„Immerhin kein Weihnachtsstress"

Wenn Frauen auf der Straße leben

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Die ehemalige Obdachlose Lena hat seit ihrem zwölften Lebensjahr auf der Straße gelebt und wohnt seit Juli wieder in einer eigenen Wohnung.

Hannover - Von Anne-Sophie Galli. Die meisten Obdachlosen sind Männer. Für Frauen ist das Leben auf der Straße besonders gefährlich. Zwei von ihnen erzählen von ihren Ängsten, der Scham und dem Wille zu überleben.

Dieses Jahr hat die Frau, die in Hannover nahe des Hauptbahnhofs auf dem Boden sitzt und liest, keinen Weihnachtsstress. Sie kauft keine Geschenke, schaut nur ab und zu über den Bücherrand und sieht die vorbeihuschenden Leute mit vollen Tüten. Seit knapp einem Jahr lebt die 43-Jährige auf der Straße. 

Zuvor hatte sie ihren Job verloren und zog von ihrem gewalttätigen Freund ins Frauenhaus. Dort hielt sie es nur einige Monate aus. Sie sagt: „Meine Bettnachbarin hatte Läuse, sie hat immer ins Zimmer gepisst, immer getrunken. Auch meine Sachen wurden geklaut." 

Es wird immer schwieriger, eine günstige Wohnung zu finden

Bei ihrem ersten Weihnachtsfest auf der Straße freut sich die Frau, die anonym bleiben will, auf ein gutes Essen. Freiwillige des Kältebusses der Johanniter werden Grünkohl, Kassler und Stollen verteilen. „Hoffentlich wird's nicht zu kalt", sagt sie, die eingepackt in ihrer dicken Jacke, einem Schlafsack und einer Wolldecke auf einer Isomatte sitzt.  Oft wird sie von Hauseingängen weggejagt. Manchmal sucht sie Schutz vor Wind und Wetter in einem Tunnel. 

Die ehrenamtliche Helferin Dana spricht in der Innenstadt von Hannover mit dem Obdachlosen Alex aus Osteuropa.


Ihr größter Wunsch ist eine eigene Wohnung. „Dann finde ich vielleicht auch wieder einen Job", sagt sie. Aber das ist schwierig, weil es in Deutschland immer weniger günstige Wohnungen gibt. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gibt es inzwischen 60 Prozent weniger Sozialwohnungen als noch vor 20 Jahren. Immer mehr Menschen leben auf der Straße, auch Frauen. Von den 860.000 Menschen ohne Wohnung in Deutschland sind knapp 30 Prozent Frauen, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.

Zweckbeziehungen, Misshandlungen, Prostitution

Die meisten von ihnen leben jedoch nicht immer auf der Straße. Oft schlafen sie in Notunterkünften, Frauenhäusern und anderen Wohnheimen. Oder sie geraten in Zweckbeziehungen, in die Prostitution oder zu Partnern, die sie misshandeln, wie der Geschäftsführer der Zentralen Beratungsstelle Niedersachsen, Ulrich Friedrichs, sagt. „Für Frauen ist die Straße besonders gefährlich - es gilt das Recht des Stärkeren, manche Frauen werden vergewaltigt." 

Die 22 Jahre alte Lena schaffte es oft nur knapp, einer Vergewaltigung zu entgehen. „Gleich am zweiten Tag auf der Straße musste ich einem Mann ins Gesicht schlagen", erzählt sie. Damals war Lena zwölf Jahre alt. In den vergangenen Jahren schlief sie abwechselnd auf der Straße und im Jugendwohnheim. „Ich hatte immer Angst." Mit Alkohol und Drogen versuchte sie ihre Probleme zu verdrängen.

Kontakt zu Kindern abgerissen

Mit 16 wurde sie schwanger. „Seitdem bin ich clean. Das macht man so als gute Mutter." Inzwischen hat Lena keinen Kontakt mehr zu ihrem sechsjährigen Sohn, der bei ihrer Mutter lebt. Sie hat vor kurzem aber eine eigene Wohnung gefunden und will einen Schulabschluss machen. 

Auch die 43-Jährige aus Hannover hat kaum noch Kontakt zu ihren inzwischen erwachsenen Kindern und den Enkelkindern. „Ich schäme mich für meine Situation", sagt sie. „Da muss ich alleine durch." 

„Viele trauen niemandem"

„Die meisten Obdachlosen sind Einzelgänger", sagte eine Mitarbeiterin des Johanniter-Kältebusses. Sie und andere Helfer verteilen im Winter Essen, warme Getränke und Kleidung an Bedürftige. „Viele trauen niemandem", sagt die Helferin, die den Obdachlosen Tee anbietet. Einige wollen nicht. „Sie haben Angst, dass sie auf die Toilette müssen und ihnen dann vielleicht jemand die Sachen stiehlt." 

Ehrenamtliche Helfer der Johanniter verteilen in der Nähe des Hauptbahnhofs in Hannover warme Speisen und Getränke an Obdachlose und Bedürftige.

Viele hätten psychische Probleme, hörten Stimmen, sagt ein Sozialarbeiter der Beratungsstelle Kontaktladen Mecki in Hannover. „Nach einem Jahr auf der Straße sehen viele gleich zehn Jahre älter aus", sagt die Johanniter-Koordinatorin. 

Wegen Alkohol- und Drogenproblemen müssen die Helfer des Kältebusses immer wieder den Rettungswagen rufen. Etwa weil Menschen mit Rattengift gestrecktes Heroin nehmen. Oder weil sie einen epileptischen Anfall haben, so wie Lenas Freund, als die beiden ihren Reis mit Gemüse- und Fleischstücken aßen. Die 43-Jährige hofft, dass sie im nächsten Jahr endlich mal wieder richtig schlafen kann. Ohne Angst. In einem richtigen Bett. In einer eigenen Wohnung. „Bis ich das erreicht habe, gebe ich nicht auf." - dpa

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