Zivilprozess

Säure-Opfer verklagt Täter auf 250.000 Euro Schmerzensgeld

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Die 29-jährige Vanessa Münstermann und ihr Anwalt Andreas Hüttl stehen vor dem Landgericht. In einem Zivilprozess verklagt sie ihren Ex-Freund auf Schmerzensgeld. Der Mann hatte sie 2016 mit Schwefelsäure verätzt und für immer entstellt.

Hannover - Vanessa Münstermann will mit dem Zivilprozess ein Zeichen setzen - auch für andere Gewaltopfer. Sie hat gute Aussichten darauf, dass ihr eine hohe Summe zugesprochen wird. Allerdings ist ihr Peiniger laut seinem Anwalt komplett pleite.

Eine viertel Million Euro verlangt eine junge Frau aus Hannover als Schmerzensgeld für die Säure-Attacke ihres Ex-Freundes. Zum Auftakt des Zivilverfahrens am örtlichen Landgericht sagte Richterin Stefanie Piellusch, der eingeklagte Betrag sei für deutsche Verhältnisse hoch, aber es sei „eine extreme Tat mit extremen Folgen" gewesen. Die Kammer würde eine Summe auch in dieser Größenordnung für erforderlich halten. Die Säure-Attacke Anfang 2016 hatte die linke Gesichtshälfte der heute 29-Jährigen zerstört, sie verlor ein Auge sowie ein Ohr und wird sich noch vielen Operationen unterziehen müssen.

Der Anwalt des Täters, Max Marc Malpricht, lehnte die Klage ab. Sein Mandant habe auch kein Geld, eine solche Summe zu zahlen, sagte er. Der heute 34-Jährige war im August 2016 zu einer zwölfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Er blieb ebenso wie das Opfer Vanessa Münstermann der Verhandlung fern. Malpricht machte keine Angaben dazu, ob sein Mandant die Tat bereue. Der Täter hatte Münstermann noch aus der Haft heraus beleidigende Briefe geschrieben. Erst als die junge Frau und ihr Anwalt Andreas Hüttl darüber die Justizvollzugsanstalt informierten, hörten die Belästigungen auf.

Zivilkammer will am 2. Oktober ihr Urteil verkünden

Die Zivilkammer will am 2. Oktober ihr Urteil verkünden. Sollte Vanessa Münstermann dann eine hohe Summe zugesprochen werden, kann sie 30 Jahre lang versuchen, über einen Gerichtsvollzieher zumindest an einen Teil des Geldes zu kommen. Allerdings hat der Inhaftierte weder eine Schul- noch eine Berufsausbildung. Die Eltern unterstützen ihn nicht mehr und wollen ihn dem Anwalt zufolge komplett enterben. Das Ehepaar hatte dem Opfer schon wenige Monate nach der Tat 50.000 Euro zukommen lassen. Weitere 100.000 Euro stellten sie in Aussicht - allerdings nur unter der Bedingung, dass Vanessa nicht mehr öffentlich über den Täter spricht. "So ein Schweigegeld kann ich nicht akzeptieren", sagte Münstermann. Die öffentlichen Auftritte seien für sie auch Therapie.

Die Frau, die vor dem Anschlag ständig Komplimente für ihr Aussehen bekam, ist eine Kämpferin. Sie hat den Verein „Ausgezeichnet" gegründet, um andere Säure-, Brand- und Gewaltopfer zu unterstützen. In ihrem gelernten Beruf als Kosmetikerin kann die 29-Jährige mit ihren körperlichen Einschränkungen nicht mehr arbeiten. Privat hat sie mit ihrer Jugendliebe wieder ihr Glück gefunden, wurde vor drei Monaten Mutter. Doch im Alltag müsse sie jeden Cent umdrehen. „Ich bin wirtschaftlich gegen die Wand gefahren", sagte sie.

Ihre Botschaft ist: Jeder ist auf seine Weise schön und liebenswert. Deshalb ist ihr Glasauge nicht ihrem gesunden Auge nachempfunden, sondern verspiegelt. Äußerlich ist sie stark, dennoch hat sie immer wieder Panikattacken und ihr graue es vor dem Tag, an dem der Täter aus dem Gefängnis entlassen werde: „Die Angst ist groß", sagte sie, „weil ich jetzt etwas zu verlieren habe. Meine Tochter ist das Wichtigste in meinem Leben."

dpa

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