Kein Märchen mehr - die Schafe und die Wölfin von Goldenstedt

Hannover - Von Peer Körner. Zunächst herrschte fast durchweg Begeisterung, als die Wölfe zurückkehrten. Doch nicht immer ist das Raubtier so scheu wie erwartet. Nutztierrisse haben kritische Stimmen lauter werden lassen, vor allem in Niedersachsen.

Die Wölfin von Goldenstedt sorgt für Schlagzeilen, immer wieder schlägt sie zu. Das etwa drei Jahre alte Tier hat sich an Schafe als Beute gewöhnt und ist in den Kreisen Vechta und Diepholz unterwegs. Die Behörden haben ihr bis Mitte November 31 gerissene Tiere innerhalb eines Jahres genetisch nachweisen können, bei 37 weiteren konnte nur noch der allgemeine Nachweis Wolf geführt werden. Danach hat es weitere Risse gegeben. 9500 Euro an Entschädigungen wurden in der Region ausgezahlt, weitere 77.000 Euro für wolfsabweisende Zäune bewilligt.

„Ich war bis jetzt der Meinung, dass jedes Tier seine Daseinsberechtigung hat, aber jetzt muss ich an meine Existenz und meine Familie denken“, sagt Schäfermeister Tino Barth. Er allein hat 13 teils hochprämierte Schafe verloren. „Das Tier respektiert nichts. Ich begrüße jede Lösung - das kann auch eine Entnahme sein, in welcher Form auch immer.“ Entnahme, das kann Gehege bedeuten, doch meist wird das Wort verwendet, wenn Erlegen gemeint ist. Barth hat deutlich höhere Elektrozäune als vorgesehen.Auf einer anderen Weide hat er es mit Eseln als Wächtern versucht, die Medien haben groß darüber berichtet. Jetzt hat er zwei Herdenschutzhunde angeschafft. Der Konflikt zwischen Schäfer und Wolf ist uralt, aber in Deutschland war er fast 200 Jahre lang nur noch in Märchenbüchern ein Thema.

Nach der Wiedervereinigung haben sich die Tiere rasant ausgebreitet. „Bundesweit sind vermutlich knapp 400 freilebende Tiere unterwegs“, sagt Wildbiologin Britta Habbe von der Landesjägerschaft. Das wären mehr als doppelt so viele wie noch vor drei Jahren. Zunehmend meldeten sich 2015 auch Kritiker dieser Entwicklung zu Wort. Nicht nur getötetes Vieh sorgte immer wieder für Schlagzeilen, auch zeigten sich Wölfe mehrfach weit weniger scheu, als erwartet. So kommen die Mitglieder des auf dem Truppenübungsplatz Nord bei Munster lebenden Rudels mehrfach bis auf wenige Meter an Menschen heran, mitten am Tag trollt ein Wolf durch Wildeshausen und bei Goldenstedt wird ein Tier an einem Waldkindergarten gesichtet.

Schäfer in Goldenstedt fürchtet um seine Existenz

Doch auch Anhänger der Wölfe haben gewichtige Argumente: „Der Wolf ist als Rückkehrer in sein ehemaliges Verbreitungsgebiet ein natürlicher Bestandteil unserer Ökosysteme“, heißt es etwa beim Nabu. „Jeder Förster kann sich eigentlich freuen, wenn der Wolf die oft zu hohen Wildbestände etwas reduziert“, sagt Nabu-Wolfsexperte Markus Bathen. „Er agiert dabei auch als Gesundheitspolizist, der kranke und schwache Tiere bevorzugt.“ Wölfe sind in Deutschland streng geschützt und dürfen nicht gejagt werden. Da wäre die Wölfin von Goldenstedt der erste Wolf, dem es nach der Wiedervereinigung legal an den Kragen geht, doch danach sieht es derzeit nicht aus.

Zwar haben FDP und CDU im Landtag sogar den Abschuss gefordert, doch Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) möchte das Tier erstmal nur mit einem Sender ausstatten. „Nach derzeitigem Stand ist die Forderung nach Abschuss des Wolfes der Aufruf zum Rechtsbruch“, sagt er. „Eine Entnahme ist im Artenschutzrecht das letzte Mittel zur Problemlösung. Sie ist nur zulässig, wenn es dazu keine Alternativen gibt.“ Zunächst müssten jetzt alle Möglichkeiten zur Verbesserung des Herdenschutzes eingesetzt werden, heißt es beim Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz NLWKN. Laut NLWKN ereigneten sich 94 Prozent der Angriffe auf ungeschützten Weiden. So habe die Wölfin gelernt, dass Nutztiere leicht verfügbare Beute sind.

„Erst wenn ein Wolf mehrfach wolfsabweisende Schutzmaßnahmen überwindet, ist er als auffällig einzustufen“, betont NLWKN-Sprecherin Herma Heyken. „Die Herdenschutzhunde für Tino Barth fördern wir mit 80 Prozent, wie es die Richtlinie vorsieht.“ „Die Wölfin von Goldenstedt hat gelernt, auch hohe Elektrozäune zu überwinden - damit ist sie für mich eine Problemwölfin“, sagt Wolfsexperte Frank Faß, Leiter des Wolfcenters Dörverden bei Bremen. „Es muss eine Option geben, dieses Tier zu entnehmen“, sagt Faß. Entnahme heißt für ihn: Tod. „Die Unterbringung in einem Gehege wäre nicht tierschutzkonform“, so Faß. „Die Erlegung eines Problemwolfes muss eine Option bleiben, dabei geht es nicht um Stimmungsmache gegen Wölfe im allgemeinen“, betont er. „Sonst verlieren wir bei den Haltern jede Akzeptanz beim Thema Wolf.“

Hütehunde und Esel und hohe Zäune auf jeder Weide seien nicht zu leisten. Faß fordert schon lange ein länderübergreifendes Wolfsmanagement, bald soll es kommen. „Vieles wurde in den vergangenen Monaten wahnsinnig aufgebauscht“, sagt Buchautor Eckhard Fuhr zur Debatte über die Wölfe. „Es gibt im Moment keine Anzeichen dafür, dass Wölfe bei uns ein unangemessenes Verhalten zeigen“, sagt er. „Wenn sich aber ein Tier wie die Wölfin von Goldenstedt auffällig verhält, so muss man konsequent Gegenmaßnahmen ergreifen, die auch auf die Tötung des Tieres hinauslaufen können.“
dpa

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