Die Fährtenleser

Otterfreunde setzen auf Köddel und Fußabdrücke

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Der Otter-Spezialist und Umweltschützer Hermann Kück steht zwischen der Lune und dem Holzsteg, der durch den begehbaren Teil des Otterbiotops Lunestedt bei Beverstedt führt. Der seit dem Ende der 1970er Jahre vom Aussterben bedrohte Fischotter hat hier, auf dem Gelände einer ehemaligen Kläranlage im Bereich der Luhe eine neue, artgerechte Heimat gefunden.

Lunestedt - Von Berit Böhme. Sie krabbeln unter Brücken und kraxeln an unwegsame Flussufer. Im Winter schwärmen Dutzende Fährtensucher aus, um Fischottern auf die Spur zu kommen.

Fischotter sind verspielt, gute Schwimmer und haben ein unheimlich dichtes Fell. Anfang der 90er Jahre waren die wendigen Wassermarder im Nordwesten fast ausgestorben. Heute erholt sich ihr Bestand. Das Verbreitungsgebiet wird mit Hilfe des europäischen „Informations-Systems Otterspuren“ (ISOS) ermittelt. Mittlerweile läuft die systematischen Erfassung des Fischottervorkommens in elf Bundesländern, auch in Niedersachsen und Bremen.

Otter lassen sich nicht auf klassische Weise zählen. Ihr Vorkommen kann nur indirekt, über Fuß- und Kotspuren nachgewiesen werden. Denn Otter sind nachtaktive Einzelgänger. „Sie folgen den Gewässern und haben feste Reviere. Sie patrouillieren ihr Gebiet ab und markieren es überall“, sagt der Biologe Hans-Heinrich Krüger von der Aktion Fischotterschutz. In einer Nacht legen die Tiere zehn bis 20 Kilometer zurück.

Bei Krüger und seinen Kollegen im Otterzentrum Hankensbüttel (Kreis Gifhorn) laufen die deutschen ISOS-Fäden zusammen. Die Wissenschaftler legen die Suchpunkte fest, an denen im Winter nach Fußabdrücken und Köddeln gesucht wird. „Wir arbeiten mit einer Standardmethode in ganz Europa. So sind die Ergebnisse vergleichbar“, sagt Krüger. Meistens liegen die Suchpunkte unter Brücken mit Uferrandstreifen, weil die Tiere dort gerne aus dem Wasser steigen.

Ohne die Unterstützung der rund 150 ehrenamtlichen Fährtensucher in Deutschland sei das Projekt nicht zu stemmen, so Krüger. Ihr Handwerk lernen die Helfer im Otterzentrum Hankensbüttel. In den dortigen Otter-Gehegen findet sich frisches Anschauungsmaterial. „Man kann es nicht nur von Büchern und Bildern lernen“, sagt Krüger. „In Hankensbüttel ist es sehr realitätsnah, mit frischen Spuren und Originalkötteln.“ Die Teilnehmer trainieren ihre Sinne, um die Otterspuren von anderen zu unterscheiden. „Zum Abschluss machen wir einen Test.“

Hermann Kück vom Forum Natur Lunekring engagiert sich seit 2004 im ISOS-Projekt. „Der Otter war immer ein faszinierendes Tier für mich“, gesteht Kück, der seit vier Jahrzehnten im Naturschutz aktiv ist und dafür 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. In diesem Winter kontrolliert der 68-Jährige zusammen mit seinem ISOS-Mitstreiter Wolfgang Brand 14 Suchpunkte im Raum Beverstedt und Bremerhaven. Jeder Punkt wird nur einmal angesteuert. „Das ist eine Momentaufnahme“, stellt Kück klar. Gesucht wird unter den Brücken und entlang des angrenzenden Uferbereichs. Denn Otter steigen auch gerne im Schutz von Büschen aus dem Wasser oder übernachten dort in Bauten. Die Beobachtungen werden akribisch in Erfassungsbögen festgehalten, inklusive Wasserhöhe.

Nicht alle mutmaßlichen Spuren werden registriert. „Ein Pfotenabdruck reicht nicht. Man muss das Trittbild als Ganzes sehen, in der Reihenfolge.“ An diesem Morgen wird Kück unter einer Brücke fündig. Zwischen den Abdrücken von Mäusen, Ratten und anderen Tieren sind deutlich etliche Otterfußspuren auszumachen. „Wenn sie aus dem Wasser kommen ziehen sie oft auch den Schwanz hinterher.“ Sandreiche Uferzonen sind auch beliebte Spielplätze. „Otter sind sehr intelligente Tiere. Sie spielen auch in hohem Alter noch“, sagt Krüger.

Bei ihren Kotplätzen sind Otter wählerisch. „Sie kacken lieber auf Steine, dort wo es trocken ist“, sagt Kück. Im Kot seien sogar die Fischschuppen zu sehen. Die kleinen Raubtiere fressen aber auch Großinsekten, Ratten, Maulwürfe und zuweilen einen Wasservogel.

Manchmal sind die Fährtenleser unsicher. „Es gibt schwierige Fälle“, räumt Krüger ein. Denn die Spuren der aus Nordamerika eingeführten Waschbären seien ähnlich. „Uns werden auch mal per Post Köddel zwecks Bestimmung geschickt.“

Die ISOS-Daten belegen den Otterzuwachs im Nordwesten, nach und nach erobern die Tiere auch Westniedersachsen. „Otter haben sich deutlich ausgebreitet“, sagt Krüger. „Sie gehen jetzt über die Weser rüber.“ Die Otter bewegten sich auch auf den Harz zu, bis nach Göttingen. „Südlich von Hannover tun sie sich schwer.“ Rar machten sich die Tiere zudem im Emsland und der Börde. Das sei vermutlich auf die viele Gülle dort zurückzuführen. Krüger hofft, dass auch einige der in den Niederlanden ausgewilderten Otter Richtung Niedersachsen ziehen.

Einst wurden Otter als vermeintliche Fischräuber und wegen ihres Pelzes gejagt. Bis heute ist der Mensch ihr einziger Feind. „80 bis 90 Prozent sind Unfallopfer“, sagt Krüger. Oft werden die Tiere in der Nähe von otter-feindlichen Brücken überfahren.„Otter haben Platzangst unter Betonbrücken. Sie gehen auch nicht durch Rohre. Kein Otter schwimmt da unter durch. Sie steigen 30, 40 Meter vorher aus, dann werden sie totgefahren.“ Bei Brückenneubauten sind deshalb „Bermen“ genannte Uferrandstreifen vorgeschrieben.

dpa

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