Prozess in Lüneburg

BKA-Experte gibt Einblick in Strukturen der Russenmafia

Lüneburg - Es geht um mehr als bloßen Betrug im großen Stil: Bei einem Prozess in Lüneburg sollen vier Angeklagte zur Russenmafia gehören, den „Dieben im Gesetz“. Ein Experte des Bundeskriminalamtes bot Einblicke in eine sonst streng abgeschirmte Parallelgesellschaft.

Im Lüneburger Mammutprozess gegen mutmaßliche Mitglieder der Russen-Mafia hat ein Experte des Bundeskriminalamtes Einblicke in die Struktur der Organisation gegeben. Er schilderte die sogenannten „Diebe im Gesetz“ am Mittwoch als straff durchorganisierte Gruppen mit eigenem Wertesystem. So dürften die Mitglieder nicht aussagen und keiner geregelten Tätigkeit nachgehen, auch nicht in den Gefängnissen. Verbindende Elemente seien auch kulturelle Gemeinsamkeiten und die russische Sprache. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende der 90er Jahre sei auch in Westeuropa eine „massive Ausbreitung“ zu beobachten, berichtete der Kriminalhauptkommissar aus dem BKA-Referat für schwere und organisierte Kriminalität vor dem Landgericht.

Er sprach von einer „Globalisierung der „Diebe im Gesetz“ und ihrer Ideologie“. Die Tradition der „Diebe im Gesetz“ reiche weit in die Zarenzeit zurück. „Weltweit sind 670 Personen der Interpol als gekrönte „Diebe im Gesetz“ namentlich bekannt“, so der Sachverständige. Sonst nannte er keine Zahlen, etwa über Mitglieder in Deutschland. Im Jahr 2014 wurden nach BKA-Angaben mehr als 25 000 Tatverdächtige in Deutschland registriert, die aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion stammen. Ob alle den sogenannten „russisch-eurasischen Gruppierungen“ angehören, kann auch das BKA nicht mit Sicherheit sagen. Unter den Mitgliedern seien traditionell viele Georgier, hieß es am Mittwoch.

Die Anführer seien für die Einhaltung der Regeln, die Koordinierung von Zahlungen und die Schlichtung von Streitereien zuständig. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien die „Diebe im Gesetz“ geradezu „zum Prototypen der russischen organisierten Kriminalität“ geworden, erklärte der Sachverständige. Dabei sei meist ein „Dieb im Gesetz“ als Anführer - oder sein Statthalter - in einem bestimmten Gebiet für die Verwaltung einer Obschak genannten Gemeinschaftskasse zuständig. Das gelte auch innerhalb von Justizvollzugsanstalten, auch in Deutschland. Neben strengen Strafen, Regeln und Verboten seien auch eine eigene Sprache und bestimmte Tätowierungen Teil des Systems. Typisch sei die „Abschottung nach außen und nach innen“, betonte der BKA-Experte.

Meist würden die Gruppen aus dem Ausland gesteuert. Absprachen mit der italienischen organisierten Kriminalität über Gebiete oder bestimmte Deliktsfelder seien aber bekannt. Seit Februar stehen sechs Männer vor dem Landgericht. Ihnen wird Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung sowie banden- und gewerbsmäßiger Betrug vorgeworfen. Vier der Angeklagten sollen zu einer kriminellen Vereinigung gehören, die wiederum Teil der „Diebe im Gesetz“ sein soll. Einer der angeklagten Männer soll ein solcher Boss sein und die Gruppierung in Hannover geleitet haben. Geschäfte sollen über eine Scheinfirma gelaufen sein. Zunächst hatte die Staatsschutzkammer des Gerichts rund 80 Verhandlungstage angesetzt, mittlerweile sind mehrere Dutzend weitere bis Ende 2016 dazu gekommen. Der Prozess läuft unter strengen Sicherheitsvorkehrungen.
dpa

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