Vielfältige Gründe

„Bedingt freiwillig“ im Knast: Ehemalige Häftlinge lassen sich wieder einsperren

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Einige ehemalige Straftäter lassen sich freiwillig in eine Justizvollzugsanstalt einweisen.

Raus aus dem Knast - für viele Straftäter ist das das große Ziel nach einer Haftstrafe. Doch was, wenn draußen niemand wartet oder die sozialen Bedingungen nicht gut sind?

Hannover - Eigentlich sind sie auf freiem Fuß und können die Zelle hinter sich lassen - trotzdem haben sich zehn ehemalige Häftlinge in Niedersachsen im vergangenen Jahr freiwillig wieder einsperren lassen. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie ein Sprecher des Justizministeriums in Hannover erläuterte. Mal fehlt eine Wohnmöglichkeit für das Leben in Freiheit. Bei anderen ehemaligen Häftlingen gab es Alkoholrückfälle und damit verbunden die Gefahr, dass sie erneut Straftaten begehen könnten. „Die Betroffenen wurden daher zeitweise auf freiwilliger Basis wieder aufgenommen“, sagte der Sprecher des Justizministeriums, Martin Speyer.

2017 gab es 14 Fälle, in denen Häftlinge in Niedersachsen freiwillig im Gefängnis blieben oder dorthin zurückkehrten - meist aber nur für einige Wochen. „Eine Statistik dazu, wie viele Straftaten verübt werden, um ins Gefängnis zu kommen, gibt es nicht“, sagte der Ministeriumssprecher. Ehemalige Häftlinge hätten die Möglichkeit, freiwillig wieder in einer Justizvollzugsanstalt aufgenommen zu werden, wenn ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft gefährdet sei oder dadurch neue Straftaten verhindert werden könnten.

Sozialarbeiter wie Peter Thomsen von der Anlaufstelle für Straffällige in Hannover kennen die Probleme der Betroffenen. Denn wenn auch ein Aufenthalt im Gefängnis für viele Menschen wie ein Alptraum klingt, so ist er für manche doch eine echte Alternative, wenn sie sich in prekären Situationen befinden. „Das ist dann aus meiner Sicht meist nur bedingt freiwillig“, erläuterte der Sozialarbeiter.

Gefängnisse sind oft auch Schutzraum

Menschen in einer sozialen Notlage und Obdachlose begingen auch manchmal geringfügige Diebstähle, um über die Runde zu kommen. Diese „Eierdiebe“, wie Thomsen sie nennt, seien die Ärmsten der Armen. „Das Leben auf der Straße ist sehr teuer“, meinte er. Für Tickets für den öffentlichen Nahverkehr etwa sei das Geld oft nicht da, deswegen würden aus Betroffenen Schwarzfahrer. Und manchmal hat der Sozialarbeiter auch den Eindruck, dass Straftaten bewusst begangen werden, um ins Gefängnis zu kommen.

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Betroffene gingen aber auch zur Erholung, zur Genesung oder zur Entgiftung freiwillig zurück hinter Gitter. Denn anders als auf der Straße ist in der JVA eine medizinische Versorgung verfügbar. „Das Gefängnis ist auch ein Schutzraum“, sagte der Sozialarbeiter. Aufstehen um sechs, Frühstück um sieben, Arbeiten von acht bis sechzehn Uhr - für manche sei ein solch strukturierter Tagesablauf eine Alternative zu einem Leben in Armut oder auf der Straße. Thomsen hat auch beobachtet, dass Obdachlose manchmal versuchen, ihren Haftantritt in den Winter zu verschieben, damit sie in den kalten Monaten eine warme Bleibe haben.

Und freiwillig ins Gefängnis gingen auch diejenigen, die eine Geldstrafe nicht zahlen könnten oder wollten. Diesen Menschen werde zwar gesagt, dass ihre Haft vermeidbar sei, sagt Thomsen. Doch viele kümmere das nicht, auch wenn die Zeit im Gefängnis ihre Lage nicht verbessere.

dpa

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