60 Medizin-Studienplätze

Ärztemangel: Quote soll „wenig Bock auf Landarzt“ entgegenwirken

Das idyllische Landarztleben gibt’s nur im Fernsehen. Die Realität: Zu wenig Ärzte und unattraktiven Rahmenbedingungen. Nun will Niedersachsen gegensteuern.

Hannover – Dass es zu wenig Hausärzte in den ländlichen Regionen in Niedersachsen gibt, ist ein offenes Geheimnis. Deutlich wird dies, wenn ein Mediziner in den Ruhestand geht und es keinen Nachfolger gibt. Die Patienten verteilen sich dann auf die umliegenden Praxen.

BundeslandNiedersachsen
Fläche47.709,82 Quadratkilometer
Einwohner8.003.421 (Stand: 31. Dezember 2020)
MinisterpräsidentStephan Weil (SPD)

Die Problematik hat auch die Landesregierung erkannt. Mit einem Gesetz soll die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum verbessert werden. Einen entsprechenden Entwurf haben die Regierungsfraktionen SPD und CDU am Donnerstag (11.11.) in den Landtag eingebracht. Er sieht 60 Medizin-Studienplätze pro Jahr vor. Je 20 dieser Studienplätze sollen in Hannover, Göttingen und Oldenburg entstehen.

Die Enquete-Kommission des Landtags sprach Anfang Februar von mindestens 200 weiteren Studienplätzen, um eine Chance zu haben, dem Ärztemangel entgegenzuwirken. Schon im Herbst 2020 teilte die Landesregierung mit, dass sie plane, weitere Medizinstudienplätze in Oldenburg schaffen zu wollen.

Ärztemangel auf dem Land: Stipendiat verpflichtet dazu, zehn Jahre als Landarzt zu arbeiten

Die Studienplätze sollen an Bewerber vergeben werden, die sich für zehn Jahre zu einer hausärztlichen Tätigkeit auf dem Land verpflichten. Sollte ein Stipendiat vor Ablauf der Frist den Job aufgegeben, müsse eine Ausbildungsentschädigung von bis zu 250.000 Euro gezahlt werden. Die geplante Regelung soll nach Angaben eines Sprechers der SPD-Landtagsfraktion vom Wintersemester 2022/23 an gelten.

Eine abschließende Abstimmung wird für das kommende Jahr erwartet. Das Problem: Diejenigen Studenten, die von den zusätzlichen Plätzen profitieren, werden bis 2030 nicht fertig ausgebildet sein. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) sagt, dass mit einem spürbaren Effekt erst nach 2035 zu rechnen ist - allerdings nicht allein durch die geplante Landarztquote, sondern generell durch mehr Medizin-Studienplätzen.

Es gibt immer weniger Hausärzte in Niedersachsen. Ein Stipendium soll den Nachwuchs dafür begeistern.

Uwe Schwarz, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, sagte zu dem Gesetzentwurf: „Es ist nicht das Allheilmittel, aber es ist ein wichtiges Instrument.“ Dagegen meinte die Gesundheitsexpertin der FDP-Fraktion, Susanne Schütz, dass mit dem Gesetz hoher Aufwand verbunden und die Wirkung gering sei.

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) begrüßte den Gesetzentwurf der Landesregierung. Er sei „ein Baustein zur zukünftigen Sicherstellung der ärztlichen Versorgung in Niedersachsen“, hieß es in einer Mitteilung. In Niedersachsen wird es laut KVN bis 2035 rund 1250 weniger Hausärzte geben als derzeit; aktuell sind es demnach etwas mehr als 5000.

Zum Hintergrund: Besonders im ländlichen Raum gingen in den kommenden 14 Jahren viele Mediziner in Rente. Im Nordwesten Niedersachsens betreffe dies in diesem Zeitraum rund 2.400 niedergelassene Ärzte. Dramatisch sei es beispielsweise im Landkreis Osnabrück, wo ein Rückgang von 47 Prozent erwartet werde, schreibt die Robert-Bosch-Stiftung.

Ärztemangel auf dem Land: Die Work-Life-Balance für Mediziner muss stimmen

Als Gründe nennt die Stiftung unter anderem veränderte Berufsvorstellungen der nachkommenden Ärztegeneration, Stichwort: Work-Life-Balance. Beruf, Familie und Freizeit müssen unter einen Hut passen. Dieses ist in einer Klinik deutlich besser zu organisieren wie als selbstständiger Landarzt.

Selbst wenn sich ein Mediziner für den Job Landarzt interessiert, müssen noch diverse Hürden übersprungen werden. Ein klassischer Weg eines angehenden Arztes ist es, ein Medizinstudium samt Doktorarbeit abzuschließen. Danach folgt die Ausbildung zum Facharzt, zum Beispiel für Gynäkologie oder Chirurg.

Mit diesem Wissen darf man operieren, aber nicht als Hausarzt Hustensaft verschreiben. Für diese Tätigkeit muss eine weitere lange Fortbildung her. Dass diese sinnvoll ist, darüber gibt es keinen Zweifel. Als Hausarzt hat man ein anderes Spektrum an Medikamenten als ein Facharzt. Auch lernt man den Umgang mit den Abrechnungen. Die Fortbildung findet größtenteils bei einem Hausarzt statt. Natürlich muss der Mediziner, der die Fortbildung begleitet, vorab zertifiziert worden sein. Die abschließende weitere Facharztprüfung nimmt die Ärztekammer ab.

Landarztquote: Kommunen wirken dem Ärztemangel entgegen

Um den Ärztemangel auf dem Land entgegenzuwirken, warten viele Kommunen nicht auf das Land. Sie sind in den vergangenen Jahren aktiv geworden. Denn ein fehlender Hausarzt lässt die Lebensqualität sinken. Um die Last auf viele Schulter zu verteilen, werden Ärztehäuser gebaut. In den Berufsausübungsgemeinschaften (früher Praxisgemeinschaften) arbeiten mehrere Mediziner unter einem Dach.

Diverse Landkreise haben Stipendienprogramme aufgelegt. Auch bei ihnen muss sich der angehende Arzt für eine bestimmte Zeit verpflichten, im Kreisgebiet zu arbeiten.

Ärztemangel: KVN legt Zahl der Ärzte fest

Wie viele Hausärzte in einem Gebiet eine Zulassung bekommen, legt die KVN fest. Grundlage ist die Bedarfsplanungs-Richtlinie. Niedersachsen wurde dazu in sogenannte Cluster eingeteilt. Ein Cluster umfasst meist mehrere Kommunen. Innerhalb eines Clusters gibt es eine definierte Anzahl an Hausärzten, Augenärzten und weiteren Fachärzten. Theoretisch könnten alle Hausärzte in einem großen Haus ihre Praxis haben und das Cluster wäre voll versorgt.

Auf der KV-Homepage heißt es dazu: „Für die einzelnen Arztgruppen gibt es unterschiedlich große Planungsbereiche. Hausärzte werden dabei kleinräumiger, spezialisierte Fachärzte jedoch großflächiger beplant. Im Grunde gilt: je spezialisierter der Arzt, umso größer der Planungsbereich.“ (Mit Material von dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Christin Klose

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