Angst vor dem Chlorhuhn

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Frische Hähnchen in Plastiktüten verpackt und mit Gewichts- und Preisangabe versehen. Das Chlorhähnchen ist zum Symbol im Streit um den Nutzen des geplanten Freihandelsabkommens der EU mit den USA geworden.

Hannover - Von Thomas Strünkelnberg. Millionen neuer Arbeitsplätze, boomende Konjunktur - oder doch vor allem schlechtere Standards bei Lebensmitteln? Fest steht: Kommt die riesige Freihandelszone mit den USA, müssen sich auch die Bauern auf Veränderungen einstellen - auf einschneidende Veränderungen.

Ein seltsames, fast schon gruseliges Lebewesen geistert durch die Köpfe besorgter Verbraucher: das Chlorhühnchen. Dabei gilt das deutsche Schlachthuhn als keineswegs gesünder als das mit Chlor desinfizierte US-Hühnchen. Das Tierchen ist zum Symbol im Streit um den Nutzen des geplanten Freihandelsabkommens der EU mit den USA geworden. Chance oder Bedrohung? Profit für die Konzerne, während die Verbraucher auf der Strecke bleiben? Darüber wird heftig gestritten. Klar ist: Auf die Bauern - auch in Niedersachsen - kommen Veränderungen zu.

Das hat natürlich nicht nur mit dem Schreck- und Zerrbild des Chlorhühnchens zu tun. Zwar werden mehr als die Hälfte der deutschen Hähnchen in Niedersachsen gemästet, schwierig wird es aber in einem anderen Sektor der Fleischwirtschaft - vor allem beim Rindfleisch.

Denn die niedersächsischen Bullenmäster seien „nicht weltmarktfähig“, warnt Albert Hortmann-Scholten, Leiter des Fachbereichs Betriebswirtschaft der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Preisdruck dürfte die Folge sein. „In den USA kann wesentlich kosteneffizienter Rindfleisch erzeugt werden als in den kleinen und mittleren Betrieben Niedersachsens.“ Die Amerikaner produzierten Rindfleisch gut und gerne um einen Euro pro Kilogramm günstiger. Gründe seien die größeren Betriebe, aber auch Futterkostenvorteile, weil in den USA Mais und Soja effizienter angebaut würden.

All das treibt den Strukturwandel an - „das heißt, kleinere Betriebe, die ihre Kosten nicht so im Griff haben, werden tendenziell stärker ausscheiden“, sagt Hortmann-Scholten. Vor allem im Fleischsektor hätten sich die USA und auch Kanada in den vergangenen Jahren exportorientiert aufgestellt: „Dort droht die Gefahr, dass die Amerikaner uns aus den Märkten verdrängen, wo wir bisher Fuß gefasst haben - auch aus innereuropäischen Märkten.“

Willi Kampmann, DBV-Experte für internationale Beziehungen in Brüssel, betont dagegen, Sorgen wegen des Wettbewerbs müssten nicht sein. Die Amerikaner seien stark bei Massenprodukten wie Soja oder Mais. Auch Sorgen wegen des Verbraucherschutzes teile er nicht, auch sehe er keine Erosion der europäischen Lebensmittelstandards.

Zwar gebe es gerade auf dem Rindfleischmarkt Kostennachteile, allerdings sollten eine Reihe sensibler Produktlinien eingeführt werden, für die es keinen Freihandel geben werde. Dazu zählt auch: Rindfleisch. Kampmann mahnt mit Blick auf das Abkommen und seine geopolitische Bedeutung: „Da ist viel drin.“ Chancen erkennen Kampmann und Hortmann-Scholten bei Milchprodukten - der europäischen Produktvielfalt wegen. Der DBV-Mann beklagt, dass die Angst der Verbraucher geschürt werde.

Eines ist aber wohl klar: Kommt das umstrittene Abkommen, verändert sich die Landwirtschaft. Trotzdem gibt es Chancen für heimische Landwirte. In anderen Branchen ist der Optimismus aber erheblich größer. Kein Wunder: Eine Freihandelszone zwischen USA und EU wäre mit rund 800 Millionen Verbrauchern die weltgrößte Wirtschaftszone. Strittige Fragen gibt es viele, Gegner auch - aber auch Hoffnung auf Wirtschaftswachstum und mehr Arbeitsplätze.

Skeptisch ist die Gewerkschaft IG Metall: „Das derzeit zwischen der EU und den USA verhandelte Freihandelsabkommen birgt viele Risiken und wenig Chancen“, sagt Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. Hoffnung auf mehr Wohlstand für alle zweifelt er an - und warnt davor, europäische Sozial- und Ökologiestandards zu unterlaufen. Gegenseitige Anerkennung von Standards berge eben die Gefahr, sich auf dem niedrigsten Level zu einigen. Trotzdem setzen viele Firmen in Niedersachsen darauf, Zölle und bürokratische Hürden abzubauen und internationale Standards anzugleichen, wie eine Umfrage des Niedersächsischen Industrie- und Handelskammertags (NIHK) ergab.

Was also wird aus dem Freihandel? Zwar lehnt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) Investitionsschutzregeln ab, mit denen Konzerne die EU oder einzelne Staaten vor internationale Schiedsgerichte bringen könnten. Geht es aber nach dem SPD-Unterbezirk Region Hannover, dann dürfte der gesamte Pakt kaum durchkommen. Denn der Unterbezirksbeirat sprach sich im September gegen die bisherigen Entwürfe aus. Die Region Hannover ist der größte Unterbezirk der SPD in Deutschland.

dpa

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