Konzert in der JVA für Frauen

Rock-Freiheit statt Knast-Lethargie

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Unsicher und gehemmt stehen die Musiker wie Sänger Ian McIntosh aus Kanada am Anfang auf der Bühne.

Vechta - Das Rolltor zum Innenhof des Gebäudetraktes „An der Propstei“ rattert. Der Transporter fährt vier Meter nach vorne, muss halten. Hinter dem Fahrzeug klappert es erneut: Das Tor schließt sich. Als wäre der Wagen in einer Werkstattgarage, ohne jeglichen Ausgang. Wie eine Lebendfalle für eine Maus.

Die Autoschleuse ist der Zugang zur Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta. Darin herrscht ein Moment der Stille. Erst ein paar Sekunden später geht das vordere Rollgitter wieder hoch. Jetzt öffnet sich die Sicht auf den Innenhof.

Es ist 14 Uhr und feuchte Kälte zieht das Hosenbein hoch. Sieben Männer reiben sich die Hände warm. Drei zünden sich eine Zigarette an. Der Qualm zieht über ihre Köpfe hinweg. Zwei haben sich eben noch ein Rollo beim Dönerladen um die Ecke geholt. Fahrer Christian Töllner gibt das Signal zum Aussteigen aus dem vollgepackten Kleintransporter. Umgeben von meterhohen Mauern und Zäunen steht der Wagen im Hof des Häuserkomplexes. Instrumente, Verstärker, Mikrophone und Kabel sind ordentlich in den Kofferraum gepackt. Die fünf Musiker aus dem kanadischen Edmonton bereiten sich auf das Unbekannte vor. Ein Konzert in der zentralen Einrichtung für den Frauenvollzug in Niedersachsen. Nur: Vorbereiten? Geht das?

„Es ist gut für den Kopf, für die Gedanken“, sagte eine Inhaftierte. In dem Kellergewölbe in der JVA für Frauen in Vechta macht die Band Owls by Nature den Kopf mal frei.

Doc De Groot denkt kurz nach. Er hat mehrere deutsche Biersorten probiert und alle sind lecker gewesen. Cory Dee, der Keyboarder der kanadischen Band Owls by Nature, macht Fotos von den verschiedenen Etiketten. Am liebsten trinken sie Lagerbier, nur heute gibt es keinen Gerstensaft. Seit zwei Tagen sind die beiden Musiker mit der fünfköpfigen Folk-Punk-Gruppe in Deutschland. Das erste Mal überhaupt in Europa. Bisher tourten sie durch Kanada und Amerika. Zu einem Rock ‘n‘ Roll-Leben gehört das Reisen dazu. Jeden Tag woanders. Frei und unabhängig. Das ist es, was sie wollten: Auf die Bühnen der Welt steigen. Musik machen. Zagreb, Wien, Lyon, Aalborg, Hamburg, Berlin, Bremen – auf ihrer Konzerttour sehen die Bandmitglieder in einem Monat mehr, als andere in mehreren Jahren. Und nun: Vechta.

Stacheldrahtrollen und roter Backstein bestimmen das Bild. Im Hintergrund ist die Klosterkirche zu erkennen. Vor dem Eingangstor müssen alle Besucher den gleichen Ablauf absolvieren: Wer hineinwill, muss sich anmelden, Smartphone oder Handy, Personalausweis oder Reisepass abgeben. „Ihre Ausweise geben wir ihnen wieder, wenn sie drinnen und registriert sind“, sagt die Pförtnerin.

Im Hof der JVA für Frauen ist zur rechten ein Volleyballnetz über einen Tartanplatz gespannt. Links wurden Beete angelegt. Vor einer kleinen Treppe zu einer Tür in der Front steht Entlassungskoordinator Helmut König. Das Tor fährt im Hintergrund herunter. Die Fenster ringsherum sind mit Gittern versehen, hier und da blicken Augenpaare durch die Eisenstäbe.

Nach einer kurzen Begrüßung zeigt König den Bandmitgliedern und deren Begleitern den Weg zum Veranstaltungsraum. Es geht ein paar Stufen hinab. An einer dicken, schweren Tür hängt ein Konzertplakat, in schwarzen Buchstaben steht auf gelb geschrieben: „Owls by Nature (Kanada), 16 bis 17.30 Uhr, A-Keller.“ Fast wortlos tragen die Musiker um Frontmann Ian McIntosh ihre Sachen in das lange, keine fünf Meter breite Tunnelgewölbe, an dessen Kopfseite ein Podest aufgebaut ist. Schwere Tür auf, schwere Tür zu, immer wieder dreht Helmut König den Schlüssel in den Schlössern. Auf und gleich wieder zu. Dass hier kein Entkommen ist, bleibt vorerst nur im Unterbewusstsein. Es geht nicht raus. Nicht nur die Inhaftierten stehen hinter geschlossenen Türen. Aber es spricht niemand darüber.

„Um 16 Uhr geht es los“, sagt König nach dem Aufbau. Der Griff zum Smartphone geht ins Leere. Eine Armbanduhr hat bis auf den Sozialpädagogen König keiner der Besucher um. Die Geräte, die eine Verbindung zur Außenwelt herstellen können, sind im Knast tabu. Ein bisschen zeit- und ratlos schauen sich die Musiker an. Vor dem Auftritt geht es in einen Besprechungsraum, letzte Absprachen werden getroffen, Toilettengang und ein Glas Wasser stehen auf dem Plan. Whiskey, Bier oder einen Schnaps gibt es hier nicht. Hinter den Mauern des 1882 errichteten Haupthauses herrscht Alkoholverbot.

Owls by Nature ist eine Folk-Punk-Band aus dem kanadischen Edmonton (Alberta). Die Gruppe besteht seit April 2010 und ist jetzt das erste Mal in Europa unterwegs gewesen. Im Mai 2013 veröffentlichten die Musiker ihr Album „Everything is Hunted“ bei dem Bremer Label Gunner Records, welches die ersten Platten von The Gaslight Anthem herausbrachte.

Kurz vor dem Start des Konzertes ruft König die verschiedenen Abteilungen an. Die Frauen dürfen nun in den Keller. „Es ist abhängig von der Tagesform, wie viele kommen.“ Die Inhaftierten können eine nicht selbst gewählte Band, an einem vorgegebenen Ort, zu einer bestimmten Zeit besuchen. Ausbruch aus dem Alltag? Irgendwie ja und auch nein. Konzert-Feeling nach Feierabend mit Freunden geht anders. Ihre Haft nimmt ihnen die Möglichkeit, sich Laden, Band, Stadt oder Musikrichtung auszusuchen. Am nächsten Tag sitzen sie wieder mit den anderen beim Frühstück. In der Anonymität einer feiernden Masse abzutauchen ist nicht möglich. Es ist eine künstliche, neue Situation für die Band. Dann geht es los: Über das Treppenhaus geht es zum Seiteneingang des Kellers. Die Tür geht auf, nur einen Schritt und Ian McIntosh (Gesang, Gitarre), Sean Hamilton (Bass), Doc De Groot (Leadgitarre, Lap Steel, Mandoline), Cory Dee (6-String-Banjo, Keyboard) und Fred Brenton (Schlagzeug) stehen auf der Bühne. Einen kurzen Moment ist es still. Der erste Blickkontakt mit den Besucherinnen. McIntosh dreht sich kurz, schaut seine Kollegen an, nimmt das Mikrophon, ruft ein kurzes „Hallo“ und beginnt den ersten Song. Ein Moment, den der Frontmann schon hunderte Male durchgemacht hat. Auf die Bühnenbretter treten und das Konzert starten. Und trotzdem sagt er nach dem Konzert: „Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, was mich erwartet.“ Er weiß, dass die Besucherinnen sich diese Band nicht ausgesucht haben. Hingehen oder es sein lassen. Es ist ein Publikum ohne Drinks, ohne Männer, ohne Geld und oft ohne Perspektive. Die Frauen starren sie an.

Die roten Fliesen in dem Gewölbe sind kalt, an der Decke hängen Leitungen und silberne Metallgestänge. In dem Raum gibt es kein Fenster. Etwas mehr als 40 Frauen haben den Weg in den Keller gefunden. Viele davon rauchen. In kleinen Gruppen stehen sie verteilt in dem langen Tunnel. Drei Inhaftierte beginnen zu tanzen, andere wiegen ihre Körper leicht hin und her. Von Stück zu Stück entsteht mehr Bewegung vor der Bühne. Der Applaus steigert sich. Auch die Band wird lockerer. Ian McIntosh singt von Herzschmerz, vom Verlassen. Der ein oder anderen Frau ist es zu laut, manche verlassen den Raum. Aber eine Gruppe bleibt.

Konzert in der JVA in Vechta

Owls by Nature spielen in der JVA für Frauen in Vechta

Nach einer Stunde geht die Band von der Bühne. Die Frauen bleiben stehen. Eine von ihnen fragt in den Raum: „Spielen die noch einen Song für uns?“ Die beiden Worte „für uns“ klingen zaghaft. „Versucht es doch“, sagt Gunnar Christiansen, Besitzer des Labels Gunner Records aus Bremen, worüber die Band ihr Album veröffentlicht hat. Erst leise, dann immer lauter rufen die Frauen: „Zugabe, Zugabe“. Grinsend kommt die Band wieder auf die Bühne. „Es ist gut für den Kopf, für die Gedanken“, sagt eine Inhaftierte. Rock-Freiheit statt Knast-Lethargie.

Sechs Konzerte im Jahr

Vechta - Sechs Konzerte gibt es in der JVA für Frauen Vechta im Jahr. Entlassungskoordinator Helmut König kümmert sich und bearbeitet die Anfragen der Bands. Der 1993 gegründete Förderverein inhaftierter Frauen (FIF) finanziert diese Konzerte. Von Cover-, Blues- oder Rock-Bands hat hier schon fast jede Stilrichtung ihren Auftritt gehabt. Sogar eine Hardcore-Gruppe spielte auf. Im Sommer werden die Konzerte im Innenhof Open-Air veranstaltet, im Winter dann im Keller. 120 Frauen im Alter von 21 bis über 70 Jahre sind in der Einrichtung derzeit, die Haftstrafen gehen von ein paar Tagen bis hin zu lebenslänglich. Die meisten Delikte, die zur Inhaftierung führten, stehen im Zusammenhang mit Drogen. Hauptaufgabe ist die Resozialisierung der Frauen. Dazu gehören auch die Konzerte, die laut König als Abwechslung, Freizeitgestaltung und Treffpunkt für die Inhaftierten gedacht sind. Ein bisschen sei es auch Kulturarbeit. pfa

Die Liste der Bands ist lang

Bremen - The Gaslight Anthem, Frank Turner, Red City Radio, Perdition, Arliss Nancy – die Liste der Bands ist lang. Es müssten mittlerweile etwa 30 Musikgruppen aus der ganzen Welt sein, die bei dem Bremer Label Gunner Records ihre musikalischen Werke herausgebracht haben. Am erfolgreichsten ist bisher das erste Album von The Gaslight Anthem mit dem Titel „Sink Or Swim“. Große Nachfrage gab es aber auch nach den Alben von Red City Radio – eine amerikanische Punk-Rock-Gruppe aus Oklahoma City, die sich 2007 gründete. Die Musiker Garrett Dale, Jonathan Knight, Paul Pendley und Dallas Tidwell haben ihre Alben „To The Sons And Daughters Of Woody Guthrie“, „The Dangers Of Standing Still“ und die aktuelle „Titles“ über Gunner Records auf den Markt gebracht. pfa

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