Niedersachsens erster Regierungschef soll früh von Naziverfolgung profitiert haben

Neue Nazi-Vorwürfe gegen Ex-Ministerpräsident Kopf

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Hinrich Wilhelm Kopf (1893-1961) sitzt am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer. Das Foto stammt aus dem Jahr 1951.

Hannover/Göttingen - Niedersachsens erster Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) war nach neuen Erkenntnissen früher in das NS-System verstrickt als bisher bekannt und profitierte dabei vom Leid der jüdischen Bevölkerung.

Kopf soll bereits ab 1934 - also vor seiner bereits wissenschaftlich nachgewiesenen Tätigkeit für die „Haupttreuhandstelle Ost“ zwischen 1939 und 1942 - als Immobilienmakler Geschäfte auf Kosten verfolgter Juden gemacht haben.

Dies hat der Göttinger NS-Forscher Frank Möbus bei der Untersuchung bislang unbekannter Quellen herausgefunden. „Ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, dass er ein Nazi gewesen ist, aber dass er mit dem Regime zu seinem eigenen Vorteil zusammengearbeitet hat“, sagte Möbus am Dienstag.

Er vermutet, dass in den kommenden Wochen noch weitere Details zu Kopfs Vergangenheit an die Öffentlichkeit kommen werden. „Das ist, steht zu befürchten, nur die Spitze des Eisbergs“, sagte er.

Möbus stützt seine Darstellung unter anderem auf Kopfs Verhalten im Jahr 1933. Ein alter Freund hatte ihm damals die Leitung von zwei Maklerfirmen übertragen, nachdem Kopf von den Nationalsozialisten aus dem öffentlichen Dienst entlassen worden war. Doch weil es sich bei diesem Bekannten um einen Juden handelte, zog sich Kopf Anfang 1934 wieder aus dem Geschäft zurück und gründete - ausgerüstet mit Wissen und Geschäftskontakten des Mannes - eine eigene Immobilienfirma.

Vor einigen Wochen hatte das bislang strahlende Bild von Kopf erste Risse bekommen, nachdem die ebenfalls in Göttingen forschende Wissenschaftlerin Teresa Nentwig in ihrer Dissertation belegt hatte, dass Kopf als Generaltreuhänder der „Haupttreuhandstelle Ost“ den Nazis beim Raub von jüdischem und polnischem Privateigentum geholfen hatte. Für seine Verdienste hatte Kopf - der zu Lebzeiten immer jegliche Verstrickungen in die Verbrechen der Nazis abgestritten hatte - satte Provisionen erhalten.

In der Landespolitik war infolge der Forschung von Nentwig eine Debatte über Kopf entstanden. Politiker aller Parteien, darunter Landtagspräsident Bernd Busemann und Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), hatten eine vollständige Aufarbeitung gefordert. In diesem Zusammenhang soll auch geklärt werden, ob die zahlreichen nach Kopf benannten Straßen, Plätze und Schulen umbenannt werden sollen.

Der Wissenschaftler Möbus sprach sich am Dienstag für Umbenennungen aus: „Wenn Kopf nach 1945 die Wahrheit gesagt und Reue gezeigt hätte, wäre es etwas ganz anderes.“ Kopf hatte - auch im Landtag - jegliche Zusammenarbeit mit den Nazis bestritten und damit laut Weil „den Landtag belogen“.

Möbus sagte, die britische Regierung habe nach dem Zweiten Weltkrieg gewusst, was Kopf gemacht habe. „Das ist ganz klar. Ihnen blieb aber nichts anderes übrig, als auf Belastete zurückzugreifen.“ dpa

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