Operativer Opferschutz immer wichtiger

Zu Hause geschlagen: Gewaltopfer finden Schutz bei der Polizei

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Hannover - Sie haben sich nach Auffassung ihrer Familie den falschen Partner ausgesucht oder werden von ihren Ex-Männern terrorisiert. Mehr als 100 Gewaltopfer in Deutschland fürchteten im vergangenen Jahr so sehr um ihr Leben, dass sie sich in enger Zusammenarbeit mit der Polizei zu einem radikalen Schritt entscheiden. Sie werden in das Programm Operativer Opferschutz aufgenommen.

Das bedeutet, dass die Betroffenen - oft gemeinsam mit kleinen Kindern oder dem von der Familie unerwünschten Partner - ihr altes Leben hinter sich lassen. Sie kappen die Verbindung zu Familie und Freunde, beginnen komplett von vorn - an einem neuen Wohnort, oft mit neuer Identität.

Der Operative Opferschutz nutzt annähernd die gleichen Instrumente wie Zeugenschutzprogramme. „Es geht um Gefahrenabwehr“, betont der Dezernatsleiter der zuständigen Abteilung im Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen. Der 53-Jährige und seine 47 Jahre alte Kollegin möchten ihre Namen nicht in den Medien erwähnt wissen, denn ihre Arbeit kann nur auf dem Grundsatz der Verschwiegenheit funktionieren.

Spezielle Form der Hilfe 2012 im Land eingeführt

Das Modell Operativer Opferschutz wurde 2005 in Hamburg eingeführt, Niedersachsen stieg 2012 ein. Mittlerweile wird das aufwendige Programm in vielen Bundesländern praktiziert, in Baden-Württemberg startete im Januar ein zweijähriges Pilotprojekt. Beziehungstaten seien mit hoher Emotionalität verbunden, sagt der verantwortliche Abteilungsleiter beim LKA in Stuttgart, Robert Ullrich. Es seien irrationale Handlungen oder Kurzschlussreaktionen der Täter zu befürchten. „Deshalb müssen wir im Vergleich zu Zeugenschutzfällen oft von einer erhöhten oder akuten Gefährdung ausgehen.“

Polizeiliche Ermittlungen sowie Frauenhäuser oder Beratungsstellen machen die Beamten auf Opfer aufmerksam, die für das freiwillige Programm infrage kommen. Seit 2016 gibt es eine bundesweite Statistik. Demnach sind zwei Drittel der Teilnehmer weiblich, zwei Drittel kommen aus Zuwandererfamilien. Häufig geht es um Zwangsheirat oder gar angedrohte Morde, die vermeintlich im Namen der Familienehre geschehen sollen.

Die beiden Experten im LKA in Hannover schildern den Fall einer Frau mittleren Alters aus Osteuropa, die zunächst in ein Frauenhaus floh. Gegen ihren Mann - einen Landsmann - wurde unter anderem wegen versuchter Tötung ermittelt, die Kinder waren traumatisiert. Am Anfang stand ein langes Gespräch mit den Beamten über die Konsequenzen des Untertauchens. „Man bricht mit allen alten Strukturen komplett ab. Die ganze Kommunikation wird nur über uns geregelt“, erklärt die Polizistin. Eine Namensänderung war nicht möglich, sie kann nur bei deutschen Staatsbürgern erfolgen.

Gutachten ergänzen Risikoanalyse

Bei der Risikoanalyse bezieht die Polizei oft wissenschaftliche Gutachten etwa zum Thema Blutrache ein. Monatelang suchten die niedersächsischen Beamten einen geeigneten neuen Wohnort für die Frau und ihre Kinder. Dies hängt immer auch davon ab, ob es in dem jeweiligen Bundesland im Operativen Opferschutz ausgebildete Polizisten gibt, die Kapazität haben, den Fall zu übernehmen.

Nachdem der Umzug geglückt war, musste die Frau zurück nach Niedersachsen kommen, um vor einem Landgericht als Zeugin im Prozess gegen ihren Mann auszusagen - begleitet von den Beamten. Der Mann wurde wegen gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung zu mehr als fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Rund zwei Jahre nach der Aufnahme in das Programm ist vieles auf einem guten Weg: Die Frau und einige Kinder haben eine Traumatherapie gemacht, der Start in der neuen Kita beziehungsweise Schule hat geklappt. Derzeit ist der Peiniger der Frau noch im Gefängnis. Brisant kann es aber werden, wenn er in absehbarer Zeit aus dem Gefängnis entlassen wird.

Umgangsrecht stellt ein Problem dar

Die Beamten wissen aber auch: Die Sehnsucht nach dem alten Leben - etwa ein unbedachter Anruf bei einer früheren Nachbarin - kann das ganze Konzept ins Wanken bringen und Lebensgefahr bedeuten. Gerade Kinder sind ein Risikofaktor. Deshalb wünschen sich mit dem Opferschutz befasste Experten Änderungen im deutschen Familienrecht. „Das Problem ist das Umgangsrecht. Selbst wenn Kinder den Vater an einem neutralen Ort treffen, plaudern sie oft unbedacht“, sagt die Kriminalhauptkommissarin aus Hannover.

Die Polizei begleitet die Opfer oft über Jahre, führt in regelmäßigen Abständen Gespräche und prüft bei den Behörden, ob es Auskundschaftsversuche der Täter gegeben hat. Die Betroffenen dürfen keine Datenspuren hinterlassen, wenn sie nicht ihren Namen haben ändern können. Der Leiter des Operativen Opferschutzes in Niedersachsen sagt: „Es sind keine Kriminellen, sondern Opfer - freiheitsliebende Menschen wie du und ich - und dann muss man ihnen sagen, du darfst keinen Handy-Vertrag unterzeichnen ohne unsere Zustimmung!“

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hält die relativ neue Einrichtung Operativer Opferschutz für sinnvoll. „Sie kann für Frauen, die hochgefährdet sind und bei denen alle andere Maßnahmen nicht mehr greifen, lebensrettend sein“, sagte Referentin Birte Rohles. „Wir wünschen uns, dass alle Bundesländer den Operativen Opferschutz einführen und dass dafür ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden.“

dpa

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