Mehr Abschüsse gefordert

Streit über die Wölfe-Obergrenze in Niedersachsen

Wie viele Wölfe soll es zukünftig in Niedersachsen geben? Über diese Frage streiten das Landvolk und Umweltminister Olaf Lies. Zum Schutz vor dem Wolf wurden 82 Kilometer Zaun aufgestellt.

  • Sollen 300 oder 500 Wölfe in Niedersachsen leben?
  • In dreieinhalb Jahren fast 100 Weideflächen wolfsabweisend fest eingezäunt.
  • Stephan Weil fordert mehr Wolf-Abschüsse.

Hannover - Das Landvolk in Niedersachsen hält eine Höchstzahl von 300 Wölfen in dem Bundesland für gerade noch vertretbar. Eine Obergrenze von 500 Wölfen, wie sie Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) ins Spiel gebracht habe, gehe „weit über das erträgliche Maß unserer Weidetierhalter und dicht besiedelten Kulturlandschaft hinaus“, sagte Landvolk-Vizepräsident Jörn Ehlers in Hannover. Olaf Lies hatte kürzlich erklärt, er könne sich in Niedersachsen nicht mehr als 500 Wölfe vorstellen.

Bundesland:Niedersachsen
Fläche:47.709 Quadratkilometer
Einwohner: 7.993.608
Gründung:1. November 1946

Zurzeit leben in Niedersachsen 35 Wolfsrudel in freier Wildbahn. Die genaue Zahl der Tiere ist nicht bekannt. Das Landvolk sieht die „Grenze des Ertragbaren“ damit erreicht. „Wir unterstützen Umweltminister Olaf Lies darin, dass es einen Bestand geben muss, der den Erhalt, aber auch die Akzeptanz der Tierart sichert“, sagte Jörn Ehlers. Dazu müsse konsequent jährlich der Zuwachs, der darüber hinausgehe, erlegt werden. Nur dann habe die Weidetierhaltung mit Schafen, Ziegen, Kühen und Pferden in Niedersachsen überhaupt noch eine Chance. „Eine Regulierung erst ab einem Bestand von 500 Wölfen ist für unsere Weidetierhalter eine Zumutung“, betonte Jörn Ehlers.

Wolf in Niedersachsen: Nabu zufrieden mit Herdenschutz

Um Tiere wie Schafe vor Wolfsrissen wie in Dörpel zu schützen, gibt es das Projekt „Herdenschutz Niedersachsen“. Der Umweltverband Nabu hat nun eine positive Bilanz des Projektes gezogen, bei dem Ehrenamtliche helfen, wolfsabweisende Zäune aufzustellen. In den vergangenen dreieinhalb Jahren seien bei 50 Tierhaltungen fast 100 Weideflächen wolfsabweisend fest eingezäunt worden, sagte Nabu-Projektleiter Peter Schütte in Schneverdingen (Heidekreis). Dies seien etwa 530 Hektar und 82 Kilometer neue Zäune vom Nordseedeich bis zum Harz.

Wie viele Wölfe soll es in Niedersachsen geben? Landvolk und Umweltministerium haben unterschiedliche Vorstellungen.

Das Projekt „Herdenschutz Niedersachsen“ empfiehlt Elektrozäune. Da Wölfe in der Regel Hindernisse untergraben, darf der unterste elektrische Leiter nur 20 Zentimeter vom Boden entfernt sein. Nicht nur zum Thema Zäune, sondern auch zum Einsatz von Herdenschutzhunden wurden mehr als 130 Weidetierhalter beraten. Etwa die Hälfte waren Schaf- beziehungsweise Ziegenhalter, ein Viertel besaß Rinder und ein Fünftel Pferde. Zwei Halter hatten Wildgehege.

Jede Weidefläche und Haltung müsse individuell betrachtet werden, sagte Peter Schütte. Daher sei das Ziel, die Aktivitäten fortzusetzen. „Das Umweltministerium hat eine zukünftige Förderung heute zugesagt, das freut uns sehr“, sagte Nabu-Landeschef Holger Buschmann. Er hob besonders den Einsatz der Ehrenamtlichen hervor, die in mehr als 5500 Stunden Arbeit Weidetierhalter beim Aufstellen der wolfsabweisenden Zäune unterstützt hätten. Die Freiwilligenarbeit diene dem Schutz der Schafe, Rinder und Co. vor Wolfsübergriffen, gleichzeitig entstehe gegenseitiger Respekt und Verständnis zwischen Naturschützern und Tierhaltern.

Der vermutlich bekannteste Wolf in Niedersachsen ist der sogenannte Rodewalder Rüde (GW717m). Der Wolf ist bis zum Ende des Jahres 2020 zum Abschuss freigegeben worden. Eine Ende März ausgelaufene Genehmigung hatte nicht zum Abschuss des Rodewalder Wolfs geführt. Das teilte das Niedersächsische Umweltministerium mit. Notwendig sei eine weitere Genehmigung geworden, da es entgegen einer günstigen Prognose von März weitere Wolfsrisse gegeben habe.

Stephan Weil für mehr Abschüsse von Wölfen in Niedersachsen

Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil hält mehr Abschüsse von Wölfen für nötig, um Nutztiere im Land wirksamer vor Rissen schützen zu können. „Wölfe, die auf Pferde und Rinder gehen, verhalten sich nicht artgerecht“, sagte der SPD-Politiker der Bild-Zeitung. Die neue Wolfsverordnung müsse den Weg für energischeres Vorgehen frei machen. „Wenn es nach Umweltminister Olaf Lies und mir ginge, hätten wir schon viel mehr Abschüsse“, erklärte Stephan Weil. „Dass das noch nicht möglich war, stört uns sehr.“

Die zunehmende Verbreitung von Wölfen auch in Niedersachsen verschärft den Gegensatz zwischen den Interessen von Naturschützern und Nutztierhaltern: Einerseits soll sich der Wolf möglichst frei entfalten können, auf der anderen Seite beklagen Landwirte und Schäfer vermehrt Angriffe auf ihre Herden. Stephan Weil sagte, er setze darauf, dass es bald mehr Abschüsse gebe. Man dürfe das Verhalten mancher Wölfe nicht verharmlosen: „So mancher Städter spricht über den Wolf wie von einem Kuscheltier. Die Realität sieht anders aus.“

Inzwischen gibt es fast überall in Deutschland Wölfe. Kein Wunder, denn sie können bis zu 70 Kilometer weit in einer Nacht laufen und durchschwimmen Flüsse wie die Weser, Aller oder Elbe. Wölfe haben schnell gelernt in der Nähe von Menschen zu leben, wenn es genug Beute wie beispielsweise Rehe oder Schafe gibt.

Rubriklistenbild: © pp

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