Zu Ärztemangel, Bürgerversicherung und Cannabis

Ärztekammer-Präsidentin: „Schon fünf nach zwölf“

Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, wirbt für zusätzliche Studienplätze gegen den Ärztemangel: „Wir haben auf jeden Medizinstudienplatz in Deutschland zehn Bewerber. Das sollten wir nutzen.“ - Foto: Katrin Preuß
+
Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, wirbt für zusätzliche Studienplätze gegen den Ärztemangel: „Wir haben auf jeden Medizinstudienplatz in Deutschland zehn Bewerber. Das sollten wir nutzen.“

Verden - Für Martina Wenker steht eines fest: Der Ärztemangel auf dem Land lässt sich nur durch zusätzliche Studienplätze entschärfen. Niedersachsen müsse sofort 200 zusätzliche Medizinstudenten ausbilden, fordert die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen im Interview mit kreiszeitung.de.

Bundesweit würden 1.000 Extra-Studienplätze gebraucht. Der „inzwischen bedenkliche ‘Ärzte-Tourismus’ aus armen Ländern“ helfe nicht weiter, da er die Gesundheitssysteme in den armen Ländern nur weiter aushöhle, und hierzulande noch größeren Migrationsdruck erzeuge, sagt die promovierte Fachärztin für Innere Medizin mit dem Teilgebiet Lungen- und Bronchialheilkunde. Das Interview führte Martin Sommer.

Die Schere zwischen Behandlungsbedarf und Behandlungskapazität öffnet sich von Jahr zu Jahr weiter. Was lässt sich dagegen ausrichten?

Martina Wenker: Die Schere bedeutet ja zum einen, dass wir einen großen medizinischen Fortschritt haben. Wir können heute Dinge behandeln, die man vor 20 Jahren noch gar nicht behandeln konnte. Denken Sie an die ganze Transplantationsmedizin. Ich denke aber auch an einen demografischen Wandel, an den Behandlungsbedarf einer älter werdenden Bevölkerung, die durchaus rüstig älter wird, aber dann in einem hohen Lebensalter eben auch viele Krankheiten zusammen hat. 

Und wir haben immer noch 30 Prozent der älteren Menschen, die an Demenz erkranken. Also große Handlungsbedarfe. Und wir haben auf der anderen Seite das Problem, dass die Fachkräfte im Gesundheitswesen – da denke ich sowohl an die Pflege als auch an die Ärzte – eben auch diesem demografischen Wandel unterliegen. Und an dieser Stelle haben wir in den letzten Jahren eine Entwicklung, wo wir sagen müssen, wir müssen jetzt – es ist eigentlich fast schon zu spät – gegenregeln. Wir brauchen sowohl mehr Pflegende als auch viel mehr Ärztinnen und Ärzte. Überall.

Und wenn wir mehr Ärzte brauchen, benötigen wir mehr Ausbildungsplätze ...

Wenker: Ganz genau. Und das ist auch die Forderung, die wir ganz vehement dieses Jahr erheben. Wir brauchen jetzt, sofort, 1.000 Studienplätze mehr in Deutschland. Das bedeutet für Niedersachsen 100 bis 200 mehr. Ich bin tatsächlich sehr froh, dass unsere neue Landesregierung im Koalitionsvertrag signalisiert hat: Ja 100 bis 200 im Laufe dieser Wahlperiode. 

Da setzte ich nun an und sage: Dann nehmen wir die 200 – aber bis zum Ende der Wahlperiode ist es mir zu spät. Denn die Ärzte, die jetzt ihre Ausbildung beginnen, werden frühestens in zwölf bis 15 Jahren zur Verfügung stehen. Und wenn ich noch einmal vier Jahre warte, dann dauert es bald 20 Jahre. Wir wissen von der hausärztlichen Versorgung, dass in zehn Jahren etwa 30 Prozent der hausärztlichen Sitze nicht mehr nachbesetzt werden können, weil der Nachwuchs ausbleibt. 

Wir sehen es jetzt schon in den Krankenhäusern. Wir können Stationen nicht mehr besetzen, Gleiches gilt für Intensivstationen, wir haben keine Anästhesisten mehr, wir müssen OP-Termine verschieben. Das heißt: Wir haben in den Krankenhäusern eigentlich schon fünf nach zwölf. Und wir können uns ausrechnen, dass wir diese Situation in zehn Jahren auch in der ambulanten Versorgung haben werden. 

Es ist allerhöchste Zeit, dass die Medizinstudienplätze in Niedersachsen jetzt rasch geschaffen werden. Außerdem sehe ich einen inzwischen wirklich bedenklichen „Ärzte-Tourismus“ aus armen Ländern dieser Welt. Wo wir in Deutschland als eine der reichsten Nationen erleben, dass zunehmend Ärzte zum Beispiel aus Nordafrika, Serbien, Rumänien oder Griechenland zu uns kommen.

Und die fehlen dann da ...

Wenker: Dadurch werden Gesundheitssysteme in den armen Ländern weiter ausgehöhlt, und wir bekommen hier noch größeren Migrationsdruck. Ich begrüße wirklich jeden jungen Arzt, der hier arbeiten will. Aber was tun wir den jungen Kollegen an, die entwurzelt hier arbeiten? Was tun wir den Herkunftsländern dort an? Bund und Länder sind in der Pflicht, den Nachwuchs, den wir brauchen, selber auszubilden. Wir haben auf jeden Medizinstudienplatz in Deutschland zehn Bewerber. Das sollten wir nutzen.

Besonders schmerzlich macht sich der Ärztemangel schon jetzt auf dem Land bemerkbar. Dagegen hält die niedersächsische Landesregierung ein Rezept parat – nämlich die Einführung einer Landarztquote für Studierende. Das klingt doch ganz gut, oder?

Wenker: Aber nur für den kurzen Moment. Doch Vorsicht: Das konterkariert genau das, was ich eben gesagt habe, denn wir ziehen das dann auch noch von dem Kontingent der Ärzte ab, die wir überall brauchen. Wir werden damit das Problem nicht wirklich lösen.

Vor Ort gibt es oft viele kleine, individuelle Projekte mit dem Ziel, Ärzte aufs Land zu holen. So hat der Landkreis Diepholz Stipendien für Medizinstudenten aufgelegt, die sich später für einen bestimmten Zeitraum in der Region ansiedeln wollen. Ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, oder sind solche Maßnahmen doch hilfreich?

Wenker: Ich halte jede kleine Maßnahme für unheimlich hilfreich. Da ist finanzieller Anreiz auch ein Moment, gar keine Frage. Aber er ist derzeit für die junge Generation – wie ich sie erlebe – auch nicht alles. Die jungen Menschen sagen zu Recht: Wir wollen auch gerne arbeiten. Problematisch ist in der Landarztquote, dass von vornherein gesagt wird: Du kannst dich ja wieder rauskaufen. Dann läuft das Instrument ins Leere, und ich habe eine junge Generation dann auch noch belastet. Deshalb halte ich die Landarztquote für wenig sinnvoll.

Wenn wir über Geld sprechen, müssen wir uns auch die Versicherungen anschauen. Zwei Drittel der Bundesbürger haben sich in Umfragen für die Einrichtung einer Bürgerversicherung ausgesprochen. Ärzteverbände wie der Marburger Bund warnen davor. Wie ist Ihre Position?

Wenker: Eine sehr klare: Konkurrenz belebt das Geschäft. Das Nebeneinander von Privatversicherung und Gesetzlicher Versicherung hat uns in Deutschland noch nie geschadet. Gerade die Privatversicherung steht nämlich auch für Innovation. Da kann man viel schneller auch mal Neuerungen einführen, und ganz häufig sind Innovationen, die in der Privatmedizin entstanden sind, dann irgendwann auch in den gesetzlichen Leistungskatalog übernommen worden. 

Und zehn Prozent der Privatversicherten in Deutschland sponsern eben auch zwanzig Prozent im Gesundheitswesen. Von dem, was Privatversicherte zuzahlen, wird viel an Infrastruktur in Krankenhäusern und Praxen unterhalten. Der Ausdruck Bürgerversicherung kommt so charmant daher. Die es sich leisten können, werden sich in einer Bürgerversicherung aber trotzdem zusatzversichern.

In Ihren Worten klingt die Bürgerversicherung nach „Opium fürs Volk“. Eine andere Droge, um die es in der Gesundheitspolitik tatsächlich geht, ist Cannabis, das seit März auf Rezept erhältlich ist. Sie warnen vor der Droge. Warum?

Wenker: Cannabis mit einer sehr klaren medizinischen Indikationsstellung – schwere Tumorschmerzen, unstillbares Erbrechen unter einer Chemotherapie, auch bei bestimmten neurologischen Erkrankungen – ist durchaus eine sinnvolle Ergänzung in der Schmerzbehandlung. Also: Auf Rezept – nichts dagegen. 

Aber: Keine breite Legalisierung, keine Freigabe für den Freizeitgebrauch. Da bin ich als Ärztin, als Lungenärztin, strikt dagegen. Cannabis hat dramatische Nebenwirkungen, und wir können doch nicht ernsthaft sagen, dass wir eine Droge, von der wir wissen, dass sie Menschen schädigt, jetzt freigeben. Das Zeichen, Cannabis freizugeben, wäre ein Signal in die falsche Richtung. Ich kann nur dringend davor warnen, Cannabis jemals zu legalisieren. Ich sage definitiv: Nein!

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Neustrukturierung in Niedersachsen: Bis zu 40 Kliniken droht Schließung

Neustrukturierung in Niedersachsen: Bis zu 40 Kliniken droht Schließung

Neustrukturierung in Niedersachsen: Bis zu 40 Kliniken droht Schließung
Johnson & Johnson-Geimpfte: Das gilt in Niedersachsen für den Corona-Booster

Johnson & Johnson-Geimpfte: Das gilt in Niedersachsen für den Corona-Booster

Johnson & Johnson-Geimpfte: Das gilt in Niedersachsen für den Corona-Booster
Omikron-Symptome: Diese Anzeichen sprechen für Corona-Infektion

Omikron-Symptome: Diese Anzeichen sprechen für Corona-Infektion

Omikron-Symptome: Diese Anzeichen sprechen für Corona-Infektion
Autoscheibe freikratzen – dafür droht hohes Bußgeld

Autoscheibe freikratzen – dafür droht hohes Bußgeld

Autoscheibe freikratzen – dafür droht hohes Bußgeld

Kommentare