Forderung: Höhere Hartz-IV-Sätze

Beschämend und erschütternd: Kinderarmut in Niedersachsen steigt immer noch

Keine guten Zahlen: In Niedersachsen lebt fast jedes vierte Kind in Armut. Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert eine passgenaue Kindergrundsicherung.

Günterloh - Immer mehr Kinder in Niedersachsen leben in Armut. In konkreten Zahlen heißt dies: zirka 300.000 Jungen und Mädchen oder 23 Prozent. Das Schlimme: Die 23 Prozent sind drei Prozentpunkte mehr als 2010. So eine aktuelle Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Und weiter stellt die Studie fest, es habe sich die Kinderarmut ähnlich wie die allgemeine Armut in Niedersachsen negativer entwickelt. Meint: Es sind mehr geworden.

Armutsquote Niedersachsen23,2 Prozent (2019)
NRW25,2 Prozent
Bayern13,1 Prozent
Schleswig-Holstein19,6 Prozent Quelle: Paritätischer Wohlfahrtsverband

Bundesweit lebten 2019 fast 2,8 Millionen Minderjährige in Armut, etwa 350.000 mehr als 2010. Dies entspricht eine, Prozentsatz von 20,5 gegenüber 18,2 (2010). „Es ist beschämend und erschütternd, wie sich Kinderarmut in diesem reichen Land verschärft und verhärtet“, sagt Joachim Rock von der Forschungsstelle. Besonderes „hart und heftig“ treffe es neben alleinerziehenden auch kinderreichen Familien.

Neben Niedersachsen ist auch in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bremen die Kinderarmut in den vergangenen Jahren gestiegen. Besonders hart seien kinderreiche Familien und Alleinerziehende von Armut betroffen, so der Paritätische Wohlfahrtsverband. Die Studie kritisiert, dass das Sozialsystem offenbar nicht ausreiche, um Kinderarmut effektiv zu verhindern. Eine konkrete Forderung lautet: bedarfsgerechte und einkommensunabhängige Kindergrundsicherung, sowie einen Rechtsanspruch auf Angebote der Jugendarbeit.

Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut. Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert eine einkommensunabhängige Kindergrundsicherung.

Gegen Armut müsse es eine eigenständige Kindergrundsicherung geben, fordert auch die Landesarmutskonferenz. Zudem sei eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf notwendig. Die Hartz-IV-Regelsätze müssten um 20 Prozent steigen und prekäre Arbeitsverhältnisse drastisch reguliert werden.

Die Bundesregierung hat in den vergangenen zehn Jahren einiges unternommen, um die Kinderarmut zu bekämpfen. Dazu gehörten: Erhöhungen des Kindergeldes und der Hartz-IV-Sätze, Reformen beim Kinderzuschlag und dem Unterhaltsvorschuss, ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, damit Eltern arbeiten können. Laut den neusten Zahlen ist es mit diesen Maßnahmen nicht gelungen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisiert deshalb das bestehende System der Sozialleistungen als zu ineffektiv.

Alleinerziehende oft von Kinderarmut betroffen

Alleinerziehende und ihre Kinder sind laut der Studie zufolge deutlich überproportional von finanzieller Armut bedroht. Knapp 43 Prozent aller Ein-Eltern-Familien deutschlandweit gelten als einkommensarm, wie aus einer veröffentlichten Erhebung für die Bertelsmann Stiftung hervorgeht.

Von den Paar-Familien mit einem Kind gelten neun Prozent als einkommensarm. Mit zwei Kindern trifft es elf Prozent. Obwohl Alleinerziehende in den meisten Fällen erwerbstätig sind, können sie demnach trotzdem mit ihrem Einkommen für sich und ihre Kinder häufig nicht das Existenzminimum sichern.

Das Armutsrisiko für Alleinerziehende - zu 88 Prozent sind es Frauen - und ihre Kinder verharre auf hohem Niveau, betont Studienautorin Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt. 2020 bezogen rund 34 Prozent der alleinerziehenden Familien Grundsicherung nach SGB II (besser bekannt als Hartz IV). Ihr Anteil liege damit fast fünfmal höher als bei Paar-Familien.

Kinderarmut trifft Hartz-IV-Empfänger

Die Realität heißt laut Bertelsmann Stiftung nicht selten: Arm trotz Arbeit. Unter alleinerziehenden Müttern sind 71 Prozent berufstätig, fast die Hälfte arbeitet in Vollzeit oder vollzeitnah. Unter den alleinerziehenden Hartz-IV-Beziehern sind 40 Prozent erwerbstätig - kämen also ohne ein „Aufstocken“ nicht über die Runden.

Die Studie stellt Daten zur relativen Einkommensarmut von 2019 und zum SGB-II-Bezug von 2020 nebeneinander - es handele sich um die jeweils aktuellsten Zahlen. Nach gängiger Definition gelten Menschen als armutsgefährdet, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte verfügen. Die Grenze lag 2019 für eine Alleinerziehende mit einem Kind bei 1396 Euro.

Anne Lenze sieht politische Bewegung, es brauche aber mehr Reformen. Immerhin leben inzwischen 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche - gut 16 Prozent aller Minderjährigen - in einer Ein-Eltern-Familie - Tendenz steigend. Und nahezu die Hälfte - 45 Prozent - aller Kinder im Hartz-IV-Bezug wachse bei alleinerziehenden Familien auf, die unter allen Familien nicht einmal ein Fünftel ausmachten. 2019 gab es 1,52 Millionen Ein-Eltern-Familien mit minderjährigen Kindern.

Bei vielen Alleinerziehenden ist das Geld knapp. (Symbolbild)

„In den 2010er-Jahren gab es eine Phase der Prosperität (wirtschaftlicher Aufschwung, Anm. d. Red.), doch diese kommt bei der ärmeren Bevölkerung nicht an - insbesondere bei den Kindern nicht“, sagt Andreas Aust, Referent für Sozialpolitik beim Paritätischen Verband. Arm zu sein, bedeutet für Mädchen und Jungen meist nicht, an Hunger zu leiden. Doch finanziell benachteiligte Kinder und Jugendliche haben zu Hause weniger Rückzugsraum, melden sich bei Schulausflügen häufiger krank oder können ihren Geburtstag seltener feiern. Sie fühlen sich häufig beschämt, ausgegrenzt und insgesamt unsicherer, wie die Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zeigte.

Rubriklistenbild: © ZDF / Manuel Dalitz

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Mit Alpakas gegen Corona: So wollen Göttinger Forscher die Pandemie beenden

Mit Alpakas gegen Corona: So wollen Göttinger Forscher die Pandemie beenden

Mit Alpakas gegen Corona: So wollen Göttinger Forscher die Pandemie beenden
Vergewaltigung in Leer: Opfer war erst 16 Jahre alt

Vergewaltigung in Leer: Opfer war erst 16 Jahre alt

Vergewaltigung in Leer: Opfer war erst 16 Jahre alt
Inzidenz in der Türkei: Auswärtiges Amt warnt von Reisen an den Bosporus

Inzidenz in der Türkei: Auswärtiges Amt warnt von Reisen an den Bosporus

Inzidenz in der Türkei: Auswärtiges Amt warnt von Reisen an den Bosporus
Neue Hitzewelle im Anflug auf Europa: Diese Urlaubsländer trifft es

Neue Hitzewelle im Anflug auf Europa: Diese Urlaubsländer trifft es

Neue Hitzewelle im Anflug auf Europa: Diese Urlaubsländer trifft es

Kommentare