Polizei und Feuerwehr

Adipöse Igel und illegaler Welpenhandel: Notfall-Einsätze auch für Tiere

Es passiert immer wieder, dass Polizisten und Feuerwehrleute ausrücken, um nicht einem Menschen, sondern stattdessen einem Tier zu helfen. Das kann verschiedene Gründe haben.

Hannover/Isernhagen/Kassel - Ein adipöser Igel im Abwasserrohr, eine Kuh auf einem Baugerüst, eine abgesperrte Autobahn für eine Entenfamilie - immer wieder rücken Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr für Tier-Rettungsaktionen an. Aber auch die Ermittlungen in Zusammenhang mit illegalen Aktivitäten wie Welpenhandel oder dem Diebstahl von Tieren gehören immer wieder zu den Aufgaben von Polizisten.

Bundesland:Niedersachsen
Landkreis:Region Hannover
Einwohner:536.925 (31. Dez. 2019)
Stadtgliederung:51 Stadtteile in 13 Stadtbezirken

Ein aktueller Fall ist der Nasenbär, den die Tier- und Artenschutzstation Wildtierhilfe in Isernhagen verletzt aufgenommen hatte und der dann aus seinem Gehege verschwunden war. Mittlerweile wurde er wiedergefunden. Er war Ende Februar mit einem kurz zuvor amputierten Schwanz gefunden worden. Die Tierpfleger gingen davon aus, dass das Tier illegal gehalten wurde, weil er keinen Chip trug. Kurz nach seiner Ankunft meldete die Station einen Einbruch und das Verschwinden des Tieres. In der vergangenen Woche hatte ein Passant den Nasenbären schließlich auf einem Parkplatz entdeckt und die Polizei verständigt.

Das Tier ist inzwischen zurück in der Tierschutzstation, die über Facebook mitteilt, „dass der Nasenbär gesund und wohlauf ist. Die behandelnde Tierärztin hat direkt nach dem Fund das Tier gänzlich durchgecheckt und medizinisch behandelt“. Die Ermittlungen der Polizei dauern jedoch an. Es gehe weiterhin um den Verdacht des Diebstahls und des Hausfriedensbruchs, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag in Hannover. Die Beamten prüfen demnach, wieso das Tier vor Tagen aus dem Gehege der Wildtierhilfe in Isernhagen verschwand und wer möglicherweise etwas damit zu tun hat.

Zuflucht im Patientenzimmer: Fledermaus sucht Schutz vor der Kälte

Zu den Einsätzen, die nicht mit weiteren Ermittlungen verbunden sind, gehört einer von Anfang Februar, bei dem sich eine Fledermaus in ein Krankenhaus in Hannover verirrt hatte. Vermutet wird, dass sie in dem warmen Patientenzimmer Zuflucht vor der winterlichen Kälte gesucht hat. Polizeioberkommissar Alexander Schmitz weiß, wenn man eine Fledermaus einfangen will, ist vor allem eines wichtig: Sie sollte nicht fliegen. Eine fliegende Fledermaus einzufangen ist fast unmöglich. Das Tier einzufangen war nun aber seine Aufgabe. Beim Eintreffen der Polizisten unternahm das Tier zunächst einen Fluchtversuch. Es verkroch sich hinter einem Heizungsrohr, sagte der 34-Jährige vom Kommissariat Nordstadt in Hannover.

Diese Fledermaus hatte vermutlich Schutz vor den winterlichen Temperaturen gesucht. Polizisten mussten sie aus einem Patientenzimmer in einem Hannoveraner Krankenhaus holen.

Man könne sie nicht mit Lederhandschuhen anfassen, die Tiere reagierten darauf aggressiv, sei er gewarnt worden. Beim beherzten und behutsamen Zugreifen leistete das kleine Flattertier dann aber keinen Widerstand. Schmitz habe das Tier anlocken, packen und in eine Schachtel mit Luftlöchern stecken können. Bei der Tierschutzorganisation BUND bleibt es bis zum Frühjahr, dann soll es im Bereich des Klinikums wieder ausgewildert werden. Es sei „schön, wenn man Tieren helfen kann“, sagte Schmitz. „Ein Tier gibt einem immer etwas zurück.“ Im Fall der Fledermaus sicher nicht so leicht erkennbar. Hunde dagegen seien dankbar, wenn sie sich an jemanden „anlehnen“ könnten.

Statistik: „Tier“ fasst von der Kuh auf dem Dach bis zum Schwan am Gleis alles zusammen

Es geht jedoch auch um einiges größer und ungewöhnlicher als eine Fledermaus im Krankenzimmer. Eine Kuh auf einem meterhohen Brücken-Baugerüst zum Beispiel. Diese sorgte im Mai 2018 im oberbayerischen Oberaudorf für Aufsehen. Zwei Dutzend Menschen halfen bei der Bergung. Als vor einigen Jahren ein Reh im Alsterfleet trieb, löste das ebenfalls einen Großeinsatz aus. Auch wenn die Feuerwehr bei solchen Einsätzen kostenfrei arbeitet, hat der Hamburger Senat beschlossen, künftig eine Gebühr von Besitzern zu erheben*, wenn ihre Haustiere die Hilfe der Feuerwehr benötigen.

Eine Kuh bestieg ein Baugerüst an der Arzmoosbrücke und stürzte zwischen Brücken und Baugerüst zwei Etagen ab. Von dort konnte sie nicht mehr weg und musste von der Feuerwehr befreit werden.

Im selben Jahr gab es einen Einsatz in Morsbach-Rom bei Gummersbach, nachdem eine Kuh von ihrer Weide ausgebüxt war. Sie trabte einen Hang hinunter, auf das Wellblechdach einer Veranstaltungshalle - und brach ein. Anderswo gab es: einen adipösen Igel im Abwasserrohr, einen Bussard, der in eiskaltem Wasser um sein Leben rang oder eine Ente, die mit vier Küken über die A45 bei Dortmund watschelte. Die Polizei fing die Küken per Kescher.

Jeder Einsatz, bei dem ein Tier eine Rolle spielt, wird unter dem Stichwort ‚Tier‘ erfasst

Sprecher des Innenministeriums Nordrhein-Westfalen

Unklar ist, wie viele Tierrettungen Verkehrsbehinderungen verursachen. Die Innenministerien der Länder führen zwar Statistiken, aber „Tierrettung“ gibt es als Sparte häufig nicht. „Jeder Einsatz, bei dem ein Tier eine Rolle spielt, wird unter dem Stichwort ‚Tier‘ erfasst“, sagte etwa ein Sprecher des Innenministeriums in Nordrhein-Westfalen. „Das kann aber zum Beispiel auch nur ein Tierkadaver sein.“ Die Deutsche Bahn führt ebenfalls keine Statistik über Tierrettungsversuche entlang der Gleise. Angaben zu Kosten und Schäden sind einer Bahnsprecherin zufolge daher nicht möglich. Auch die Polizei Hannover erfasst diese Einsätze statistisch nicht.

Für die Rettung von Tieren ist in der Regel die Feuerwehr zuständig.

Zuständig für die Rettung von Tieren sei in der Regel die Feuerwehr, sagte eine Sprecherin des Deutschen Feuerwehrverbandes. Der Deutsche Feuerwehrverband gibt auf seiner Website unter anderem eine Übersicht über Einsätze nach Tätigkeitsbereichen für das Jahr 2018 sowie das Vorjahr. Unter dem Stichwort „Tier“ sind dort insgesamt 40.974 Einsätze aufgeführt. Für 2017 sind es 37.516 gewesen. Im Vergleich: In der Kategorie „Brände und Explosionen“ finden sich 248.077 Vermerke, für 2017 203.419.

Haustiere sind derzeit sehr gefragt, das fördert aber auch den illegalen Tierhandel

Mit einem echten tierischen Notfall hatte Torsten Schrader, Polizeibeamter im hannoverschen Stadtteil Lahe, zu tun. Bei einer Verkehrskontrolle fand er kurz vor Weihnachten 2018 in einem Lieferwagen 50 Tauben und acht Hundewelpen, offensichtlich für den illegalen Handel bestimmt. Ihm sei klar gewesen, dass etwas nicht stimme. Eine Tierärztin habe ihm bestätigt, dass die Hundebabys viel zu jung seien, um verkauft zu werden. Die Welpen wurden einem Tierheim übergeben. „So hat man den Tieren vielleicht Leid erspart“, sagte der 46-Jährige.

In der Corona-Pandemie sind Haustiere ganz besonders gefragt. Das lockt unseriöse Züchter und Händler an. Der illegale Tierhandel blüht denn auch laut Tierschutzbund in Deutschland.

Denn Welpenhandel ist ein Problem: In Tierheimen gebe es „so gut wie keine Hunde und Katzen mehr“, sagte Schrader. In der Corona-Pandemie sind Haustiere ganz besonders gefragt. Das lockt unseriöse Züchter und Händler an. Der illegale Tierhandel blüht denn auch laut Tierschutzbund in Deutschland. Nach Angaben der Tierärztin würden die Welpen für Summen zwischen 800 und 1000 Euro gehandelt, sagte der Beamte. Die illegalen Händler seien daher „nicht froh“ gewesen, als sie die Hunde abgeben mussten.

Ausgenommen von der Hilfsbereitschaft sind nur Löwen und Tiger

Nicht immer können die Einsatzkräfte einen Einsatz mit einem geretteten Tier beendet. So hatte Feuerwehr Gelsenkirchen kürzlich in einem fast zweistündigen Einsatz mit einer am Kirchturm baumelnden Taube zu tun. Feuerwehrleute kamen mit einer Drehleiter, Höhenretter stiegen bis in die Turmspitze, einer von ihnen kletterte auf das Geländer. Das Tier war schon länger tot. „Das hat auch was mit Ethik zu tun“, sagte ein Feuerwehrsprecher. „Schöner wäre es gewesen, wir hätten Leben retten können.“

Schöner wäre es gewesen, wir hätten Leben retten können.

Sprecher der Feuerwehr Gelsenkirchen

Wie in Nordhessen, wo ein Schwan kurz vor Weihnachten 2020 auf einer ICE-Strecke saß und den Verkehr lahmlegte. Zwei Schwäne hatten sich in den Bereich der ICE- Schnellfahrstrecke verirrt. Eines der beiden Tiere war vermutlich in die stromführende Oberleitung geraten, hieß es von der Bundespolizei Kassel. Das Tier konnte von den Beamten nur noch tot geborgen werden. Sein trauernder Gefährte saß noch im gefährlichen Bereich der Gleise.

Zwei Schwäne hatten sich bei einem Ausflug in den Bereich der ICE- Schnellfahrstrecke verirrt. Eines der beiden Tiere war vermutlich in die stromführende Oberleitung geraten und konnte von Beamten der Bundespolizei Kassel nur noch tot geborgen werden. Sein trauernder Gefährte saß noch im gefährlichen Bereich der Gleise.

Die Bahnstrecke wurde vorübergehend für den Zugverkehr gesperrt. Mehrere Versuche, das Tier aus dem Gefahrenbereich zu locken, blieben ohne Erfolg. Die Feuerwehr aus Fuldatal musste anrücken, um mit speziellem Equipment den Schwan von den Gleisen zu heben. Der überlebende und unversehrte Schwan konnte später durch die Feuerwehr an der Fulda ausgesetzt werden.

Im August sorgte die Münchner Feuerwehr wegen eines Karpfens für Schlagzeilen: Der Fisch war nur zum Teil mit Wasser bedeckt, in einem Bottich wurde er zur Feuerwache gebracht. Der „betagte Graskarpfen“ fand schließlich eine neue Heimat im hauseigenen Zierteich der Wache. Ausgenommen von der Hilfsbereitschaft seien nur: „Löwen und Tiger“. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. Mit Material der dpa.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Wiesbaden112.de

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