Niedersachsen legt Castoren an die Kette

Hannover - Eine mangelhafte Dokumentation zieht die Stabilität der Transporthaken von Castorbehältern in Zweifel. Niedersachsens Umweltminister zückt erst einmal die rote Karte für die Transporter von Atommüll.

In Niedersachsen dürfen 58 Castorbehälter mit radioaktivem Müll vorerst nicht mehr bewegt werden. Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) begründete das am Freitag mit der mangelhaften Dokumentation der Qualitätsprüfungen für die sogenannten Tragzapfen, die an den vier Ecken der Container angebracht sind. Sein auch für die Atomaufsicht zuständiges Ministerium will entsprechende Genehmigungen erst erteilen, wenn die zum Anheben der tonnenschweren Behälter nötigen Haken ausgetauscht sind oder ein lückenloser Nachweis über deren Zuverlässigkeit besteht.

Bundesweit seien inklusive der niedersächsischen Behälter 315 Castoren betroffen. Eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums sagte in Berlin: „Wir gehen davon aus, dass die Sicherheit der Behälter nicht betroffen ist, da die Tragzapfen jederzeit ausgetauscht werden können.“ Zur Frage, ob der aktuelle Vorgang bundesweit Konsequenzen habe, wollte sie sich nicht äußern.

„Auch wenn von dem Fall derzeit keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben ausgeht, haben wir es offenbar mit einem Defizit in der Sicherheitsphilosophie zu tun“, sagte Wenzel in Hannover. Im Moment sei unklar, wie die mangelhafte Dokumentation entstanden sei. Dadurch könne zur Zeit aber nicht aufgelistet werden, bei welchem Teil Qualitätsprobleme existieren und bei welchem nicht.

Tatsächliche Fertigungsmängel sollen laut Behälterhersteller GNS bisher aber nicht festgestellt worden sein. 92 vorsorglich an unbeladenen Castoren ausgetauschte Tragehaken hätten die erforderliche Qualität gehabt. Die überall in Deutschland zwischengelagerten Behälter müssen gelegentlich für Reparaturen, Inspektionen oder auch für die alle fünf Jahre anstehende verkehrsrechtliche Zulassung bewegt werden.

Wenzel informierte ebenfalls über ein meldepflichtiges Ereignis im Atomkraftwerk Grohnde, bei dem am Vortag ein Leck an einer Abwasserleitung entdeckt worden war. Dabei war etwa ein Liter Destillat ausgetreten, das an dieser Stelle der Anlage in der Regel nicht radioaktiv ist. Die Schadstelle an einer Schweißnaht wurde mittlerweile abgedichtet; in einer Untersuchung soll nun die Ursache geklärt werden. Das AKWwird im Rahmen einer routinemäßigen jährlichenRevision mit dem parallel stattfindenden Austausch von 20 Brennelementen von diesem Samstag an bis Anfang Mai vom Netz genommen. Ein zweiter Brennelementewechsel steht im Oktober an.

Der Umweltminister forderte im Zusammenhang mit der Entdeckung rostiger Deckelschrauben an einem 30 Jahre alten Fass mit radioaktivem Abfall im Zwischenlager Leese (Landkreis Nienburg) den Neubau einer Lagerhalle, für die der Bund die Kosten zu tragen hätte. Er geht von geschätzten Kosten in Höhe von 10 bis 15 Millionen Euro und einem mehrjährigen Genehmigungsverfahren aus.

dpa

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