Tier bundesweit in Gefahr

Wildschafe chancenlos: Wolf löscht ältesten deutschen Mufflon-Bestand aus

Mufflons - den Wildschafen droht das Aus
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Mufflons stehen im Opel-Zoo wiederkäuend in ihrem Gehege.

Die Mufflons sind weg, es war das älteste deutsche Vorkommen der in ihrer ursprünglichen Heimat selten gewordenen Tiere. Zu ihrem Ende hat eine besondere Eigenart der Wildschafe beigetragen, die sie aus den Bergen mitgebracht haben.

Göhrde - Von Peer Körner. Wie befürchtet, die Wildschafe hatten keine Chance. Mehr als hundert Jahre streiften sie durch das abgelegene Waldgebiet östlich von Lüneburg. „Das Vorkommen in der Göhrde ist vollkommen erloschen, es war das älteste in Deutschland“, sagt Peter Pabel. Der 56-Jährige gilt als Experte für Mufflons, er leitet den Hochwildring der Jäger, ist Wolfsberater und von Beruf Förster. 

„Das war zu erwarten - wenn der Wolf kommt, verschwindet das Muffelwild.“ Ursache ist ein merkwürdiges Fluchtverhalten, das die eindrucksvollen Tiere mit den schneckenförmigen Hörnern aus ihrer bergigen Heimat mitgebracht haben.

Kurze Sprints retten Mufflons nicht vor dem Wolf

Die Vorfahren der Europäischen Wildschafe in der Göhrde stammten aus Korsika und Sardinien - 1903 wurden die ersten ausgesetzt, doch blieb ihnen keine Zeit, sich dem Wolf anzupassen. Schleicht sich einer an, so machen sie einen kurzen Sprint, dann bleiben sie stehen. In ihrer Heimat konnten sich die Mufflons so auf Felsen und Klippen retten, die gibt es hier im Flachland aber nicht. 

„Das könnte möglicherweise das einzige reinrassige Vorkommen in Deutschland gewesen sein“, sagt Pabel. Kreuzungen mit Hausschafen oder anderen Rassen habe es hier nicht gegeben. „Diese Genressource ist jetzt verloren gegangen, das macht es so bedauerlich.“

Peter Pabel, Experte für Mufflons, Wolfsberater und von Beruf Förster, hält in der Göhrde das Schriftstück „Einbürgerung des Muffelwildes“ in den Händen, welches 1910 gedruckt wurde.

Nachdenklich schaut Pabel sich in dem Naturschutzgebiet um, in dem er sie oft beobachtet hat. Einst hat Kaiser Wilhelm II. hier gejagt. Statt der vielen Kiefern in der eher flachen Göhrde stehen vereinzelt Eichen auf trockenem Heideboden, mächtige Bäume auf kleinen Hügeln. „Von da konnten sie weit gucken“, erklärt Pabel. Geholfen hat es nicht. „Die letzten habe ich hier im Herbst 2017 gesehen“, sagt er. 

Wolf löscht Mufflon-Population in drei Jahren aus

Bis zu 300 waren es, dann kam der Wolf. „Das ging mit unglaublicher Rasanz, nach drei Jahren hatte er die Population ausgelöscht.“ Nur ganz vereinzelt würden noch Mufflons außerhalb gesichtet. Pabel hatte vergeblich versucht, einige einzufangen, alle Versuche scheiterten. Er sieht die Sache differenziert. „Es liegt mir fern, einen Krieg gegen den Wolf anzuzetteln“, betont er ausdrücklich. „Ich bin selbst Wolfsberater und dem Tier gegenüber durchaus positiv eingestellt.“ 

Manch Förster und Waldbesitzer in Deutschland ist von den Wildschafen genervt, weil einige von ihnen die Rinde von den Bäumen ziehen. Auch der Naturschutzbund Nabu sieht die Mufflons hierzulande höchst kritisch. So fordert er in Nordrhein-Westfalen sogar, die Art komplett abzuschießen. Das Mufflon sei an die weichen Böden nicht angepasst und habe mit Hufproblemen zu kämpfen. „Das Muffelwild passt nicht überall hin“, bestätigt Pabel. 

Alte Eichen stehen im Breeser Grund in der Göhrde, den ehemaligen Lebensraum der Mufflons.

In der Göhrde habe es keine Probleme gegeben. „Richtig ist: Der Mensch hat es hier in die Natur gebracht - da scheiden sich die Geister.“ An vielen Orten in Europa wurden die Mufflons als Jagdwild oder Zugewinn für Parks und Waldgebiete ausgesetzt. So wurde Deutschland zu einem der Hauptvorkommen, während die Wiederkäuer in ihrer Heimat zumindest stark gefährdet sein sollen.

Wolf gefährdet bundesweit Mufflon-Bestand 

„Der bundesweite Bestand wurde vor einigen Jahren auf rund 8000 geschätzt. Wir wissen aber nicht, wie viele es heute sind“, sagt Sebastian Kolberg, der beim Nabu auf Bundesebene für den Artenschutz zuständig ist. 

Im Westen und Süden wird bislang nur selten ein Wolf gesichtet, so soll es allein in Nordrhein-Westfalen noch etwa 2500 Mufflons geben. Ganz anders dagegen sieht es im Osten aus. „Sollte sich der Wolf bundesweit etablieren, so ist nicht davon auszugehen, dass die Population in Deutschland dauerhaft bestehen wird“, sagt Kolberg. 

Der Wolf gefährdet den Mufflon-Bestand in ganz Deutschland.

In Niedersachsen leben nach Schätzungen der Landesjägerschaft rund 250 von bundesweit etwa tausend Wölfen. Noch sind die Schafe dort nicht überall verschwunden, so im Harz und in Schaumburg-Lippe. Ein genetisch vermutlich ähnlich gutes Vorkommen wie früher in der Göhrde lebe im Ost-Harz in Sachsen-Anhalt, sagt Pabel.

Lesen Sie auch: Rodewalder Wolf - Abschussgenehmigung verlängert

Mufflons im Harz noch nicht vom Wolf gefährdet 

Noch gibt es im Harz kein Wolfsrudel, doch das dürfte sich nach Einschätzung des niedersächsischen Umweltministeriums mittelfristig ändern. Dann haben die Wiederkäuer auch dort ein Problem. „Es fehlen großflächige steile und steinige Hanglagen“, erklärt Ministeriumssprecherin Lotta Cordes. „Wenn man die Mufflons erhalten will, muss man rechtzeitig etwas tun“, warnt Pabel nach den Erfahrungen in der Göhrde. 

Der Naturschutz werde seiner Verantwortung nicht gerecht, wenn er sich nicht auch um die Arterhaltung des Mufflons kümmere. „Um ein vollständiges Erlöschen zu verhindern, unterstützt das Land die Bemühungen um eine Sicherung der genetischen Ressourcen des Muffelwildes in Niedersachsen“, sagt Cordes. 

Peter Pabel, Experte für Mufflons, Wolfsberater und von Beruf Förster, geht in der Göhrde mit seinem Hund Anouk spazieren. Mehr als hundert Jahre streiften die Mufflons durch das abgelegene Waldgebiet östlich von Lüneburg, nun sind sie weg.

„Das gilt auch für Fangversuche wie in der Göhrde, sollten sie eines Tages etwa im Harz notwendig werden.“ Und wie reagieren Jäger? „Jagd in Deutschland muss nachhaltig sein“, sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband. „Wenn es bei einer Art weniger Nachwuchs als Todesfälle gibt, dann sollte nicht geschossen werden“, betont er. „Wir züchten in den Zoos exotische Tiere wie Schneeleoparden, die vom Aussterben bedroht sind“, die Mufflons dagegen hätten keine große Lobby.

dpa

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