Versuche in den Nachkriegsjahrzehnten

Niedersachsen will frühere Heimkinder nach Medizintests entschädigen

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Die Dissertation einer Pharmakologin legt nahe, dass in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf Hunderte Kinder von den Medizintests betroffen waren.

Hannover - Frühere Heimkinder, die vor Jahrzehnten in Psychiatriekliniken Medikamententests ausgesetzt waren, werden entschädigt. Das hat das Sozialministerium angekündigt. Erste Betroffene haben sich schon gemeldet. Wie viele Opfer gibt es insgesamt?

Niedersachsen will ehemalige Heimkinder entschädigen, die in der Psychiatrie womöglich illegalen Medizintests der Pharmaindustrie ausgesetzt waren. Geschehen soll das nach Abschluss der laufenden wissenschaftlichen Aufarbeitung der Medizinversuche in den Nachkriegsjahrzehnten, sagte die Abteilungsleiterin im Sozialministerium, Claudia Schröder, am Donnerstag im Gesundheitsausschuss des Landtags. „Wir werden, wenn wir den Abschlussbericht vorliegen haben, unter Einbeziehung der Betroffenen das Thema der Entschädigung prüfen." 

Das tatsächliche Leid könne kaum noch ermittelt und kompensiert werden. "Wir können nur anerkennen, dass hier in höchstem Maße Unrecht geschehen ist und der Staat das nicht verhindert hat." 

Dissertation bringt Versuche ans Licht

Ans Licht gekommen waren die umfangreichen Medizinversuche an Heimkindern in Westdeutschland durch die 2016 veröffentlichte Dissertation der Pharmakologin Sylvia Wagner. Mindestens 286 Kinder waren demzufolge in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf von Versuchen mit Schlafmitteln und Psychopharmaka betroffen. Die Studie, deren Ergebnisse zu Jahresende vorliegen sollen, untersucht auch mögliche Eingriffe an Jugendlichen in der Göttinger Psychochirurgie in den siebziger Jahren. Außer in Niedersachsen gibt es eine Aufarbeitung der Medizintests auch in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. 

Bund, Länder und Kirchen hatten 2017 die Stiftung "Anerkennung und Hilfe" ins Leben gerufen, die Entschädigungen für Menschen vorsieht, denen als Kinder und Jugendliche zwischen 1949 und 1975 Leid und Unrecht in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie widerfahren ist. Betroffene können bis zu 9000 Euro Entschädigung und bis zu 5000 Euro Rentenersatzleistungen erhalten. Wie Abteilungsleiterin Schröder am Donnerstag sagte, müsse geschaut werden, ob diese Entschädigung ausreichend sei. 

Nach der angekündigten Aufarbeitung der Medizintests hätten sich erste Betroffene beim Sozialministerium gemeldet, sagte Schröder. "Ich gehe davon aus, dass sich noch weitaus mehr Menschen melden werden." Deren Daten werden für eine spätere Kontaktaufnahme gespeichert, denn die Ergebnisse der Studie sollen mit den Verbänden der Betroffenen sowie der Pharmakologin Wagner erörtert und möglicherweise auch auf einer Tagung öffentlich vorgestellt werden. 

Schädigungen sollen untersucht werden

Mögliche Betroffene sollen auch durch eine Sichtung von Patientenakten ermittelt werden. Da deren Aufbewahrungsfrist aber längst abgelaufen ist, wird dies wohl keine vollständige Liste ermöglichen. 

Auch die Pharmaindustrie wolle ihre Akten öffnen, sagte Schröder. "Medikamentenversuche an Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Heimerziehung in Niedersachsen zwischen 1945 und 1976" lautet der Forschungsauftrag. Untersucht werden soll insbesondere, ob und wie mit Versuchen gegen ethische und rechtliche Vorgaben verstoßen wurde und in welchem Umfang die betroffenen Kinder darunter gelitten haben und Schäden davon trugen. 

Dass der Untersuchungszeitraum bis 1976 begrenzt worden sei, hänge mit seitdem verschärften Vorschriften für Medizintests zusammen, sagte Schröder. Westdeutsche Pharmaunternehmen seien für umstrittene Medikamententests danach auch in die DDR ausgewichen.

- dpa

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