Dienst statt Bescherung

Manch einer muss Weihnachten arbeiten

Hannover - Von Berit Böhme. Von wegen Christbaum und Bescherung: Für manch einen heißt es zu Weihnachten ranklotzen statt im Kreis der Liebsten feiern.

Prüfend blickt Willy Dahmen in den Spiegel. Der rote Mantel sitzt wie angegossen, der Bart ist frisch gestutzt und die Geschenke sind gut verstaut. Willy Dahmen ist Weihnachtsmann mit Leib und Seele. Und verzichtet zugunsten Anderer auf die eigene Bescherung. Wie der Mann aus Celle sind viele Menschen zu Weihnachten im Einsatz.

Willy Dahmen ist seit 25 Jahren als Weihnachtsmann unterwegs. „Es gibt ja keinen schöneren Job. Das geht Ende November mit den Betriebsfeiern los.“ Er legt wert auf Qualität beim Kostüm und bei der Ausführung. „Es muss alles ein bisschen besinnlich sein, nach alter Tradition.“ Der Job sei zwar physisch und psychisch anstrengend. Dennoch: „Es könnte das ganze Jahr dauern.“ Bevor er in einer Familie auftritt, erkundigt er sich nach „Vornamen und Alter, den guten und schlechten Seiten“. So gelinge eine persönliche Ansprache. Er bekomme auch viel zurück, etwa wenn Demenzkranke sich an Gedichte und Lieder aus ihrer Kindheit erinnerten. Seine privaten Weihnachten vermisst er nicht. „Was habe ich davon, wenn ich auf dem Sofa sitze?“

Weihnachten arbeiten auch einige Prostituierte - viele aber nur nach Terminabsprache. „Es gibt Sexarbeiterinnen die sagen: „Ich habe viele allein stehende Gäste. Die brauchen jemanden zum Schnacken“. Da sind die Frauen für die Jungs da“, sagt Bea Augustin, Streetworkerin beim Bremer Verein Nitribitt. „Die Gäste sind zu Weihnachten schon mal spendabler.“ Manch Stammgast komme sogar mit einem kleinen Geschenk. Auch viele Bars seien geöffnet. Eine typische Weihnachts-Klientel gebe es aber nicht. „Es sind Freier von 18 bis 80. Egal welchen Standes, egal ob mit Familie oder ohne.“

Die Telefonseelsorge Hannover ist rund um die Uhr besetzt - auch zu Weihnachten. Speziell ausgebildete Ehrenamtliche nehmen die Gespräche an, alles läuft anonym. „Wir sind immer stark nachgefragt, viele Menschen haben ihre Alltagsprobleme und Weihnachten kommt noch oben drauf“, sagt die Leiterin Anke Meyer-Wenzel. Der Dienst an Weihnachten sei schon etwas Besonderes, sagt einer der Freiwilligen, der wie all seine 100 Kollegen nicht namentlich genannt werden darf. „Man merkt ganz deutlich, wieviele Menschen in Deutschland niemanden zum Reden haben. Es gibt sehr viele, die sehr einsam sind. Wir sind sozusagen Ersatz für einen richtig guten Freund oder eine richtig gute Freundin.“

Jana Schucht ist Krankenschwester im Jugendhospiz Löwenherz in Syke. Mal muss sie Weihnachten, mal Silvester Dienst tun. Im Hospiz können unheilbar Kranke von 14 bis 24 Jahren einige Wochen mit Freunden oder der Familie verbringen. „Das ist hier gar nicht so viel anders als wenn man zu Hause Weihnachten feiern würde“, sagt Schucht. „An Heiligabend wird morgens der Weihnachtsbaum aufgestellt und mit Kugeln und Lichterketten geschmückt.“ Abends folgen Bockwurst und Kartoffelsalat und die Bescherung. „Bevor wir uns trennen, gibt es aber das „Bonhoeffer Ritual“.“ Dafür wird ein Zweig mit Kerze vom Baum abgeschnitten, den alle gemeinsam zum Erinnerungsgarten bringen. „In Gedanken sind wir bei denen, die nicht mehr bei uns sind.“

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) koordiniert alle Such- und Rettungsmaßnahmen zwischen Borkum und Usedom. „Weihnachten ist für die Seenotretter nichts Besonderes“, sagt Christian Stipeldey. Der Welthandel kenne keine Feiertage. „Grundsätzlich heißt es an Bord: Rasmus nimmt keine Rücksicht auf christliche Feiertage.“ Rasmus ist seit Jahrhunderten der Inbegriff für die Gewalt der See. „Hier und da gibt es auf den Schiffen aber einen kleinen Weihnachtsbaum“, räumt Stipeldey ein. Zuweilen gehe es an Bord besinnlich zu. „Mit Keksen und Adventstee.“ Zudem gehöre die Radiosendung „Gruß an Bord“ einfach dazu. Die Grußbotschaften an Seeleute in aller Welt werden seit 1953 vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt. „Seeleute sind auch Romantiker.“

„Jeder muss Weihnachten mal ran“, sagt Helge Cassens von der Polizeiinspektion Verden-Osterholz. „Wir achten bei der Dienstplangestaltung aber darauf, dass private Belange mit einbezogen werden.“ In der Weihnachtszeit wird die Dienststelle herausgeputzt. „Wir haben auf den Wachen Weihnachtsbäume und in den Sozialräumen Gestecke mit LED-Leuchten.“ Zudem gebe es Zusammenkünfte bei Kaffee und Kuchen. „Tagsüber ist es schon besinnlicher.“ Doch nachts gebe es bei Einsätzen erfahrungsgemäß „Probleme, die der Alkohol mit sich bringt. Es gibt auch mal eine Beleidigung zu Weihnachten.“
dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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