Tag der Angehörigen im Prozess

Hinter jedem Mord ein Schicksal: Plädoyers zeigen Leid im Fall Niels H.

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Niels H. sitzt im Gerichtssaal neben seiner Anwältin Ulrike Baumann.

Der Prozess um den Patientenmörder Niels H. nähert sich dem Abschluss. Am Freitag machten die Plädoyers der Nebenklage-Vertreter vor dem Landgericht Oldenburg das Leid sichtbar, das der Angeklagte verursacht hat.

Oldenburg - Es war der Tag der Angehörigen im Prozess gegen den mutmaßlichen Serien-Mörder Niels H.. Der Ex-Krankenpfleger raubte ihnen aus Sicht der Anklage Ehepartner, Väter, Mütter oder Großeltern. Bis heute sind die Familien traumatisiert. Hinter jedem der 100 Morde steht ein Einzelschicksal. Einige wurden bei den Plädoyers der Nebenklage-Vertreter vor dem Landgericht Oldenburg sichtbar. Kurze Schlaglichter auf grenzenloses Leid.

Die Schlussvorträge der 14 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte dauerten am Freitag insgesamt rund zwei Stunden. Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann hatte am Donnerstag mehr als doppelt solange plädiert. Fall für Fall war sie jeden der 100 Morde durchgegangen. „Lebenslange Freiheitsstrafe für 97 Morde bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld“, lautete ihre Forderung. Nur in drei Fällen sah sie keine hinreichenden Beweise für eine Täterschaft H.s. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, wie am Freitag nochmals klar wurde.

So wird H. im Klinikum Oldenburg der Mord an einem 1929 geborenen Mann zur Last gelegt, der sich im Krankenhaus aus einer kritischen Phase ins Leben zurückgekämpft habe, wie der Anwalt der Hinterbliebenen schilderte. „Bei den Blutwerten können Sie recht alt werden“, habe der Arzt zu dem Patienten noch gesagt, der erwidert habe: „Ich möchte nicht recht alt werden, sondern sehr alt.“ Nach dem Zutun des Angeklagten sei es dazu nicht mehr gekommen. H. selbst hatte die Tat eingeräumt.

Ein Opfer wollte beginnen, das Leben zu genießen

Auf H.s Konto geht laut Anklage auch der Mord an einem 60-Jährigen am Klinikum Delmenhorst, der jahrzehntelang mit seiner Frau eine Bäckerei führte, die er gerade verpachtet hatte, um das Leben mit seiner Frau, den Söhnen und Enkelkindern zu genießen, wie die Anwältin sagte. Nach einem Schlaganfall war er zur Beobachtung auf die Intensivstation Delmenhorst gebracht worden, und H. selbst habe der Ehefrau gesagt, dass er gut aufgehoben und bestens versorgt sei. Sie habe dort übernachten wollen, aber widerstrebend gehen müssen, obwohl ihr Mann ihre Hand nicht habe loslassen wollen, erinnere sich ihre Mandantin voller Unruhe bis heute.

H. selbst hörte sich die Plädoyers ohne sichtliche Regung an, auch als die Anwälte auf seine mutmaßlichen Motive zu sprechen kamen. Diese stünden auf tiefster moralischer Stufe und zeugten von einer völligen ethischen Verwahrlosung und menschlichen Verrohung, sagte einer der Anwälte, der die Familie einer 74-Jährigen vertritt, deren Tötung H. zugegeben hatte.

Urteil soll am 6. Juni gesprochen werden

Mehrere Nebenklage-Vertreter beantragten zusätzlich zur lebenslangen Haft eine anschließende Sicherungsverwahrung: „Ein Angeklagter, der fast 100 Menschen auf dem Gewissen hat, dem eine seelische Abartigkeit bestätigt wurde und der viele Jahre ins Gefängnis geht, der darf nicht mehr in die Allgemeinheit entlassen werden“, warnte einer der Anwälte in seinem Plädoyer. Entscheiden wird das Gericht, das sein Urteil am 6. Juni fällt. Am Tag davor, am 5. Juni, stehen die Plädoyers der Verteidigung an. Erwartet wird dann auch das letzte Wort des Angeklagten, der bereits wegen sechs Todesfällen am Klinikum Delmenhorst zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist.

dpa

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