobachten sei. Wichtig könnte dies werden, wenn man in den Urlaub fliegen will.

Daten aus Großbritannien und Israel zeigen, dass der Impfschutz bei Älteren stärker schwindet. Ferner hatte eine britische Studie, deren Ergebnisse als Preprint veröffentlicht wurden, ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit, trotz Impfung zu erkranken, größer wird, je länger die Immunisierung zurückliegt. Ergänzende Zahlen lieferte jüngst eine Untersuchung der US-Gesundheitsbehörde CDC: Demnach sank die Wirksamkeit des Biontech-Präparats nach vier Monaten auf 77 Prozent, während Moderna mit einer Effektivität von 92 Prozent nahezu stabil blieb.

Bei Moderna gibt es bislang am wenigsten Durchbruchsinfektionen

Carsten Watzl, Immunologe am Leibniz-Institut

Dazu passen laut Watzl die Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) zu Impfdurchbrüchen: „Bei Moderna gibt es bislang am wenigsten Durchbruchsinfektionen, Biontech und Astrazeneca liegen gleichauf, wobei man noch berücksichtigen müsste, wer welches Vakzin bekommen hat – ob also die Jungen, Gesunden eher Moderna und die Älteren eher Astrazeneca oder Biontech erhalten haben.“ Am schlechtesten schneide das Johnson & Johnson-Vakzin ab, von dem allerdings bislang auch nur eine Dosis gegeben werde.

Impfungen schützen vor einer schweren Erkrankung

Schutz vor Ansteckung mit Symptomen ist nur ein Aspekt bei der Frage nach der Dauer des Impfschutzes. Ein anderer ist der Schutz vor einer schweren Erkrankung, die mit Hospitalisierung, Beatmung oder gar Tod einhergehen kann. „Dieser Schutz ist bei allen Impfstoffen nach einem halben Jahr noch fast genauso hoch wie zu Beginn“, betont Leif Erik Sander.

Das RKI schätzt die Impfeffektivität alle zugelassenen Impfstoffe gegen Corona in seinem aktuellen Wochenbericht für die Kalenderwochen 35 bis 38: Demnach beträgt der Schutz vor Hospitalisierung bei den 18- bis 59-Jährigen 93 Prozent und in der Altersgruppe ab 60 Jahren etwa 89 Prozent. Der Schutz vor Behandlung auf der Intensivstation liegt in der jüngeren Gruppe demnach bei 96 Prozent und in der älteren bei 94 Prozent, den Schutz vor Tod beziffert das Institut in den beiden Altersgruppen mit 97 und 88 Prozent.

Eine dritte Corona-Impfung ist für Personen mit erhöhtem Risiko ratsam.

„Der Schutz vor der schweren Erkrankung bleibt intakt – mit Ausnahme von alten und immunsupprimierten Menschen“, betont Sander. „Und deswegen wird diesen Menschen jetzt auch ein Angebot für die dritte Impfung gemacht.“ Tatsächlich veröffentlichte die Ständige Impfkommission (Stiko) kürzlich eine Empfehlung, der zufolge Menschen mit geschwächtem Immunsystem eine Auffrischungsimpfung bekommen sollten. Für ältere Menschen gilt diese Empfehlung noch nicht – dennoch können sich diese nach ärztlicher Beratung hierzulande bereits boostern lassen.

Doch warum lässt der Impfschutz überhaupt nach? Bei anderen Impfungen wie Tetanus hält der Impfschutz über zehn Jahre. Sander erläutert, dass seine Dauer und Stärke sowohl von individuellen Faktoren als auch der Art der Impfung und des Erregers beeinflusst werden: „Sars-CoV-2 ist ein sehr ansteckender Erreger, der die Atemwege infiziert, sich dort repliziert und direkt weitergegeben werden kann. Deswegen ist es sehr viel schwieriger, dagegen einen kompletten Immunschutz aufzubauen als gegen andere Erreger, die erst einmal durch den Blutstrom müssen.“

Corona als Sturm - Impfung als Regenschirm

Welche Rolle zudem das Aufkommen der Delta-Variante spielt, veranschaulicht Watzl anhand eines Vergleichs mit einem Regenschirm: „Je nachdem, wie gut der Impfstoff und mein Immunsystem waren, desto größer oder kleiner ist der Regenschirm. Wenn es ganz normal regnet, bleibe ich trocken. Aber bei einem starken Sturm, der auch von der Seite kommt, werde ich trotz Regenschirms nass.“ Die Delta-Variante mit der wesentlich höheren Viruslast und einem hohen Ansteckungspotenzial stelle einen solchen Sturm dar.

Der Regenschirm ist das geimpfte Vakzin. Bei einer Grippeimpfung benötigt man jedes Jahr einen neuen Regenschirm. Dass Männer und Frauen nun jedes Jahr zu einer Corona-Schutz-Impfung müssen, glaubt Sander eher nicht: „Das Grippe-Virus ist sehr variabel und baut sich jedes Jahr neu zusammen, sodass der Impfschutz vom letzten Jahr nicht mehr wirken kann. Das liegt aber am Virus.“

Ich gehe davon aus, dass es eine Booster-Wirkung geben wird

Leif Erik Sander, Leiter einer Forschungsgruppe an der Charité

Coronaviren seien dazu nicht fähig: Sie mutierten zwar und tauschten einzelne Bausteine aus, was die Antikörper-Antwort schwächen könne. Eine dritte Impfung würde aber dennoch langwierigen Schutz aufbauen. Zudem werde jeder über kurz oder lang mit dem Erreger in Kontakt kommen, was den Impfschutz nochmals auffrische. In welchem Maße die derzeit beobachteten Durchbruchsinfektionen die Immunantwort der Infizierten verbessern, sei indes noch unklar, so Leif Erik Sander: „Ich gehe davon aus, dass es eine Booster-Wirkung geben wird. Aber wie gut die ist, ist noch Gegenstand der Forschung.“* kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Brian Inganga/AP/dpa

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