Folgenschwere Veränderungen in den letzten Jahrzehnten 

Im Kirchturm sind die Tiere los

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Als ursprünglicher Felsbewohner hat der Turmfalke in unseren Dörfern und Städten Kirchtürme, Masten, hohe Häuser und Scheunen für sich entdeckt – vorausgesetzt eine zugängliche Öffnung oder Nische bietet ihm Platz zum Brüten.

Hannover - Von Berit Böhme. Vielerorts bleiben die Kirchenbänke leer. Dafür wächst die Zahl der tierischen Gotteshausbesucher - auch in Niedersachsen.

Die Kleine Hufeisennase hängt gemütlich ab, während der Turmfalke seine Liebste mit Mäusen bezirzt und die Schleiereule döst. In den oberen Etagen der Gotteshäuser ist einiges los - dank des Projekts "Lebensraum Kirchturm". Auch in Niedersachsen richten immer mehr Kirchengemeinden Nist- und Schlafplätze für geflügelte Mitbewohner ein.

Der Naturschutzbund (Nabu) initiierte das Projekt 2007 zusammen mit dem Ausschuss für das Deutsche Glockenwesen. "Mittlerweile machen 800 Kirchen in 15 Bundesländern mit", sagt Kerstin Arnold von der Nabu-Bundesgeschäftsstelle. Darunter sind rund 110 katholische und evangelische Kirchen in Niedersachsen. Ziel sind bessere Nist- und Wohnmöglichkeiten für Gebäudebrüter und Fledermäuse.

"Schon im Mittelalter haben Falken und Uhus in Kathedralen gewohnt und die Schleiereulen in Dorfkirchen", sagt Wilhelm Breuer von der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen ( EGE ). Doch in den letzten Jahrzehnten habe es folgenschwere Veränderungen gegeben. "Die Türme wurden buchstäblich verbarrikadiert und vergittert." Dies sollte auch die in vielen Kirchen eingebaute Läutelektronik vor den Hinterlassenschaften der Vögel schützen.

Bis heute lassen die Kirchengemeinden die geflügelten Mitbewohner nur ungern ins Kircheninnere. Dafür bringen sie außen Nistkästen an. Die sind maßgeschneidert für Arten wie Mauerläufer, Turmfalke, Wanderfalke, Dohle, Haussperling, Fledermaus oder Schleiereule.

Johannes Bartner vom Nabu Oldenburg installiert und betreut seit 2007 Dutzende Turmfalkenkästen. "Die Population ist stabiler geworden. Es werden jetzt auch Kästen angenommen, die lange verwaist waren", freut sich der ehrenamtliche Vogelschützer. Laut EGE gibt es in Niedersachsen rund 8000 Brutpaare.

Der Pflegeaufwand für die Kästen ist gering, Falken hinterlassen im Gegensatz zu Tauben wenig Dreck. "Wenn der Falke einmal drin ist, braucht man jahrelang nichts zu machen", sagt Bartner. Turmfalken halten mit ihrer Raubvogelsilhouette Tauben fern. Bei Wanderfalken stehen Stadttauben auf dem Speiseplan.

Der Nabu Stade ist 2010 in das Lebensraum-Projekt eingestiegen und überzeugte einige Gemeinden zum Mitmachen. Viele erfuhren erst durch die Bestandsaufnahme des Nabu von ihren tierischen Untermietern, so der Stader Vorsitzende Rainer von Brook. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Zuweilen verschmähen die Gebäudebrüter trotz sorgfältiger Standortprüfung die Immobilien.

Manchmal ziehen auch unerwartete Mieter ein. Im Hildesheimer Dom brüteten jahrelang Turmfalken. 2014 besetzte plötzlich Familie Uhu das Turmquartier auf dem 1200 Jahre alten Monument. Die Kleinen stürzten auf den belebten Dom-Vorplatz und sorgten für Aufregung. In diesem Jahr installierten Vogelfreunde ein ruhiges Alternativquartier - vergeblich. Die Tiere gingen an die alte Stelle, in den Turmfalkenkasten. "Wenn die Jungen sechs Wochen alt sind, wollen wir sie vom Turm in den Kreuzgang umsetzen. Dort können sie geschützt ihre Jugend verbringen", sagt Breuer.

Für die flügge werdenden Vögel sind die engen Nistkästen nicht ideal. Es mangelt an Raum für Flugübungen und Muskeltraining. So fehlt vielen die Sicherheit beim ersten Ausflug - mit zuweilen fatalen Folgen. "Die Kästen sind ein Kompromiss", meint Breuer. Er wirbt dafür, zumindest für die Wochenstuben der Fledermäuse einen Teil der Langhäuser offen zu halten. "Für Fledermäuse genügen briefumschlaggroße Öffnungen." dpa

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