Prozess um Cuxhavener Campingplatz-Mord: Anklage fordert lebenslange Haft für 30-Jährigen

„Sie sind ein armes Schwein“

Anwältin Susanne Tölke mit dem Angeklagten zu Prozessbeginn: Ist Thomas H. ein Mörder?

Stade. „Im Prinzip sind sie ein armes Schwein.“ Die Stille ist erdrückend im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Stade, als der Anwalt der Familien, die ihre beiden Töchter verloren haben, zu seinem Plädoyer ansetzt.

Nur ein kümmerliches Wimmern ist zu hören: Thomas H. weint. Der Täter, der Nadine T. und Anne G. im August auf einem Cuxhavener Campingplatz erstochen hat, verzweifelt an seiner abscheulichen Bluttat.

„Sie zeigen ehrliche Reue“, gesteht ihm Steffen Hörning an diesem Mittwochnachmittag zu. Doch der Anwalt der Nebenklage – die Familien der beiden 27-jährigen Opfer – betont auch, dass es nach fünf Verhandlungstagen am 1. Februar nur ein Urteil geben kann: „Sie sind des Mordes überführt. Und das bedeutet lebenslänglich.“

Es gab nie Zweifel daran, was sich in dieser lauen Nacht zum 26. August 2009 auf dem Sahlenburger Campingplatz „Machulez“ zugetragen hat. Der 30-jährige Thomas H. fährt von seinem Wohnort Peine nach Cuxhaven, ist von enttäuschter Liebe zu Nadine T. geprägt und hat ein 20 Zentimeter langes Küchenmesser dabei. Nach eigener Aussage will er seinen Beschützerinstinkt ausspielen, die Reifen ihres Autos aufschlitzen.

Die Anklage vermutet bereits brutalere, auch sexuell motivierte Beweggründe: H. duldete demnach keine anderen Männer neben sich und wollte Nadine unentwegt kontrollieren. Er befürchtete, sie sei mit einem anderen auf dem Campingplatz; genau dort, wo die beiden kurz zuvor noch einen harmonischen Vier-Tage-Liebesurlaub verbracht hatten. H., nie vorher straffällig geworden, schleicht sich gegen 3 Uhr nachts in den Wohnwagen, in dem die beiden Freundinnen aus Winsen/Aller (Kreis Celle) schlafen.

Als Nadine T. rund eine Stunde später H. im Dunkeln erspäht, eskaliert die Situation. Er sticht zu, 18 mal auf seine vermeintliche „Traumfrau“, 15 mal auf die flüchtende Anne G. Beide sterben wenig später.

Von Beleidigungen und Provokationen der Mädchen ist in den Aussagen H.s und dem Plädoyer von Verteidigerin Susanne Tölke die Rede. „Thomas sind ganz einfach die Sicherungen durchgebrannt“. Der ruhige, introvertierte, von Selbstzweifeln geplagte H. war „beseelt davon, Nadine wieder zu bekommen“. Tölke sieht ihren Mandaten verloren in einer Scheinwelt, führt Aspekte einer schizophrenen Störung an.

H. habe gezielt getötet, es gebe keine Entschuldigungen und keine Wiedergutmachung für dieses „traurige Drama“, wohl aber Erklärungen – da sich H. in eine krankhafte Abhängigkeit geflüchtet hatte. Tölke: „Die Vorstellung, dass Nadine einen anderen hat, hat ihn wahnsinnig gemacht.“ Für sie handelt es sich bei der Tat um doppelten Totschlag. Die Höhe eines Strafmaßes lässt sie dabei offen.

Dass sich H. in eine Scheinwelt geflüchtet habe, im Affekt handelte oder nicht Herr seiner Sinne war – darauf will sich Gutachter Harald Schmidt jedoch nicht einlassen. Der Oberarzt des Landeskrankenhauses Brauel (Kreis Rotenburg) widerlegt Forderungen nach verminderter Schuldfähigkeit des Angeklagten. „Es gibt aus psychiatrischer Sicht keine Auffälligkeiten zur Tatzeit“, auch wenn Schmidt H. deutlich „zwanghaft-depressive Züge“ attestiert.

Doppelter Totschlag – oder zumindest im Fall der auf der Flucht erstochenen Anne G. doch Mord, wie es die Anklage fordert? Über diese juristische Spitzfindigkeit muss das Gericht befinden. Für Staatsanwalt Matthias Graumann wie für Nebenklage-Anwalt Hörning ist klar: H. tötete Anne G., um das Verbrechen an Nadine T. zu verdecken. 13 Jahre Haft für den Totschlag, lebenslänglich für den Mord, lautet die Forderung.

Die Schuld, wie sie auch immer juristisch zu bewerten ist, hat H. seit der ersten Vernehmung eingestanden. Auch gestern schluchzt er in seinen letzten Worten, dass ihm alles sehr leid tue. Rund 100 000 Euro Schmerzensgeld für die Familien hat er bereits akzeptiert. Und für sich selbst anerkannt, dass es immer Täter bleibt: „Lebenslang habe ich doch schon.“

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