Resozialisierungs-Modellprojekt

Polizisten schreiben Mails an Straftäter

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Ein Beamter in der JVA Wolfenbüttel

Hannover - Straftäter der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel haben im vergangenen Jahr aus dem Gefängnis Mails an Polizeischüler geschrieben. Das Modellprojekt sollte die Resozialisierung der Gefangenen fördern und gleichzeitig den Blickwinkel der angehenden Polizisten öffnen.

Nach ausgiebiger Auswertung des ungewöhnlichen Projekts haben die Beteiligten nun eine positive Bilanz gezogen. 

Drei Monate lang engagierten sich zehn Schüler der Polizeiakademie Niedersachsen bis Februar 2016 als ehrenamtliche Onlinebegleiter. Danach endete - wie vorgesehen - der Kontakt mit den zehn ausgewählten Häftlingen. 

Häftlinge schreiben über ihre Taten, Privates, Sport

Einige Straftäter gaben in ihren Mails Persönliches preis, andere öffneten sich ihren Briefpartnern so weit, dass sie auch über ihre Taten berichteten, wieder andere schrieben hingegen lieber über Erlebnisse beim Sport. „Es waren einige Inhaftierte darunter, die etwa über ihre Familien und Freunde schrieben, über Wünsche und die Zeit nach dem Knast, sagte Projektleiter Tim Krenzel. 

Zusammen mit dem Kriminologen Peter Lutz Kalmbach initiierte er das Modellprojekt. Die JVA Wolfenbüttel wählten beide aus, weil sie ihnen als technisch gut ausgestattetes Gefängnis bekannt war. Auch das Interesse an der Resozialisierung der Häftlinge sei dort groß gewesen, sagt Krenzel. 

Internetzugang eingeschränkt

In Wolfenbüttel gibt es knapp 400 Plätze. Die Straftäter werden dort seelsorgerisch betreut, können Sportangebote nutzen und arbeiten - alles Maßnahmen, um die spätere Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu erleichtern. 

Wie andere Gefangene in Deutschland haben die Häftlinge dort aber keinen Zugang zum Internet. Ausnahmen bilden etwa E-Learning-Plattformen, Video-Schalten mit der Familie und die Mails als Teil des Projekts. 

Mails werden anonymisiert

Die solide Technik der JVA war eine wichtige Voraussetzung, damit der Online-Austausch überhaupt losgehen konnte und sicher ablief. Die Mails wurden verschlüsselt und anonymisiert. „Weder Herkunft noch Geschlecht sollten zu einem Faktor werden“, sagte Krenzel. „Ein solcher Austausch kann Häftlingen bei der Resozialisierung helfen und die angehenden Polizisten lernen ein soziales Gespür und entsprechende kommunikative Fähigkeiten.“

Im Frühjahr veröffentlichten die Projektleiter die Ergebnisse in einem Buch. „Eine gut geplante Onlinebegleitung ist eine positive Sache für alle Beteiligten“, bilanziert Krenzel. Er will das Projekt mit dem Kriminologen weiterführen und auch andere Gefängnisse und Institutionen als Partner gewinnen. Bisher habe es zwar einige Anfragen mit der Bitte um Informationen gegeben. Konkrete weitere Partner gebe es aber noch nicht. 

Polizisten können ihre Menschenkenntnis schulen

Auch die niedersächsische Polizeiakademie in Nienburg, an der Polizeivollzugsbeamte ausgebildet werden, ist zufrieden. „Für die Studierenden ergab sich die Möglichkeit, den Blickwinkel zu ändern und etwas über die Sichtweise und Motive der Straftäter zu erfahren“, sagte die Sprecherin der Akademie, Marion Henke. 

Sonst begegneten Polizisten Straftätern meist nur, wenn sie jemanden vernehmen, verhaften oder als Zeuge vor Gericht auftreten, erklärte Krenzel. Das durch das Projekt gewonnene Verständnis könne den Polizisten später im Arbeitsalltag nützlich sein. 

Das Justizministerium wertet das Modellprojekt als innovativ - vor allem im Hinblick darauf, die ehrenamtliche Arbeit im Strafvollzug weiterzuentwickeln. Jedes Gefängnis verfüge über einen Pool von ehrenamtlichen Helfern, die Gefangene bei Bedarf in bestimmten Lebenssituationen begleiten, teilte das Ministerium mit. 

Ob sich das Projekt auf die Straftäter stabilisierend ausgewirkt habe, könne nicht bewertete werden, betonte das Ministerium. Die Projektlaufzeit sei kurz und der Teilnehmerkreis eher klein gewesen.

dpa

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