Niedersachsen plant Impfkonzept

Kontroverse um Corona-Impfungen für Schulkinder – Experten skeptisch

Niedersachsen ist das erste Bundesland, das ein Corona-Impfkonzept für Schulkinder vorgestellt hat. Die Erstimpfungen sollen noch vor den Sommerferien erfolgen. Aber der Plan ist umstritten.

Hannover - Die geplanten Corona-Erstimpfungen für Schulkinder ab zwölf Jahren noch vor den Sommerferien stoßen aus geteiltes Echo. Schulleiterinnen und Schulleiter in Niedersachsen haben Zustimmung signalisiert. Verbandsvorstand René Mounajed sehe dies als möglichen „großen Schritt zu mehr Normalität“, berichtete der Norddeutsche Rundfunk am Mittwoch.

Es habe hohe Priorität, dass bei weiteren Impffortschritten nun die Gesundheit der Schüler stärker in den Blick genommen werde. Der Schulleitungsverband unterstütze daher das Vorhaben der Landesregierung zum Impfen an den Schulen. Falls der Wirkstoff von Biontech/Pfizer für die Altersgruppe ab zwölf Jahren zugelassen wird und die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Empfehlung abgibt, soll die Kampagne anlaufen. Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) hatte das Konzept am Dienstag vorgestellt.

Corona-Impfungen für Kinder: Ständige Impfkommission zurückhaltend

Mit Biontech/Pfizer hat der erste Hersteller eine EU-Zulassung für 12- bis 15-Jährige beantragt. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA will demnächst ihre Entscheidung dazu bekannt geben. In Deutschland muss dann aber nicht zwingend eine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für alle Kinder folgen.

Vorerst gab sich die Stiko mit Verweis auf die noch unvollständige Datenlage zu Corona-Risiken für Kinder zurückhaltend. Momentan wisse man kaum etwas über die Nebenwirkungen von Corona-Impfungen bei Kindern, erklärte Stiko-Mitglied Rüdiger von Kries in der Sendung „RBB-Spezial“. „Bei unklarem Risiko kann ich zurzeit noch nicht vorhersehen, dass es eine Impfempfehlung für eine generelle Impfung geben wird.“

Zudem müsste das Land vom Bund wohl viele zusätzliche Dosen für den Plan zur Impfung von Schülern zugeteilt bekommen. Der Kinderarzt Thomas Buck, Mitglied im Vorstand der Landesärztekammer, warnte in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“: „Wir Kinderärzte wissen nicht recht, was wir von diesem Schnellschuss halten sollen.“

Wir Kinderärzte wissen nicht recht, was wir von diesem Schnellschuss halten sollen.

Kinderarzt Thomas Buck, Mitglied im Vorstand der Landesärztekammer

Inzwischen hat sich auch der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank-Ulrich Montgomery, gegen eine Empfehlung für eine Corona-Impfung von Kindern zum jetzigen Zeitpunkt ausgesprochen. „Gegenwärtig gibt es noch zu wenig Daten, die Aussagen über das Risiko der Corona-Impfung bei Kindern zulassen“, sagt er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Klar sei aber, dass der Krankheitsverlauf bei Kindern deutlich geringer und weniger gefährlich sei als bei Erwachsenen oder Betagten. Deswegen habe die Ständige Impfkommission Recht, wenn sie angesichts dieser beiden Fakten bisher keine Impfung bei Kindern empfehle.

Auch der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) wandte sich dagegen, Impfungen in den Schulen durchzuführen. Als Erstes seien vielmehr die Kinderarzt-Praxen gefragt. 

Niedersachsen will nun auch Kindern Impfungen möglich machen.

Niedersachsen: Corona-Impfungen für Schüler könnten im Juli starten

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) warb bei Eltern und Schülern darum, das geplante Angebot zu nutzen, um wieder einen sicheren Betrieb der Schulen zu ermöglichen. Es bleibe aber eine freie Entscheidung. Die Impfaktion könnte demnach im Juli beginnen, die Zweitimpfung dann Ende August bis Anfang September folgen.

Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte hatte zu bedenken gegeben, dass im Moment noch nicht alle Beschäftigten an den Schulen geimpft seien. Es fehlten auch Überlegungen, wie mit nicht-geimpften Schülern verfahren werden soll - etwa auf Klassenfahrten. Solche Fragen müssten vor einer Impfkampagne für Schüler erst noch geklärt werden.

Corona-Impfungen für Jugendliche: Auch Bremen plant Impfkonzept

Auch das Land Bremen bereitet sich auf Corona-Impfung von Jugendlichen vor: Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren sollten vor allem in den Impfzentren geimpft werden, heißt es in einer Pressemitteilung des Gesundheitsressorts. Geplant sei, dass Kinder- und Jugendärzte und mobile Teams in Schulen und Freizeiteinrichtungen die Impfkampagne ergänzen.

In der Stadt Bremen leben etwa 30.000 Jugendliche in dieser Altersgruppe, in Bremerhaven sind es 6.600. Mit einer Zulassung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer für Jugendliche wird für Anfang Juni gerechnet.

Bundesland:Niedersachsen
mindestens einmal geimpft: 41,3 Prozent (3.301.380)
vollständig geimpft:12,6% (1.009.906)

„Auch wenn es in dem gesamten Prozess noch einige ungeklärte Fragen gibt, wollen wir gut vorbereitet sein“, sagte Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). Sie forderte vom Bundesgesundheitsministerium, dem kleinsten Bundesland ausreichend zusätzlichen Impfstoff für die Jugendlichen zur Verfügung zu stellen.

Nutzen und Risiko: Impfungen für Kinder und Teenager in der Pandemie

Ob Kinder eine Corona-Impfung brauchen, darüber sind sich Politiker, Ärzte und Experten uneinig. Eltern sind verunsichert. Die Vor- und Nachteile einer Kinder-Impfung.

Was ist bei einer Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche anders als bei Erwachsenen?
Kinder sind biologisch keine kleinen Erwachsenen. Es reicht also nicht, eine Impfdosis einfach an ihre Körpergröße oder ihr Körpergewicht anzupassen. Für jedes Medikament sind grundsätzlich eigene Studien in der jungen Altersgruppe nötig. Für den Antrag auf Zulassung für 12- bis 15-Jährige reichte für Hersteller Biontech/Pfizer allerdings ein Test an nur rund 1000 Teenagern. Der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist das für ihre Empfehlung nicht genug.
Wie gefährdet sind Kinder und Teenager überhaupt durch Covid-19?
Für Mediziner geht es bei einer Impfung wie bei Erwachsenen zuerst um den individuellen Schutz - und erst dann um den Schutz der Gemeinschaft. Bei Kindern gilt das Selbstschutz-Argument nicht so stark wie bei Älteren: Sie erkranken deutlich seltener als Erwachsene an Covid-19. Wenn, können auch sie vereinzelt schwere Verläufe entwickeln. Bis zum 23. Mai sind nach Daten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie knapp 1550 Kinder und Jugendliche mit Covid-19 ins Krankenhaus gekommen, davon waren 37 Prozent jünger als ein Jahr. Rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen wurden auf einer Intensivstation behandelt, 0,3 Prozent starben an Covid-19. Angenommen wird, dass ein erheblicher Teil der Infektionen ohne oder nur mit milden Krankheitsanzeichen verläuft.
Lassen sich Kinder auch anders als durch eine Impfung schützen?
Für Kinder unter zwölf Jahren rechnet Stiko-Mitglied Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt in Berlin, nicht vor Ende des Jahres mit einem zugelassenen Impfstoff. Auch die Immunisierung von Teenagern bis 16 Jahre werde im Falle einer Zulassung dauern. Charité-Virologe Christian Drosten verweist auf Daten aus Großbritannien: Vier Wochen nach den Osterferien bleibe die Infektionsrate in den Schuljahrgängen niedrig, twitterte er jüngst. Die neuen Zahlen aus Großbritannien seien die Folge eines Schulbetriebs mit intensiver Testung und zunehmend geimpfter Erwachsenen-Bevölkerung sowie weit gesenkter Wocheninzidenz.
Welche Rolle spielen Kinder für die Herdenimmunität?
Nach einer Studie unter Leitung von Virologe Christian Drosten sind Kinder und Jugendliche ähnlich ansteckend wie Erwachsene. Die sogenannte Viruslast sei in allen Altersgruppen in etwa gleich, berichten die Forscher im Fachmagazin „Science“. Darum zählen auch Kinder und Jugendliche, wenn es um das Erreichen einer schützenden Herdenimmunität geht. Sie lässt sich nur erreichen, wenn ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist oder die Infektion durchgemacht hat. Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, nennt derzeit einen Anteil Immuner von 80 Prozent als Zielmarke, bisher sind erst 14,3 Prozent der Menschen hierzulande vollständig geimpft. Minderjährige haben in Deutschland einen Anteil von 16,4 Prozent an der Bevölkerung.

Mit Material der dpa

Rubriklistenbild: © Stefan Puchner/ dpa

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