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Ex-Militär in Niedersachsen vor Gericht: Er soll Killern bei Morden geholfen haben

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Von: Fabian Raddatz

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Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Celle
Der gambische Angeklagte (2. v. r.) sitzt neben seinem Anwalt Marco Neumann (r.) und Baba Hydara (4. v. l.), dem Sohn des verstorbenen Deyda Hydara im Gerichtssaal. © Ronny Hartmann/dpa

Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord und versuchter Mord. Dafür muss sich ein Mann seit Montag vor einem Gericht in Niedersachsen verantworten.

Celle – Er soll einer berüchtigten Spezialeinheit angehört haben und an Attentaten beteiligt gewesen sein: Ein Mann aus Gambia steht seit Montag, 25. April 2022, in Niedersachsen vor Gericht. Die Anklageschrift hat es dabei in sich: Dem Ex-Militär werden Mord, versuchter Mord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

Die Bundesanwaltschaft ist sich sicher: Der 46-jährige Gambier Bai L. ist an grausamen Verbrechen beteiligt gewesen. Zwischen 2003 und 2006 soll er Mitglied der sogenannten Junglers gewesen sein, eine Spezialeinheit der gambischen Armee unter Befehl des damaligen Diktators Yahya Jammeh. Das berichtet unter anderem der NDR.

Ex-Militär in Niedersachsen vor Gericht: Auftragsmorde, Gräueltaten, Folter

Die Junglers wurden eingesetzt, wenn es darum ging, „die Bevölkerung einzuschüchtern und die Opposition zu unterdrücken“, wie es der Vorsitzende Richter formulierte. Ihre bevorzugten Mittel: Auftragsmorde, Gräueltaten, Folter. So soll das Todesschwadron 2003 auf den Rechtsanwalt Ousman Sillah angesetzt worden sein.

Als Sillah eines Abends nach Hause kam, sollen die Killer bereits auf ihn gewartet haben. Noch im Auto wurde Sillah von mehreren Schüssen getroffen – und überlebte wie durch ein Wunder schwer verletzt.

Ein Jahr später tötete das Killerkommando den regierungskritischen Journalisten Deyda Hydara, ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP. Hydara fuhr am Abend des 16. Dezembers 2004 zwei Kolleginnen nach Hause, als Unbekannte aus einem Taxi ohne Nummernschild das Feuer eröffneten. Hydara war sofort tot. Der Fall sorgte international für Aufsehen und wurde bis heute nicht offiziell aufgeklärt.

In einem dritten Fall sollen die Junglers einen mutmaßlichen Gegner des Präsidenten erschossen haben.

Bundesstaatsanwaltschaft: Bai L. soll als Fahrer an den Tötungen beteiligt gewesen sein

Der Angeklagte Bai L. soll an allen Verbrechen als Fahrer beteiligt gewesen sein, sagt die Bundesstaatsanwaltschaft. Bei dem Anschlag 2003 habe er die Attentäter zum Anschlagsort gefahren, ein Jahr später soll er geholfen haben, das Auto des Journalisten Deyda Hydara anzuhalten. Den mutmaßlichen Gegner des Präsidenten fuhr er zu seiner Erschießung.

Dass er an allen drei Mordaufträgen beteiligt gewesen sei, gab L. bereits 2013 in einem Interview mit dem gambischen Online-Radiosender „Freedom Radio“ zu. Dort packte er über alle Details der Gräueltaten der Junglers aus, behauptete aber auch, nie selbst gemordet zu haben.

Nun muss das Oberlandesgericht (OLG) in Celle entscheiden, ob sich L. an den Tötungen mitschuldig gemacht hat. Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft.

Darum kann Bai L. in Niedersachsen angeklagt werden

Dass es überhaupt möglich ist, Bai L. in Deutschland für Verbrechen im afrikanischen Gambia anzuklagen, liegt am sogenannten Weltrechtsprinzip. Dieses besagt, dass Menschen, die Straftaten gegen das Völkerrecht verübt haben, auch hierzulande angeklagt werden können – selbst wenn diese Taten im Ausland verübt wurden. Bai L. kam später als Flüchtling nach Deutschland. Im März 2021 wurde er in Hannover festgenommen.

Das Verfahren sei ein wichtiges Signal, dass Deutschland kein sicherer Hafen für Kriegsverbrecher sei, zitiert der NDR Whitney-Martina Nosakhare, Rechtsexpertin bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Auch für die Menschen, die unter der Herrschaft des damaligen Diktators Yahya Jammeh gelitten haben, sei der Prozessauftakt ein wichtiger Moment. Ebenso für die Hinterbliebenen der Mordopfer, die nun hoffen, endlich herauszufinden, was mit ihren Verwandten geschehen ist.

Prozess in Celle kann auch Signal für den Diktator selbst sein

Das Verfahren in Celle könnte auch ein Signal an Jammeh selbst sein, der Gambia 22 Jahre lang grausam regiert hatte und 2017 von anderen afrikanischen Staaten aus dem Land gejagt wurde, nachdem er eine Wahlniederlage nicht anerkennen wollte. Er lebt bis heute unbehelligt in Äquatorialguinea, mehrere tausend Kilometer entfernt.

Nosakhare hofft, dass Jammeh und andere Beteiligte irgendwann zur Rechenschaft gezogen werden. Und dass der Prozess in Celle dafür den Weg bereite.

Weitere Gerichts-Nachrichten

Vor dem Landgericht Bremen müssen sich am Montag, 25. April 2022, zwei Brüder verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, 19 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben. In einem anderen Prozess sind fünf Männer angeklagt, weil sie mit einem Koks-Taxi 1,5 Millionen Euro eingenommen haben sollen.

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