Opfer aus Simbabwe schildert die Folgen des Brandanschlags

Schlaflosigkeit, Herzrasen und Panikattacken

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Das Landgericht verhandelt den Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf.

Hannover - Von Sigrun Stock. Sie suchte mit ihren Kindern Schutz in Deutschland und wurde hier Opfer eines Brandanschlags. Eine Frau aus Simbabwe hat beim Prozessauftakt geschildert, wie sie noch heute unter den Folgen der Tat leidet und wie ihre Tochter seitdem täglich zu Gott betet.

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Ein schlichtes Metallbett, die Matratze fehlt, darunter ein deutlich sichtbarer Brandfleck auf dem Fußboden. Am Fenster die Aufkleberreste einer Kinder-Bastelei. Als am Mittwoch im Landgericht Hannover die Fotos vom Tatort gezeigt werden, kommt bei der 34-Jährigen aus Simbabwe alles wieder hoch. Die junge Schwarze mit der Afrofrisur weint, muss für ein paar Minuten den Gerichtssaal verlassen. In dem Metallbett in Salzhemmendorf schlief bis zu jener Nacht im vergangenen Sommer der elfjährige Sohn der Asylbewerberin. Damals warf ein Mann aus dem Ort einen selbst gebastelten Molotowcocktail in das Haus. Nur weil der Junge in dieser Nacht seine Matratze ins Zimmer der Mutter trug, wurde er nicht verletzt. Doch unter den seelischen Folgen des Brandanschlags leidet die ganze Familie noch heute. Das wird deutlich, als die Frau dem Gericht mit Hilfe einer Übersetzerin ihre Erlebnisse jener Nacht schildert. „Sie hat hier ihr zweites Trauma erlebt“, sagt ihr Anwalt Sebastian Piontek.  Wegen des Brandanschlages müssen sich zwei junge Männer und eine Frau verantworten, ihnen wird versuchter gemeinschaftlicher Mord vorgeworfen. Doch was sind das für Menschen, die so etwas tun? Und was ist das für eine Gegend, wo so etwas passiert? Die 10.000 Einwohner-Gemeinde Salzhemmendorf bei Hameln ist ein eher beschaulicher Ort. Touristen besuchen ihn nur für einen Wellnesstag in der örtliche Ith-Sohle-Therme, sonst scheint in vielen Teilen des Ortes eher die Zeit stehen geblieben zu sein.

„Unter Alkohol ist mir vieles egal"

Es soll eine aktive rechtsextreme Szene in der Gegend geben, doch darüber wollen Zeugen im Gericht nur wenig erzählen. Ja, vor ein paar Jahren sei da was gewesen, sagt ein 23-Jähriger. Wie stark die Szene ist? Oder war? Das wisse er nicht, sagt er. Aber dann zählt er doch ein paar Namen auf. „'Sieg Heil', früher habe ich diese Scheiße auch mitgeschrien, das will ich gar nicht abstreiten“, meint er.

Hakenkreuze schmieren, aber auch ganze normale Randale im Suff habe es gegeben: Straßenschilder umhauen, Pinguinfiguren an der Hauptstraße demolieren. Was eben so geht, wenn der Pegel hoch ist und das Gehirn nur noch eingeschränkt tätig. Oder wie es der 25-jährige Angeklagte formuliert: „Unter Alkohol ist mir vieles egal. Es ist so, als ob ich meinen Kopf abschalten würde.“  Kernfrage in dem Prozess: Wussten die drei Angeklagten, dass Menschen in der Wohnung lebten, in der der Brandsatz landete? Und: Handelten sie aus ausländerfeindlichen Motiven? Oder war die Attacke unpolitisch, ausgelöst durch zu viel Bier und Weinbrand?

Nach Zahlen aus dem Bundesinnenministerium war der Anschlag in Salzhemmendorf eine von 1027 Straftaten gegen Asylunterkünfte, die es 2015 in Deutschland gab. Die Zahlen sind stark gestiegen: 2014 gab es 199 Straftaten, 2013 waren es 69. Und im vergangenen Jahr waren rechtsmotivierte Täter in fast 90 Prozent der Fälle nach Angaben des Ministeriums die Verursacher.

Täter weisen ausländerfeindliche Motive von sich

Als die drei in Salzhemmendorf an jenem Abend in einer Garage aus einer Weinbrandflasche, Holzspänen und Benzin einen Molotowcocktail basteln, hören sie jedenfalls Musik einschlägig bekannter Bands wie „Stahlgewitter“ oder „Kategorie C“. Ausländerfeindliche Motive weisen alle dennoch von sich. In ihren Erklärungen, die die Verteidiger für sie verlesen, betonen alle, auch ausländische Freunde zu haben. Was war dann das Motiv? „Vielleicht ist es die Angst vor der Entwicklung, die zur Zeit stattfindet“, sagt der 31-Jährige in der Erklärung. Er gesteht, den Brandsatz geworfen zu haben. Und er bereut.  Die beiden anderen, die früher kurze Zeit ein Pärchen waren, soll er dazu angestachelt haben. So zumindest sehen es die zwei.

Angeklagte gestehen den Anschlag

Als das Opfer von dem Anschlag berichtet, schauen die drei kaum auf. Ob sie schon vor der Tat angefeindet wurde, fragt der Richter die Frau. „Nein“, sagt sie. Die Kinder hätten nur manchmal „Scheiß Schwarze“ zu hören bekommen. Seit der Tat leidet die 34-Jährige unter Schlaflosigkeit, Herzrasen und Panikattacken. Auch ihre Kinder haben Angst und mögen nicht mehr draußen spielen, berichtet sie. „Besonders die ganz Kleine betet, Gott soll uns schützen gegen Feuer und böse Leute.“ Die 34-Jährige wohnt mit ihren Kindern immer noch in Salzhemmendorf - aber inzwischen in einem anderen Haus.

dpa

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