Olympia 2021 in Tokio

Fünfkampf-Drama: Die Falschen werden bestraft

Bundestrainerin Kim Raisner und Fünfkämpferin Annika Schleu nach dem Versagen beim Springreiten bei den Olympischen Spielen.
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Mehrere Organsisationen haben Strafanzeigen nach dem Olympia-Fünfkampf-Drama um Annika Schleu (M.) gestellt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen einer Anzeige des Tierschutzbundes gegen Fünfkämpferin Annika Schleu und Trainerin Kim Raisner. Ein sinnloser Akt, der keinem Pferd hilft. Ein Kommentar.

Potsdam – Scheinheilig. Das ist die noch immerwährende Diskussion um den Ritt der Modernen Fünfkämpferin Annika Schleu bei den Olympischen Spielen. Jetzt ermittelt sogar die Potsdamer Staatsanwaltschaft gegen die Sportlerin und Bundestrainerin Kim Raisner. Der Deutsche Tierschutzbund hatte Strafanzeige gestellt, mit dem Vorwurf der Tierquälerei*.

Dabei gab es ähnliche, ja sogar schlimmere Bilder schon viel früher. Im Mai nahm die finnische Fünfkämpferin Laura Salminen am Weltcup Finale in Ungarn teil. Schon die ersten Sprünge überritt sie, saß unruhig, machte dem Pferd zu viel Druck. Bis es schließlich zu früh absprang und im Sprung landete. Beide stürzten, Salminen stand auf, das Pferd blieb liegen – bis Helfer es hochscheuchten. Statt zu schauen, ob sich das Pferd verletzt hatte, stieg die 34-Jährige sofort wieder auf und ritt weiter. Sie selbst postete diesen Ritt sogar auf Instagram.

Das sind Bilder, die beschämen. Die nichts, aber auch gar nichts mit Sportsgeist zu tun haben, sondern purem Egoismus.

Annika Schleu und Kim Raisner nach Pferde-Drama bei Den Olympischen in Tokio: Zu schlechte Reitkenntnisse

Das Problem sind nicht Annika Schleu und Kim Raisner, die ein panisches Pferd schlagen, das Problem ist ein strukturelles, bei dem kein Trainingsseminar helfen kann*. Laut dem Regelwerk führt beim Modernen Fünfkampf erst die vierte Verweigerung des Pferdes oder der zweite Sturz des Reiters zum Ausschluss. Zum Vergleich: Im regulären Reitsport führt der erste Sturz sofort zum Ausschluss – genau wie die dritte Verweigerung. Noch dazu haben die Fünfkämpfer nur 20 Minuten Zeit, das ihnen zugeloste Pferd kennenzulernen.

Und da sind wir beim eigentlichen Problem: Den Sportlern fehlt die Expertise. Die meisten trainieren ein- bis zweimal die Woche auf Pferden, die ihnen der Verband zur Verfügung stellt. Das reicht offensichtlich nicht dazu aus, einen Parcours über 120 cm sicher zu bewältigen.

Pferde-Drama im Modernen Fünfkampf bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio: Einseitige Kritik von Olympiasiegerinnen

Die Pferde seien lediglich Transportmittel, genauso gut könne man Fahrrad oder Roller nehmen, hatte die siebenmalige Olympiasiegerin Isabell Werth hart kritisiert. Auch die amtierende Olympiasiegerin Jessica Bredow-Werndl forderte, dass die Sportler auf eigenen Pferden starten sollten*, sonst fehle die Beziehung.

Der Deutsche Reiterliche Verband (FN) schloss sich an: „Als Fachverband für den Pferdesport sehen wir die Reiterei im Modernen Fünfkampf kritisch*. Unser Verständnis der Reiterei liegt in der Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd und nicht darin, das Pferd als Sportgerät zu betrachten.“ Zwar ist die FN der Dachverband für alle Züchter und Reiter in Deutschland, doch liegt die Zuständigkeit für das Regelwerk beim Modernen Fünfkampf bei dem Weltverband Union Internationale de Pentathlon Moderne (UIPM).

Nach Pferde-Drama bei Olympia 2021 in Tokio: Studentenreiter als Positivbeispiel

Dazu im Gegensatz steht allerdings die Studentenreiterei. Dabei lädt die Reitgruppe einer Universität die Mannschaften anderer Städte ein und veranstaltet ein internes Turnier. Auch hier wird nicht mit eigenem Pferd angereist, die Gastgeber stellen Pferde zur Verfügung. Vor jeder Prüfung haben die Reiter dann in der Dressur lediglich drei (!) Minuten und im Springen zwei Hindernisse Zeit, das Pferd kennenzulernen.

Solche Bilder wie die in Tokio oder auch in Ungarn sieht man allerdings nicht. Warum? Das hat mehrere Gründe. Zum einen müssen die Reitenden vor ihrem ersten Start nachweisen, dass sie das Reitabzeichen der Klasse 4 haben. Das bedeutet, dass sie eine Prüfung mit normierten Anforderungen in Dressur, Springen und Theorie erfolgreich bestanden haben.

Zum anderen wüsste jeder Studentenreiter, dass, wenn er sich solche Entgleisungen erlauben würde, er auf kein weiteres Turnier eingeladen würde. Eine so bitterlich weinende Reiterin wie Annika Schleu würde gar niemand aufs Pferd lassen. Denn schon zu diesem Zeitpunkt war die Situation zum Scheitern verurteilt. Und auch das ist eine Regel bei der Studentenreiterei: Bin ich einem Pferd oder den Anforderungen nicht gewachsen – was durchaus vorkommt –, dann breche ich ab. Das gebietet der Anstand und Respekt gegenüber dem Pferd und den Besitzern.

Pferde-Drama bei Olmypia im Modernen Fünfkampf: Bestrafung von Annika Schleu und Kim Raisner bringt nichts

Der Fünfkampf braucht eine Veränderung. Es ist bitter, wenn die Probleme, die dieser Sport hat, auf nur zwei Schulterpaaren ausgetragen werden, wenngleich man sich etwas reflektierter Reaktionen von Annika Schleu und Kim Raisner gewünscht hätte. Eine Bestrafung von beiden wird kein Pferd in Zukunft schützen. Eine Veränderung der Regeln, am besten eine Abschaffung des Springreitens im Fünfkampf hingegen schon. * kreiszeitung.de, tz.de, fr.de und ovb-online.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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