Schwule Väter und ihre Ängste

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Ein schwules Pärchen sitzt am Donnerstag (04.11.2010) mit ihrer Tochter auf einer Parkbank in den Herrenhäuser Gärten in Hannover.

Göttigen - Die Familienidylle scheint perfekt: Vater, Mutter und Kind. Doch dann will der Vater nicht mehr dazugehören und outet sich als schwul. Ein Familienmodell, das nicht selten ist. Bundesweit soll es 200 000 bis 300000 schwule Väter und Ehemänner geben.

Es war ein Schock. Aus allen Wolken ist Andreas' Frau gefallen, als sie von ihm erfuhr, dass er lieber mit einem Mann zusammen sein würde. „Sie hat nach den Gründen gefragt und hat sich Schuldvorwürfe gemacht, aber niemand ist schuld“, sagt der 50-Jährige aus dem Ruhrgebiet. Schwule Ehemänner und Väter sind nach wie vor ein Tabuthema in der Gesellschaft. „Es ist ein Tabu, weil man seine Familie schützen will, weil die Gesellschaft das klassische Familienbild leben will“, sagt der Sprecher der Bundesvereinigung der Selbsthilfegruppen schwuler Väter, Dirk Overwin.

Einer der Gründe, warum Männer meist Jahrzehnte mit ihrem Coming-Out warten, ist die Angst, ihre Kinder zu verlieren, weiß Overwin. Dabei seien die Sorgen unbegründet. „Wenn die Kinder nicht gerade 13 oder 14 Jahre alt sind und selber mitten in der schlimmsten Pubertätshase stecken, nehmen sie das Coming-Out sehr gut auf.“ Ältere Betroffene verheimlichten ihre sexuelle Neigung, weil sie sich vor gesellschaftlichen Repressalien fürchteten. „In den 50er Jahren gab es einen gesellschaftlichen Druck und den Männern blieb nichts anderes übrig, als zu schweigen.“ Viele hätten von ihrer Homosexualität damals schon gewusst, aber trotzdem geheiratet.

Bei den meisten Beratungseinrichtungen gebe es keine Anlaufstellen für schwule Väter. Deswegen werden die Vätergruppen durch schwul-lesbische Einrichtungen oder Vereine unterstützt. Die Bundesvereinigung bietet Betroffenen unter anderem im Waldschlösschen in Göttingen einen Rahmen, wo sie sich mit anderen Betroffenen aus dem gesamten Bundesgebiet austauschen können. Zweimal im Jahr treffen sich alle 28 Gruppen - mit jeweils zehn bis 20 Mitgliedern.In der kommenden Woche feiert die Vereinigung bei einem bundesweiten Treffen ihr 25-jähriges Bestehen.

Ein schwules Pärchen geht am Donnerstag (04.11.2010) mit ihrer Tochter in den Herrenhäuser Gärten in Hannover Hand in Hand spazieren.

Mittlerweile haben die Gruppen wieder sehr hohen Zulauf. Dabei seien sehr viele jüngere Betroffene und viele aus osteuropäischen Einwanderungsfamilien. „Zu dem festen Kern gehören immer rund 1000 Männer“, sagt Overwin. Die Dunkelziffer liege aber weit darüber. Dabei beruft er sich auf eine Studie des Bundesfamilienministeriums, wonach es 200 000 bis 300000 schwule Väter und Ehemänner geben soll. Die Betroffenen in den Selbsthilfegruppen sind zwischen 30 und 60 Jahren alt. „Wir haben auch einen 75 Jahre alten Pfarrer oder einen 25-Jährigen.“ Oft würden die Betroffenen sich mit Mitte 30 outen und sich von ihrer Partnerin nach und nach trennen. Aber leicht falle ihnen der Ausbruch nicht. „Die hatten einen vorgefertigten Lebensplan und es ist nicht leicht da auszubrechen.“ Es gebe aber auch einen großen Prozentsatz von Vätern, die mit ihrer Familie weiter zusammenleben, obwohl es die gesamte Familie weiß.

Manche Ehefrauen deckten den Partner und versuchten, ihn auch nicht zu ändern, sagt Overwin. Das Geheimnis fresse dennoch Energie und mache die Familie oft unglücklich. Overwin rät betroffenen Männern, ihre Homosexualität zuzugeben, aber sich nicht automatisch zu trennen. „Wie sich die Familie entscheidet und weiterentwickelt, ist immer unterschiedlich.“

Für Andreas stand nach einer Therapiestunde bei einer Paartherapeutin fest, dass er die Beziehung nicht mehr will und mit einem Mann zusammenleben will. Binnen sechs Wochen trennte sich das Paar, das zuvor sieben Jahre verheiratet gewesen war und zum damaligen Zeitpunkt eine dreijährige Tochter hatte. „Während meiner Ehe war ich nicht an Männern interessiert und habe auch keinen Männern hinterhergeschaut“, sagt Andreas. Seine plötzliche sexuelle Umorientierung kann er nicht erklären. Auch während der vier Jahre, in der das Paar zuvor eine Wohnung geteilt habe, gab es keine Anzeichen für eine homosexuelle Neigung. Heute lebt er mit seiner Frau, die wieder geheiratet hat, in einem freundschaftlichen Verhältnis.

dpa

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