Notenfreie Zeit an Schulen

Kritik an „Leerlauf“ vor den Sommerferien

Hannover - Von Tim Scholz. Sportfeste, Projekttage und Ausflüge: Zwei Wochen vor den Sommerferien kehrt an den Schulen Niedersachsens und Bremens der alljährliche „Leerlauf“ ein. Oder doch nicht? Die Lehrer wollen von Entspannung nichts wissen, die Schüler fordern „guten Unterricht“. 

Die Noten stehen fest, die Luft ist raus. Dennoch sind etwa zwei Wochen vor den Sommerferien in Niedersachsen und Bremen die Terminkalender vieler Schulen prall gefüllt. Sportfeste, Projekttage und Exkursionen stehen an, außerdem gemeinsames Eisessen und Frühstücken. Aktionen, die den Zusammenhalt in den Klassen stärken sollen. Die Begeisterung der Schüler hält sich allerdings in Grenzen. „Vor allem findet in den letzten beiden Schulwochen pädagogisch Sinnvolles und Wertvolles statt“, erklärt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Doch die Motivation der Schüler schwindet vor den großen Ferien. Sie meinten oftmals, dass alles gelaufen sei und man sich „hängen lassen“ könne, sagt Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbands Niedersachsen.

Doch Entspannung ist ein Fremdwort - zumindest aus Lehrersicht. Denn für Schüler und Lehrer gibt es jede Menge zu tun: Ausgeliehen Bücher müssen zurückgegeben und Klassenräume aufgeräumt werden. Und auch der Unterricht geht weiter. Dazu kommt: Theoretisch können Noten bis zur Zeugnisausgabe geändert werden. Der Zeitraum zwischen Notenvergabe und Zeugnisausgabe variiert an den Schulen in Niedersachsen und Bremen zwischen einer und zwei Wochen, am 31. Juli beginnen in beiden Ländern die Ferien. Die Schulleitung der Goetheschule in Hannover plant mit sechs Tagen. Motivationsprobleme? „Warum sollten junge Menschen nicht unter dem Druck von Noten lernen wollen? Es gibt viele Dinge, die man mit Freude in der Schule gemeinsam machen kann“, sagt Schulleiter Wilhelm Bredthauer.

Der Philologenverband empfiehlt, die Noten möglichst spät festzulegen. Es dürfe nicht der Eindruck eines „vorzeitigen Ferienbeginns“ entstehen. Und die Schüler? „Es ist schön, etwas für den Klassenzusammenhalt zu tun“, sagt Helge Feußahrens, Vorstandsvorsitzender des Landesschülerrats Niedersachsen. „Es ist trotzdem eine Leerlaufphase, in der jeder gedanklich schon in den Ferien ist.“ Und nicht nur das: Einige liegen bereits vor Ferienbeginn mit ihren Eltern und Geschwistern am Strand und schwänzen damit den Unterricht. Dafür drohen allerdings Geldstrafen. In Bremen sind beispielsweise 75 Euro pro Elternteil und Tag fällig. „Am Ende könnten so die Ersparnisse eines günstigen Reiseangebots zu einem teuren Vergnügen werden“, warnt der Deutsche Reiseverband. Zahlen dazu gibt es zwar nicht. Reiseveranstalter und Lehrerverbände sprechen aber von Ausnahmen.

Die meisten Familien mit Kindern reisen in der Ferienzeit und nutzen selten Last-Minute-Angebote, wie das Touristikunternehmen Tui mitteilt. Der Landesschülerrat nimmt vor allem die Lehrer während der heiklen Zeit vor den Ferien in die Pflicht. „Sie sollten in dieser Zeit guten Unterricht leisten, auch wenn das nicht immer die Regel ist“, meint Feußahrens. Neben Ausflügen und Projekttagen sei die Schlussphase eine gute Gelegenheit, um an Schwächen einzelner Schüler und Klassen zu arbeiten. Doch zu viel Unterricht - den lehnt Feußahrens ab: „Eine leichte Entspannungsphase ist eine Belohnung für ein anstrengendes Schuljahr.“
dpa 

Rubriklistenbild: © dpa-avis

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