CO2-Bilanzen im Vergleich

Neu kaufen oder alt fahren? Renault Zoé vs. Mercedes-Oldtimer

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Haben sich einem Vergleich gestellt: Mercedes-Fahrer Wilfried Grochulla (links) und Thorsten Böner, der neben seinem elektrisch betriebenen Renault Zoe steht.

Hippe, handwerklich begabte Pärchen treiben die Preise für alte VW-Bullis in die Höhe, frisch Vermählte drehen gern eine Runde im Cadillac, und Oldtimer-Freunde polieren ihre Felgen besonders gründlich, um bei der nächsten Ausfahrt wieder kräftig „Ooohs“ und „Aaahs“ zu ernten: Alte Autos sind beliebt. Und immer mehr davon sind auf hiesigen Straßen unterwegs. Das belegen Daten des Kraftfahrtbundesamts.

Syke/Bremen - Von Juliane Klug. Zu Jahresbeginn hat die Behörde 536.515 Fahrzeuge gezählt, die 30 Jahre und älter sind – 58.765 mehr als ein Jahr vorher. Das ist schön anzusehen, aber: Ist es in Zeiten, in denen alle über CO2-Ausstoß reden und Strategien, wie er sich – zum Wohl des Weltklimas – reduzieren lässt, sinnvoll, wenn mehr Autos mit der Technik längst vergangener Zeiten auf den Straßen fahren? 

Auf der anderen Seite fallen auch für die Produktion jedes Wagens Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) an, was für eine lange Nutzung spricht. Um zu klären, wer umweltverträglicher unterwegs ist – ob der Altwagen-Fahrer oder jemand, der sich immer mit der neuesten Technik ausstattet – hat diese Zeitung Expertenrat eingeholt. Der Vergleich der CO2-Bilanz zweier Autofahrer ergibt: Der Technik-Freund stößt unterm Strich pro Kilometer weniger CO2 aus. Aber: So eindeutig und einfach ist die Frage nicht immer zu beantworten.

Der Oldtimer-Fan

„Als ich das Auto abholte, hatte es 16 Kilometer drauf“, erinnert sich Wilfried Grochulla. Jetzt, 35 Jahre später, zeigt der analoge Zähler des Mercedes-Benz W 123 / 200er Benziner 373.350 Kilometer an. Der 80-jährige Bremer hängt an dem Wagen und hat sich seit 24 Jahren kein Auto mehr gekauft. 

Der damals erworbene Zweitwagen ist mittlerweile nicht mehr in seinem Besitz und soll hier keine Rolle spielen. Zum Chor, dem Senioren-Orchester, in dem er Bratsche spielt, oder zum Auto-Stammtisch fährt Wilfried Grochulla mit dem Mercedes ohne H-Kennzeichen. 10,5 Liter Benzin verbraucht der Wagen laut Spritmonitor auf 100 Kilometern. Der gelernte Eisenwarenhändler hat ihn mit einem Kat nachgerüstet.

Der E-Auto-Fahrer

Medienberater Thorsten Böner hat sich allein in den vergangenen 24 Jahren fünf Fahrzeuge angeschafft. Das aktuelle fährt elektrisch. „Ich probiere gern neue Technik aus“, sagt der 49-Jährige. Sein Renault Zoe besitzt seit Kurzem eine 41 Kilowatt starke Batterie. Einmal vollgeladen fährt der Wagen rund 280 Kilometer weit. 

Da Thorsten Böner im Außendienst tätig ist, täglich 116 Kilometer Arbeitsweg von Elsfleth nach Syke und zurück bewältigt und eine seiner Töchter in Würzburg studiert, kommt sein Kilometerzähler schnell auf beachtliche Zahlen.

Das Ergebnis

Alle Autos berücksichtigt hat Thorsten Böner in den vergangenen Jahren 217,1 bis 227,6 Gramm CO2 pro gefahrenem Kilometer ausgestoßen. Das hat die Berechnung von Martin Lange, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Umweltbundesamt, ergeben. Eingeflossen sind auch tatsächlich zurückgelegte Strecken und die Emissionen, die für die Vorketten (Produktionsketten der Treibstoffe; hier in die Berechnung eingeflossen, aber zugunsten der Übersichtlichkeit tabellarisch nicht dargestellt), sowie die für die Herstellung der Autos angefallen sind: für Benziner 7 Tonnen, Diesel 7,1, E-Autos 10,5

War der Fahrer weniger als 168.000 Kilometer unterwegs – diese Summe gilt als typische Nutzungsdauer – hat Martin Lange Anteile angerechnet. Die Spanne bei Thorsten Böner ergibt sich dadurch, dass die Realverbrauchswerte des Spritmonitors im Falle der Zoes von denen des ADAC ecotest abweichen. So hat der Mitarbeiter des Bundesamtes zwei Rechnungen aufgestellt.

Der Vergleich

Wilfried Grochulla schneidet mit 357,2 Gramm pro Kilometer deutlich schlechter ab. Allerdings ist das auch der Tatsache geschuldet, dass Medienberater Thorsten Böner sehr viel weitere Strecken zurücklegt als sein Vergleichspartner. 

Einmal die typische Nutzungsdauer erreicht, verteilt sich der Emissionswert für die Produktion auf immer mehr darüber hinaus gefahrene Kilometer. Zudem habe das Mercedes-Modell damals zur oberen Mittelklasse gehört, sagt Martin Lange: „Dadurch, dass es ein großes und stärker motorisiertes Fahrzeug ist, hat es einen relativ hohen Kraftstoffverbrauch.“

Die generelle Empfehlung, sich immer neue Autos anzuschaffen, gibt er nicht. „Es ist zielführend, Fahrzeuge bis zur Nutzungsdauer auch zu fahren“, also im Schnitt mindestens 168.000 Kilometer, sagt Martin Lange. 

„Dadurch, dass der Außendienst-Mitarbeiter pro Jahr viele Kilometer zurücklegt, macht es für ihn schneller als für den Durchschnittsbürger Sinn, sich einen neuen Wagen anzuschaffen.“ Wer über einen Autowechsel nachdenkt, sollte zudem einen Blick auf den Verbrauchsvorteil werfen, rät der Experte. Entscheidend seien die Realwerte (Spritmonitor, ADAC ecotest), nicht die, die im Prospekt stehen.

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