Prävention 

Niedersachsen will Kinder von Islamisten notfalls in Obhut nehmen

Hannover - Inzwischen wächst eine zweite Generation radikalisierter Islamisten heran, warnen Experten. Es handelt sich um die Kinder gewaltbereiter Salafisten. Diese will Niedersachsen künftig besser schützen - und notfalls in Obhut nehmen.

Angesichts einer steigenden Zahl gewaltbereiter Islamistenfamilien prüft Niedersachsen Maßnahmen zum Schutz der Kinder bis hin zu einer Inobhutnahme. Gemeinsam mit Bayern leitet Niedersachsen eine Arbeitsgruppe, die Möglichkeiten der Kinder- und Jugendhilfe im Umgang mit Kindern aus islamistisch-radikalisierten Familien untersucht, teilte das Sozialministerium in Hannover am Montag mit.

Für Jugendämter sollen Empfehlungen zur Früherkennung, Prävention und nötigenfalls auch für Eingreifmaßnahmen erarbeitet werden. Für die Jugend- und Familienministerkonferenz im Mai soll die Arbeitsgruppe zunächst die Rechtslage darstellen.

Die Notwendigkeit eines Eingreifens der Jugendämter ergebe sich aus Fällen in verschiedenen Bundesländern, in denen diese neue Art von Kindeswohlgefährdung eine Rolle spielte, teilte das Ministerium mit. Die Jugendämter könnten schon jetzt familienunterstützende Maßnahmen bis hin zur Inobhutnahme von Kindern veranlassen, wenn das Kindeswohl gefährdet sei. Zu klären sei nun, wann und in welchem Ausmaß Mädchen und Jungen in islamistisch radikalisierten Familien gefährdet seien.

15 Familien unter Beobachtung 

In Niedersachsen sind nach Polizeiangaben rund 15 Familien bekannt, bei denen die Behörden sich Sorgen um die Kinder machen. Über die Fälle berät die Kompetenzstelle Islamismusprävention.

Betroffen sind nach Behördenangaben sowohl die Kinder von hier lebenden Salafistenfamilien als auch die Kinder von Paaren, die nach einer Syrienausreise in ihre deutsche Heimat zurückkehren. "Die Kinder sind teilweise traumatisiert", sagte ein Experte der dpa. "Sie haben dort Schlimmes erlebt."

Gemeinsam mit den Kommunen müsse nach der Betreuung dieser Kinder geschaut werden. Geguckt werden müsse, wie diese Kinder sich hier entwickelten. Seit längerem beobachtet unter anderem die Präventionsstelle gegen islamistische Radikalisierung in Niedersachsen, dass inzwischen schon die Kinder radikalisierter Eltern auffällig werden. Hinweise kämen selbst aus Grundschulen und Kindergärten.

„Eine sensible Frage, wieviel Schutz Kinder innerhalb ihrer Familie brauchen“

Die Fraktionsvorsitzende der niedersächsischen Grünen, Anja Piel, warnte vor symbolpolitischen Gesetzesänderungen und Verschärfungen. "Es war und ist eine sensible Frage, wieviel Schutz Kinder in ihrer Eigenständigkeit und Freiheit auch innerhalb ihrer Familie brauchen und ab wann die Jugendhilfe eingreifen muss." Staatliche Eingriffe in Familienstrukturen wegen möglicher politischer oder religiöser Einflussnahme auf minderjährige Kinder oder Jugendliche wären ein Novum.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Jens Nacke, sprach sich für ein konsequentes Einschreiten der Jugendämter aus. "Wir wollen die betroffenen Kinder künftig auch vor einer islamistischen Beeinflussung ihrer Eltern schützen und verhindern, dass diese für sich und andere zur Gefahr werden."

dpa

Rubriklistenbild: © imago/Winfried Rothermel

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