Giftinformationszentrum Nord schlägt Alarm

Mehr Pilzvergiftungen als in den Vorjahren

Göttingen - In den Wäldern in Niedersachsen sprießen die Pilze, denn es ist warm und feucht. Auch die Zahl der Pilzvergiftungen steigt. Gefährdet sind unter anderem Flüchtlinge aus Syrien. In ihrer Heimat gibt es essbare Pilze, die von giftigen hierzulande kaum zu unterscheiden sind.

Das Giftinformationszentrum Nord in Göttingen schlägt Alarm: Die Zahl der Pilzvergiftungen ist in diesem Sommer extrem gestiegen. Alleine im Juli habe es mehr als 130 Anfragen zu Pilzvergiftungen gegeben, sagte Co-Chef Andreas Schaper. "Das sind doppelt so viele Fälle wie in den vorherigen Jahren." Auch im August habe sich dieser Trend bisher fortgesetzt. Es habe bereits mehrere sehr schwere Knollenblätterpilz-Vergiftungen gegeben, zum Glück aber noch keine Todesfälle.

Hauptursache für die beunruhigende Entwicklung sind die derzeit guten Wachstumsbedingungen für Pilze, weil es warm und extrem feucht ist. "Je mehr Pilze wachsen, desto größer ist die Zahl der Vergiftungen", sagte Schaper. Er warnte alle Unkundigen dringend davor, Pilze zu sammeln und dann zu essen.

Grüne Knollenblätterpilze besonders gefährlich

Gefährdet seien zum einen kleinere Kinder, die im Garten, im Wald oder im Kindergarten Pilze essen, sagte der Leiter des Giftinformationszentrums, Martin Ebbecke. Gefährdet seien außerdem unerfahrene Sammler, die durch die Wälder streiften und sammelten, ohne sich richtig auszukennen.

Die größte Gefahr geht nach Angaben von Gift-Experte Schaper von grünen Knollenblätterpilzen aus. "Sie enthalten Zellgifte. Ihr Verzehr kann zu schweren Leberschäden und im schlimmsten Fall auch zum Tod führen." Verwechslungsgefahr bestehe mit verschiedenen Champignon-Arten, aber auch mit Täublingen, sagte Experte Ebbecke.

Zum Verwechseln ähnlich

"Besonders tückisch ist, dass Knollenblätterpilze genießbaren Speisepilzen aus anderen Regionen der Welt zum Verwechseln ähnlich sehen", sagte der Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, Holger Foerster, aus Uslar im Solling. Dies gelte zum Beispiel für Teile der früheren Sowjetunion.

In der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zum Beispiel wurden im Juli mehrere aus Osteuropa stammende Patienten mit Knollenblätterpilz-Vergiftungen aufgenommen. In den vergangenen Jahren hatte es in Norddeutschland wiederholt auch Todesfälle gegeben. 2015 zum Beispiel war ein Pilzsammler aus Bremerhaven gestorben.

Bereits rund 30 Geflüchtete behandelt

Besondere Gefahr besteht nach Darstellung des Pilz-Sachverständigen Foerster auch für Flüchtlinge aus Syrien, weil es dort essbare Pilze gebe, die von der giftigen Sorte in Deutschland kaum zu unterscheiden seien. In der MHH waren im vergangenen Jahr rund 30 Geflüchtete behandelt worden. Wer sich aus Unkenntnis mit Knollenblätterpilzen vergifte, bemerke dies meist zu spät, sagte Foerster. "Denn Knollenblätterpilze riechen angenehm. Und sie sollen dem Vernehmen nach auch gut schmecken", sagte der Experte.

Bei Verdacht auf Vergiftung mit Knollenblätterpilz müssten Betroffene unbedingt ins Krankenhaus gebracht werden, sagte Experte Schaper. Dort könne man ein Gegengift geben.

Das an der Universitätsmedizin Göttingen angesiedelte Giftinformationszentrum Nord ist eine Gemeinschaftseinrichtung der Länder Bremen, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Hauptaufgabe ist die Beratung von Laien und Fachleuten bei akuten Vergiftungsfällen. Das Zentrum ist unter der Notrufnummer 0551/19240 erreichbar.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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