Fragen und Antworten 

Diakonie warnt vor wachsender Zahl suchtkranker alter Menschen

Hannover - Die Mischung ist oft das Problem: Neben zahlreichen Medikamenten genehmigen alte Menschen sich oft auch ein Gläschen - und niemand mag daran Anstoß nehmen. Tatsächlich wächst aber die Suchtproblematik bei alten Menschen. Die Diakonie will nun gegensteuern.

Oft ist es ein Cocktail aus verordneten Medikamenten und Alkohol: Eine wachsende Zahl alter Menschen hat nach Einschätzung der Diakonie in Niedersachsen ein Suchtproblem. In drei Regionen des Landes gibt es bereits ein Modellprojekt, das versucht, gegenzusteuern. Nun will die Diakonie das Projekt landesweit ausdehnen, sagte Diakoniedirektor Christoph Künkel am Mittwoch in Hannover. Ärzte und Angehörige sollen im Zweifelsfall angesprochen und die Zahl der verschriebenen Medikamente verringert werden.

Gibt es konkrete Zahlen zu Suchtproblemen älter Menschen?

Nach einer Studie des Bundesgesundheitsministeriums zeigen etwa 15 Prozent der Menschen, die von ambulanten Pflegediensten oder in stationären Altenheimen betreut werden, einen problematischen Alkohol- oder Medikamentenkonsum. Bei etwa fünf Prozent der über 60-Jährigen in Deutschland müsse von einem problematischen Konsum von Psychopharmaka ausgegangen werden - vor allem von Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Die Diakonie hat bei ihrem Projekt festgestellt, dass viele ältere Menschen fünf oder mehr Medikamente täglich einnehmen, und dies auch von Angehörigen wegen des hohen Vertrauens in das Tun der Ärzte nicht hinterfragt wird.

Und wie sieht es mit Alkohol aus?

Unter den erwachsenen Männern sind die 60 bis 69-Jährigen am stärksten von riskantem Alkoholkonsum betroffen. Fast jeder vierter dieser Altersgruppe trinkt täglich mindestens 20 Gramm reinen Alkohol und trägt damit ein erhöhtes Risiko für zahlreiche Krankheiten. Auch in der Damenwelt trinkt jede sechste 50- bis 59-Jährige riskante Mengen Alkohol. Das Problem: Grundsätzlich vertragen ältere Menschen Alkohol schlechter als jüngere, vielfach gibt es Wechselwirkungen mit verordneten Medikamenten.

Weshalb springen Suchtprobleme älterer Menschen weniger ins Auge?

Bei Rentnern entfällt die soziale Kontrolle durch die Arbeitsstelle und das Einschreiten des Arbeitgebers, wenn es Auffälligkeiten gibt. Da Sucht im Alter meist hinter verschlossenen Türen stattfindet, wird das Ausmaß oft unterschätzt. Ausfallerscheinungen älterer Menschen wie Stürze, Schwindel oder Verwirrtheit werden außerdem leicht dem Alter zugeschrieben und nicht mit einem problematischen Konsum von Alkohol oder Medikamenten in Verbindung gebracht.

Wer ist verantwortlich für die wachsenden Probleme?

Die Diakonie sieht vielfältige Faktoren. Ärzte und Apotheker sehen verabreichte Medikamente als Heilmittel, Patienten fordern Arznei für ihr Wohlbefinden ein und Altenpflegeeinrichtungen fühlen sich bei unruhigen Patienten auf Medikamente angewiesen. Angehörige wollten alten Menschen den Konsum von Alkohol oft ungern reglementieren nach dem Motto, in höherem Alter sei dies eh egal. Diakonie-Direktor Christoph Künkel kreidet diese Einstellung an: "Es sagt ja auch niemand: Lass die alten Menschen sich ruhig vergiften."

Was ist das Konzept der Diakonie?

Bei dem zweijährigen Projekt in stationären und ambulanten Altenpflegeeinrichtungen im Raum Osnabrück, Celle sowie Diepholz/Sulingen übte das Pflegepersonal, eine Suchtproblematik bei Ärzten, Angehörigen und Betroffenen anzusprechen. Außerdem wurden die Medikamentenpläne regelmäßig überprüft, denn eine körperliche Abhängigkeit kann schon nach einigen Wochen entstehen. Am Ende konnten etliche Pillen schlicht abgesetzt werden. Auch wurde das Personal selber zurückhaltender beim Verabreichen von Medizin, die die Ärzte für den Bedarfsfall verschrieben hatten.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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