Ohne zu sehen hört man genauer hin - Dunkelgottesdienst in Hannover

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Der Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen und andere Verbände organisieren einen Gottesdienst in einer vollständig abgedunkelten Kirche. Sehende werden dabei von Blinden begleitet.

Hannover - Von Amelie Richter. Eine Stunde ohne Tageslicht: Beim Dunkelgottesdienst müssen sich die Besucher auf ihre Ohren und die Unterstützung von Helfern verlassen. So sollen sie sich in die Situation von Blinden und Sehbehinderten versetzen - und erleben den Gottesdienst mal ganz anders.

Sobald die Schlafbrille aus dickem dunkelblauen Stoff über die Augen geschoben ist, werden die Bewegungsabläufe zaghafter - Treppen, Stuhllehnen und Türen werden plötzlich zu Hindernissen. „Achtung, jetzt kommen gleich zwei Stufen“, sagt Heike Gronau vom Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen (BVN). Eine Frau hat sich bei ihr untergehakt und schiebt langsam einen Fuß nach vorne, bis ihre Schuhspitze an die erste Stufe stößt. Gronau führt sie hinein zum Dunkelgottesdienst in der Lukaskirche in Hannover. Ohne die Hilfe könnten die rund 30 Besucher ihren Sitzplatz nur schwer finden, im Inneren der Kirche ist es rabenschwarz. Eine Situation, die blinde und sehbehinderte Menschen jeden Tag erleben.

Auch für Sigrun Deutschler aus Hannover ist die Situation ungewohnt. „Vielleicht rumpel ich irgendwo dagegen oder setze mich aus Versehen bei jemanden auf den Schoß“, sagt Deutschler und lacht. Frank Ewert, Vorstandsvorsitzender der Hildesheimer Blindenmission, die den Gottesdienst im Dunkeln gemeinsam mit dem BVN und der Blinden- und Sehbehindertenseelsorge der Hannoverschen Landeskirche organisiert hat, sagt: „Es ist schwer sich zu orientieren.“ Mehrere Stunden haben Helfer jede noch so kleine Ritze in der Kirche mit schwarzem Tuch abgedeckt. Für die Besucher wird der Gottesdienst zu einem besonderen Erlebnis - Musik und Töne werden intensiver wahrgenommen.

Ohne Liederbücher muss sich Pastor Andreas Noth allerdings auf die Textsicherheit der Besucher verlassen. „Das ist mein erster Dunkelgottesdienst“, sagt der Pastor. Einige Abläufe mussten dafür geändert werden. Seine Predigt kenne er jedoch immer auswendig. „Das war keine so große Umstellung.“ Besonders war es für ihn, die Gäste aus Asien in den Gottesdienst einzubinden: Jeweils zwölf Schüler der indonesischen Yapentra-Blindenschule und der Davao-Blindenschule von den Phillippinen gestalteten den Gottesdienst musikalisch - mit modernen Liedern und traditionellen asiatischen Instrumenten.

„Es ist spannend, wenn man nicht sehen kann, wie viele Leute denn da vorne singen“, sagt eine Besucherin. Plötzliche könne man nur an den Stimmen abschätzen, wie groß der Chor sei. „Da merkt man erstmal, ob man überhaupt alle Instrumente auch nur durch das Hören erkennt.“ Nach einer Stunde im Dunkeln dürfen die Teilnehmer vor dem abgedunkelten Saal die Brillen wieder abnehmen - die Augen schmerzen von der grellen Sonne. „Das war eine abwechslungsreiche und spannende Erfahrung“, sagt Herbert Volnau, der zum ersten Mal einen Gottesdienst im Dunkeln besucht hat. „Vielleicht werde ich in Zukunft öfter mal die Augen schließen und nur die Musik genießen.“

dpa

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