Rechtsanwalt Prahl über die Verteidigung eines Täters, der zum Opfer wurde

„Schweigen ist manchmal die sinnvollste Variante“

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Hendrik Prahl

Sittensen - Von Michael Krüger. Es besteht ein hinreichender Tatverdacht. Eine Verurteilung sei damit wahrscheinlicher als ein Freispruch. Das betont Rechtsanwalt Hendrik Prahl immer wieder, wenn er über den bevorstehenden Prozess gegen Ernst B. spricht.

Der Fall Labinot Saliuki: Hintergrund am Ende des Interviews

Der 79-Jährige soll den Bruder seines Mandaten, Labinot Saliuki, erschossen habe. Und zwar nicht aus Notwehr, weil er überfallen wurde, sagt der 45-jährige Anwalt. Das sei für ihn unzweifelhaft in einem Fall, in dem die Grenze zwischen Tätern und Opfern schwer zu ziehen ist.

Ist Labinot ein Opfer?

Hendrik Prahl: Sicherlich. Aber ein Opfer, das vorher selbst Schuld auf sich geladen hat. Das war kein Kavaliersdelikt. Er ist also ein Opfer, das durchaus dazu beigetragen hat, eines zu werden.

Wie geht es der Familie?

Prahl:Zeit heilt nicht alle Wunden, aber insbesondere durch die Entscheidung, dass es nun doch zum Prozess kommt, ist eine gewisse Genugtuung eingetreten.

War es schwer, die Familie vom langwierigen, rechtsstaatlichen Vorgehen in diesem Fall zu überzeugen?

Prahl:Nein. Mir gegenüber haben sie immer gesagt, es so zu wollen und nicht anders. Von Blutrache war nie die Rede.

Der Onkel des Opfers hat nach der Verurteilung der jungen Mittäter gesagt, man vertraue der Justiz, aber bei einem Freispruch werde es „andere Wege“ geben.

Prahl:Mir gegenüber ist das nie gesagt worden. Weder der Rentner noch sein Anwalt haben sich bis heute bei uns gemeldet und gesagt, dass sie sich bedroht fühlen.

Hat auch ein Rechtsanwalt mitunter Gewissensbisse, wenn er Täter verteidigt?

Prahl:Wir Anwälte sind – auch als Verteidiger – ein Organ der Rechtspflege und haben einen gesetzlichen Auftrag. Der Angeklagte sieht sich im Prozess einer Vielzahl gut ausgebildeter Juristen gegenüber. Da braucht auch der Angeklagte eine ordnungsgemäße Vertretung. Es geht um Waffengleichheit. Das bedeutet aber nicht, dass sich der Rechtsanwalt mit den Interessen des Angeklagten gemein macht. Man ist vielmehr eher sein Sprachrohr.

Können Sie dann verstehen, dass die Verteidiger im NSU-Prozess angegriffenwerden?

Prahl:Absolut. Als Vertreter der Nebenklage würde ich deren Arbeit auch kritisieren. Diese lehrbuchartig krampfhafte Befangenheitsdebatte wäre nicht mein Stil. Und es entspricht wahrlich nicht den Interessen der Opfer, den Prozess in die Länge zu ziehen.

Wurden Sie selbst schon für die Verteidigung bestimmter Mandaten angegriffen?

Prahl:Das ist durchaus schon vorgekommen. Dafür habe ich aber nur begrenzt Verständnis. Sachliche Kritik ist in Ordnung, Anfeindungen nicht. Ich suche mir meine Mandanten ja auch nicht immer aus. Das ist dann mein gesetzlicher Auftrag, wenn ich zum Beispiel Pflichtverteidiger bin.

Gibt es auch Verbrechen, bei denen Sie eine Verteidigung ausschließen würden?

Prahl:Es gibt einige Bereiche, wo ich sage: Da springe ich nicht in die Bresche. Dabei geht es nicht unbedingt um die Tat selbst, sondern um die Person und wie sie zu ihren Handlungen steht. Grundsätzlich gilt jedoch: Die Größe eines Rechtsstaates zeigt sich auch darin, den potenziell größten Verbrechern die besten Verteidiger zur Seite zu stellen.

Was hat sich Ernst B. zu Schulden kommen lassen?

Prahl:Er ist vom Opfer zum – jedenfalls mutmaßlichen – Täter geworden. Schon den Überfall hat er aus unserer Sicht durch sein Verhalten zumindest fahrlässig mit begünstigt, indem er sich in gewissen Kreisen bewegte. Und dann hat er offenbar wahllos auf die Flüchtenden geschossen. Er hat zumindest bedingt vorsätzlich jemanden getötet, das wurde bislang nicht in Abrede gestellt. Aber für was er genau strafrechtlich verantwortlich ist, muss nun das Landgericht entscheiden. Oder im Zweifelsfall der Bundesgerichtshof.

Jeder juristische Laie gesteht dem Überfallenen doch Notwehr zu.

Prahl:Das ist rechtlich sehr kompliziert. Nach Paragraph 32 des Strafgesetzbuches ist Notwehr „diejenige Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden“. Zum Zeitpunkt, als er schoss, gab es aber keinen Angriff mehr auf sein Leben oder seine körperliche Unversehrtheit. Es waren alle aus dem Haus geflüchtet. Für seine Behauptung, er habe einen Schuss gehört, gibt es bislang keine Beweise. Dass die Räuber gestohlenes Geld von ihm dabei hatten, das er „verteidigen“ wollte, hat er bislang nie behauptet.

Die Anklage lautet aufTotschlag.

Prahl:Der Schuss wurde in einer Höhe abgegeben, in der normalerweise lebenswichtige Organe getroffen werden. Da wird er sich fragen lassen müssen: Hätte er einen Warnschuss abgeben müssen? Oder hätte der geübte Schütze auf die Beine schießen müssen?

Halten Sie so ein rationales Verhalten eines Überfallenen, der sich verteidigen will, wirklich für realistisch?

Prahl:Man darf die Situationen nicht verwechseln. Zum Zeitpunkt des Angriffs auch auf sein Leben wäre das selbstverständlich Notwehr. Aber es gab keine Gefahr mehr für ihn, weil die Täter bereits flüchteten. Und dann muss man die grundsätzliche Frage stellen, ob es wirklich angebracht ist, für ein paar tausend Euro Beute jemanden zu töten.

Ist das bisherige Schweigen des Seniors in den Verfahren ein Schuldeingeständnis?

Prahl:Nein, es ist sein gutes Recht. Schweigen ist manchmal – aus Sicht der Verteidigung – die sinnvollste Variante. Niemand ist verpflichtet, sich selbst zu belasten.

Was erhoffen Sie sich vom Prozess?

Prahl:Vor allem Aufklärung. Es sind noch viele Fragen offen. Wir wollen wissen, warum Labinot sterben musste und wie dies strafrechtlich zu bewerten ist.

Zum Hintergrund: Der Fall Labinot Saliuki

Vier Schüsse aus zwei Metern Entfernung treffen den damals 16-jährigen Labinot Saliuki am 13. Dezember 2010 in den Rücken. Ein Schuss trifft die Hauptschlagader. Labinot stürzt, stirbt. Der junge Mann aus Neumünster (Schleswig-Holstein) mit familiären Wurzeln im Kosovo wollte mit vier Bekannten im Alter zwischen 23 und 25 Jahren den wohlhabenden Rentner Ernst B. in Sittensen (Kreis Rotenburg) überfallen.

Über eine Tippgeberin aus dem Rotlichtmilieu hatten die jungen Männer, bis auf Labinot allesamt mit beachtlichem Vorstrafenregister, von dem Geld des Senioren erfahren. Sie wollen große Beute machen. Doch der Raubzug läuft schief. Die Alarmanlage geht los, die Täter flüchten. Als sie durchs Wohnzimmer hinausstürmen, greift der erfahrene Jäger B., damals 77 Jahre alt, zur Waffe. Notwehr oder nicht? Diese Frage beschäftigt die Justiz auch nach der Verurteilung der Räuber zu mehrjährigen Haftstrafen.

Zunächst sieht die Staatsanwaltschaft Stade keinen hinreichenden Tatverdacht, dann will das Landgericht Stade das Verfahren nicht eröffnen. Doch das Oberlandesgericht hat nun abschließend bewirkt, dass verhandelt wird. Möglicher Termin: Im dritten Quartal 2013.

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